"Dick und Jane" Slapstick in der Spekulationsblase

Die Erschütterung, die der Enron-Skandal in der amerikanischen Wirtschaft verursachte, ist nun auch in Hollywood angekommen: In dem Remake der Siebziger-Jahre-Komödie "Dick und Jane" werden Jim Carrey und Téa Leoni zu Rächern der geschassten Mittelschicht.

Von Bert Rebhandl


Am 2. Dezember 2001 ging die texanische Firma Enron in Konkurs. Das ehemalige Gas-Unternehmen aus Houston hatte sich als Energiehändler neu erfunden und war schnell gewachsen. Von den nach oben schnellenden Börsenkursen profitierten Manager und Mitarbeiter gleichermaßen. Als sich dann allmählich herausstellte, dass die Geschäftszahlen gefälscht waren, standen die Beschäftigten vor dem Nichts - ihre Altersvorsorge war an der Wall Street verbrannt. Der Name Enron steht heute für eine zynische Ökonomie, die mit fiktiven Werten handelt und den schnellen Profit vor das nachhaltige Wachstum stellt.

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Dick und Jane: Bonnie, Clyde und der böse Boss
Hollywood hat eine Weile gebraucht, um auf diesen Skandal zu reagieren. Zu gigantisch und abstrakt erscheinen wohl dessen Dimensionen. Jim Carrey und Téa Leoni machen nun in der Komödie "Dick und Jane - Zu allem bereit, zu nichts zu gebrauchen" sehr anschaulich, was die bubble economy für die amerikanische Mittelklasse bedeutet.

Dick und Jane leben in einem schönen Haus in einem gepflegten Vorort in Kalifornien. Sie haben einen Sohn, eine Nanny, einen Hund und zwei aufreibende Jobs. Jane muss sich als Assistentin eines unausstehlichen Erfolgsmenschen täglich neue Schikanen gefallen lassen. Für Dick sieht es zunächst besser aus. Die Zeichen stehen auf Beförderung, er darf den großen Boss Jack McCallister (Alec Baldwin) in dessen privatem Domizil besuchen. Wenig später ist Dick schon live auf Sendung - er soll im Fernsehen die Entwicklungen bei seiner Firma Globadyne kommentieren.

Dabei stellt sich heraus, dass er nicht in jeder Hinsicht auf dem neuesten Stand ist - vor allem in gewisse desaströsen Neuigkeiten ist er nicht eingeweiht worden. Die Kurse von Globadyne stürzen noch während dieser Live-Schaltung ins Nichts, und damit auch die Sicherheiten, auf die das Leben von Dick und Jane gegründet ist. Die Harpers müssen von nun an mit deutlich weniger Geld auskommen. Das ist Stoff genug für eine Reihe von komischen Einlagen, die Regisseur Dean Parisot ("Galaxy Quest") bevorzugt als Montagesequenzen zu Musiknummern gestaltet.

Jim Carrey tobt sich in einer Rolle aus, die er schon verschiedentlich variiert hat - auch in "Der Dummschwätzer" war er ein nur teilweise zurechungsfähiger Vater. In "Dick und Jane" hat er mit Téa Leoni, die in "Spanglish" virtuos das hysterische Zentrum eines zentrifugalen Haushalts gegeben hatte, den passenden Widerpart. Die Ehefrau steht bei den Harpers für das Realitätsprinzip, der Ehemann bemüht sich redlich, stolpert aber von einer Demütigung zur nächsten.

Der Film steuert zielstrebig auf den Punkt zu, an dem die legalen Mittel nicht mehr ausreichen. Ein vage refelektiertes, aber präzise gefühltes Recht auf ökonomische Selbstverteidigung bricht sich Bahn. Die Harpers beginnen mit kleinen Überfällen auf Supermärkte und Banken (für die sie sich jedes Mal ganz besonders in Schale werfen). Sie merken aber schnell, dass sie an das große Geld heranmüssen, wenn ihr Kreuzzug nicht nur der persönlichen Bereicherung dienen soll, sondern einer guten Sache.

Die Drehbuchautoren Judd Apatow und Nicholas Stoller haben mit "Dick und Jane" die gleichnamige Komödie von 1977 neu bearbeitet, in der Jane Fonda und George Segal als Nachfolger von Bonnie und Clyde durch die Gegend zogen. Erst mit der Präsidentschaft von George W. Bush, auf dessen leere Versprechungen es in Dean Parisots Version einen deutlichen Seitenhieb gibt, kam aber jenes Klima der Raffgier zurück, in dem ein Paar wie Dick und Jane seine wahre Berufung entdecken kann. Der bürgerliche Haushalt ist nur die Tarnung für ein Ganovenunternehmen, das schon bald so viel Profit erwirtschaftet, dass an eine großflächige Umverteilung gedacht werden muss.

Während Jack McCallister noch damit beschäftigt ist, seine Kapitalreserven in Sicherheit zu bringen, sind ihm Dick und Jane schon auf den Fersen. Alec Baldwin schließt direkt an seine Rolle in Cameron Crowes "Elizabethtown" an, wo er ebenfalls einen ungreifbaren Corporate Executive spielte. Sein McCallister ist ein schmieriger Charmeur, der seine Mitarbeiter mit einer Unterschrift in die Armut stürzt. In Gestalt von Dick und Jane Harper ereilt ihn die Rache des mittleren Managements.

Warum hinterlässt dieser Film, der sich mit Fug und Recht auf die Seite der Betrogenen stellt, trotzdem einen schalen Nachgeschmack? Dean Parisot scheint sich für seine Figuren nicht sonderlich zu interessieren. Dick und Jane sind eingespannt in ein straffes Korsett visueller Ideen, sie erscheinen wie Marionetten in einer Abfolge von mechanischen Gags und schnellen Schnitten. Jim Carrey bekommt kaum einmal Gelegenheit, die Intelligenz seines Slapstick auszuspielen - er ist auf die Rolle des Chaotikers reduziert, dessen Frau mit professioneller Kühle die Kurve kriegt, aus der es ihn wirft.

Die letztlich leichte Komödie kompensiert mit einem Übermaß an Kreativität einen deutlichen Mangel an Emotion - das ist auch eine Form von Hochstaplerei, die jedoch in diesem Fall nicht zum Konkurs führt, sondern zu einer sanften Landung in den mittleren Breiten des Hollywood-Genrekinos.



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