Liebeskomödie "Dicke Mädchen": Jedes Gramm ist ein Genuss

Von Daniel Sander

500 Euro, zwei moppelige Männer, eine Oma und unendlich viele Ideen: "Dicke Mädchen" musste sehr schlank produziert werden. Doch das Debüt beweist, dass Geist immer noch Geld schlägt. Nach Erfolgen in aller Welt läuft der zärtliche Liebesfilm aus Deutschland endlich auch hier an.

Filmemachen kann eine sehr teure Angelegenheit sein. Mehr als 200 Millionen Dollar soll der neue Bond gekostet haben, 250 Millionen der letzte Batman-Film und immerhin noch über 100 Millionen die "Cloud Atlas"-Verfilmung von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern, die diese Woche anläuft. Alles sehenswerte Filme, mit den berühmtesten Schauspielern, den spektakulärsten Spezialeffekten, den aufwendigsten Kostümen, unendlich oft überarbeiteten Drehbüchern, gigantischen Crews.

Als Axel Ranisch "Dicke Mädchen" drehte, hatte er: eine Kamera, zwei befreundete Schauspieler, die auf die Gage verzichteten, seine Oma, weil eine alte Frau mitspielen sollte, ein paar Seiten mit Handlungsideen und dann noch etwa 500 Euro für Catering und Benzin. Das Ergebnis sieht ein bisschen anders als zum Beispiel "Cloud Atlas" aus, ist aber genauso sehenswert.

In "Dicke Mädchen" geht es um den schüchternen Bankangestellten Sven (Heiko Pinkowsi), vielleicht 45 Jahre alt, der nicht viel mehr mit sich anfängt, als jeden Tag zur Arbeit zu gehen und sich sonst um seine demente Mutter Edeltraut (Ruth Bickelhaupt) zu kümmern. Mit der lebt er nicht nur in einer winzigen Wohnung zusammen, sondern schläft auch noch im selben Bett. Klingt tragisch, und das wäre es auch, wenn Sven dabei nicht so furchtbar zufrieden wäre. Er liebt seine Mutter, sie liebt ihn, und sie bewahrt ihn vor den Strapazen eines echten Soziallebens.

Mutti schaut durchs Schlüsselloch

Eigentlich haben es sich die zwei ganz gemütlich eingerichtet. Wenn Sven zur Arbeit geht, kommt der Pfleger Daniel (Peter Trabner) vorbei, ungefähr so alt wie Sven und auch etwas zu dick. Sven ist ein bisschen verliebt in ihn, würde aber nie etwas sagen, denn Daniel hat eine Familie, und überhaupt sagt Sven am liebsten so wenig wie möglich. Also wirft er höchstens mal einen Blick durchs Schlüsselloch, wenn Daniel im Bad ist. Seine andere Freude ist es, in unbeobachteten Momenten nackt durch die Wohnung zu tanzen und dabei klassische Musik zu hören. Dabei schaut dann seine Mutter durchs Schlüsselloch.

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"Dicke Mädchen": Schwer verliebt mit schlankem Budget
Wenn es nach Sven ginge, könnte das ewig so weitergehen, aber irgendwann passiert doch etwas. Edeltraut haut ab. Große Panik. Sven und Daniel durchsuchen zusammen die Stadt, und irgendwann ist Sven wohl so aufgewühlt, dass er seine Hand auf Daniels Rücken legt. Ein klitzekleiner Annäherungsversuch, den er sofort abbricht, weil Daniel das doch ein bisschen merkwürdig findet. Trotzdem ist es der Beginn einer kleinen Liebesgeschichte. Und die ist so hinreißend unbeholfen, so zärtlich, charmant und witzig, dass niemand irgendwelche Stars, Spezialeffekte oder Kostüme vermissen wird. Manchmal reichen eine gute Geschichte und ein paar liebenswerte Darsteller, die bereit sind, alles zu geben.

Ranisch hat seinen Schauspielern nur ein Handlungsgerüst in die Hand gedrückt und sie dann weitgehend improvisieren lassen. Das hätte auch schiefgehen können, gibt "Dicke Mädchen" aber eine Spontaneität und eine Echtheit, die vor allem dem deutschen Kino in seiner fernseh-formatierten Vorhersehbarkeit oft abgeht. Es gibt eine Menge junger kreativer Filmemacher in diesem Land, die mit großen Visionen anfangen und diese dann stückchenweise aufgeben, wenn sie sich das Geld für ihre Projekte bei den Fernsehsendern und den öffentlichen Filmförderungsstellen zusammenbetteln. Denn die haben ihre eigenen Visionen, und die wollen sie auch einbringen.

Sogar das nicht existente Drehbuch hat Preise gewonnen

Axel Ranisch hat für seinen geplanten Abschlussfilm von der Filmhochschule Potsdam mit dem ZDF zusammengearbeitet. Es ging über Jahre hin und her, und irgendwann war von seinem Drehbuch nicht mehr viel von dem übrig, was an die ursprüngliche Idee erinnerte. Man steckte fest. Weil er nach unzähligen Kurzfilmen aber trotzdem endlich mal einen richtigen Spielfilm machen wollte, hat er einfach auf eigene Faust losgelegt und "Dicke Mädchen" gemacht. Einfach so.

Damit tourt er seit der Premiere auf den Hofer Filmtagen im letzten Jahr nun zu den unabhängigen Filmfestivals dieser Welt und sackt einen Preis nach dem anderen ein. Beim "Mauvais Genre"-Festival im französischen Tours gab es den großen Preis der Jury, in Lünen wurde das eigentlich gar nicht existente Drehbuch ausgezeichnet, beim amerikanischen Slamdance-Festival (der Gegenveranstaltung zum spießigen Sundance) die "mutige Originalität". Zuletzt gewann "Dicke Mädchen" den Jury-Preis bei den Lesbisch-Schwulen Filmtagen in Hamburg, wo vor allem Ranischs über 90-jährige Großmutter der Star des Abends war und während und nach der Preisverleihung begeistert in der Menge badete. Dass der Film einen Verleih gefunden hat und nun einen richtigen Kinostart bekommt, dürfte mehr sein, als sich das Team jemals erträumt hat.

Das soll kein Aufruf an junge Filmemacher sein, ihre Förderanträge in den Müll zu werfen, oder an die etablierten, ihre Stars zu feuern. "Dicke Mädchen" ist ein großer Spaß, in vielerlei Hinsicht aber auch eine Zumutung. Die Bilder wackeln und sind gelegentlich unscharf, der Ton ist oft eine Katastrophe, und mit 76 Minuten ist der Film nicht gerade komplett abendfüllend.

Was der Film aber hat, sind Herzblut und unendlich viele gute Ideen. Und damit kommt man schon mal ziemlich weit.


Die Termine für die Kinotour von "Dicke Mädchen" finden Sie hier.

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1. Der mit der Brille...
axelkli 14.11.2012
ist das nicht der "Schauspieler" aus dem unsäglichen Kinowerbespot für Delta Radio? ("sie können Ihr Kind nicht Delta Radio nennen...uuuääähhh")
2. Massenmediengeschmack
sanctum.praeputium 14.11.2012
Die Massenmedien werden vom unterentwickelten, groben Geschmack der Jugendlichen und Infantilen dominiert. Dagegen kommt lebendig Intelligentes, Unspektakuläres zum Leidwesen Weniger nicht an.
3. nicht ganz, sanctum.praeputium:
alexandern 14.11.2012
Die Massenmedien werden vom unterentwickelten.... Sie werden hier in Deutschland von ängstlichen Entscheidern dominiert, die ihren Job nicht verlieren wollen, sie haben einen Horror davor, irgendwo anecken zu können. Es will hier niemand Farbe bekennen, Kinder beim Namen nennen, für ein Anliegen eintreten. Alle haben Angst davor, den Kopf hinzuhalten. Deshalb gibt es sonst nur Mainstream, Tatort und freundliche ZDF-Gesichter, die belanglosen Klatsch in ihrer Nachrichtensendung präsentieren.
4.
bicyclerepairmen 15.11.2012
Zitat von alexandernDie Massenmedien werden vom unterentwickelten.... Sie werden hier in Deutschland von ängstlichen Entscheidern dominiert, die ihren Job nicht verlieren wollen, sie haben einen Horror davor, irgendwo anecken zu können. Es will hier niemand Farbe bekennen, Kinder beim Namen nennen, für ein Anliegen eintreten. Alle haben Angst davor, den Kopf hinzuhalten. Deshalb gibt es sonst nur Mainstream, Tatort und freundliche ZDF-Gesichter, die belanglosen Klatsch in ihrer Nachrichtensendung präsentieren.
Ja und nein. Proll und Unterschichtenpräsentation, das Ergötzen an Komplett Verblödeten, wie wird deine Trash-Food-1 Euro 90- Pizza-hergestellt-Wissenschaftssendungen werden schon von knallhart kalkulierenden Entscheidern getroffen. Ich glaube da ist keiner ängstlich. Maximaler Profit ist angesagt, deswegen eben billigste Produktion durch Selbstdarstellung, zynischste Eigenmarkenwerbung etc. etc. Stumpfsinn macht heutzutage locker unwiedersprochen dicke Kohle, das wissen auch die in den jeweiligen Maßgeschneiderten in den Sendervorständen.
5. Wachowski-
Endlager 15.11.2012
Bei den Wachowskis handelt es sich um zwei Männer, Brüder um genau zu sein, damit handelt es sich im die Wachowski-Brüder, oder Wachowski-Gebrüder, aber nicht um "Geschwister"! Um Geschwister handelt es sich nu, wenn eine Gruppe von Schwestern gemeint ist, oder aber Schwester und Bruder, bzw. die Mehrzahl davon. Ein Spiegel-Autor sollte das wissen.
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Dicke Mädchen

D 2012

Konzept und Regie: Axel Ranisch

Darsteller: Ruth Bickelhaupt, Heiko Pinkowski, Peter Trabner, Paul Pinkowski

Produktion: Sehr gute Filme

Verleih: missingFILMS

Länge: 76 Minuten

Start: 15. November 2012