Dickens-Verfilmung Flache Story in 3D

Alle paar Jahre wird Charles Dickens' Klassiker "Eine Weihnachtsgeschichte" verfilmt. Die neueste Version von Disney versucht es mit 3D, aufwendiger Animationstechnik und Jim Carrey in der Hauptrolle. Was fehlt, ist ein bisschen Herz.

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Animierter Mr Scrooge in Disneys "Weihnachtsgeschichte": Fade und dunkel
Film Frame / ImageMovers

Animierter Mr Scrooge in Disneys "Weihnachtsgeschichte": Fade und dunkel


Regisseur Robert Zemeckis hat sich fest vorgenommen, das Kino zu revolutionieren. Eigentlich hat er das längst, denn mit "Zurück in die Zukunft", "Falsches Spiel mit Roger Rabbit" oder "Forrest Gump" gehen einige der spektakulärsten Hollywood-Erfolge auf sein Konto.

Doch das war ihm nicht genug. 2004 präsentierte er mit dem Weihnachtsfilm "Der Polarexpress" eine neue Technik zwischen Realfilm und Animation, die für ihn die Zukunft bedeutete: "Performance Capture" nannte sich das und machte aus "Polarexpress"-Hauptdarsteller Tom Hanks eine Art Zeichentrickfigur, die sich frei durch animierte Welten bewegen konnte.

Der Rest der Welt war davon nicht so beeindruckt wie Zemeckis. Die Figuren aus dem "Polarexpress" hatten mit ihren toten Augen etwas Zombiehaftes, manche fanden das eher gruselig als herzerwärmend. Der Film war kein Flop, blieb aber deutlich hinter den Erwartungen zurück. Vor zwei Jahren legte Zemeckis mit "Die Legende von Beowulf" nach, diesmal mit einer Fantasy-Action-Geschichte und einer animierten Angelina Jolie. Die Technik sei nun viel weiter, hieß es. Sehr teuer war "Beowulf" - und noch weniger erfolgreich.

Ein Geizhals terrorisiert seine Mitmenschen

Jetzt hat sich Zemeckis Charles Dickens' legendäre Erzählung "Eine Weihnachtsgeschichte" aus dem Jahr 1843 vorgenommen, die Disney heute in die Kinos bringt. Es gibt schon unzählige Verfilmungen, einige davon - wie die Version von 1951 mit Alastair Sim, der Bill-Murray-Spaß "Die Geister, die ich rief" von 1988 oder die entzückende Fassung mit den Muppets von 1992 - sind selbst zu Klassikern geworden.

Zemeckis findet, mit seiner Performance-Capture-Methode habe er die Geschichte nun erst so verfilmen können, wie es Dickens "ursprünglich vorgeschwebt hatte". Und weil es eben gerade der letzte Schrei ist, gibt es das Ganze auch noch in 3D zu sehen.

In der Tat bleibt Zemeckis sehr nah an der Vorlage und übernimmt ganze Dialoge wörtlich aus dem Original. Viele Motive gleichen den Illustrationen von John Leech, die Dickens' Geschichte damals begleiteten, und die Handlung ist die altbekannte: Der Geizhals Ebenezer Scrooge terrorisiert in London seine Mitmenschen, bis er an einem Heiligabend von drei Geistern vorgeführt bekommt, was für ein schrecklicher Mensch er geworden ist und dass es ein böses, einsames Ende für ihn geben könnte, wenn er so weiter macht.

Jim Carrey - oder vielmehr eine Jim Carrey ähnelnde Animationsfigur - ist als Scrooge durchaus überzeugend. Zusätzlich gibt er auch noch die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Weihnacht als imposante und liebevoll animierte Gestalten. Gary Oldman ist gleichzeitig Scrooges rechtschaffener Sekretär Bob Cratchit wie auch dessen kranker Sohn Tim, dem Scrooge schließlich das Leben retten wird.

Wilde Kamerafahrten

Schlecht sieht das alles nicht aus. Die Straßen des alten London und Scrooges düsteres Anwesen sind mit großem Aufwand und einiger Liebe zum Detail in Szene gesetzt, auch wenn alles merkwürdig poliert wirkt. Die Figuren wirken erheblich lebendiger als noch zu "Polarexpress"-Zeiten.

Doch der unbändige Willen zu spektakulärer Technik tut der Geschichte nicht immer gut. Ständige wilde Kamerafahrten wollen aus dem 3D-Effekt Nutzen schlagen, ohne das es in der Handlung immer besonders wild zugeht. Ganze Szenen werden darauf verwendet, mal eine Nase oder einen Finger aus der Leinwand hervorstechen zu lassen, ohne dass sonst etwas Nennenswertes passiert.

Was im Gegenzug bedeutet, dass Zemeckis eher eilig durch die Handlung prescht. Die Blicke in Scrooges Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind viel zu kurz, als dass sie seine große Wandlung zum guten Menschen glaubhaft machen könnten. Der kleine Tim - in allen Verfilmungen ein zentraler Sympathieträger - ist nicht mehr als eine Randfigur. Scrooges einstige Verlobte wird fast zur Komparsin degradiert.

Das macht die Story weit weniger rührend und lehrreich, als sich das Dickens gedacht haben wird. Und weil in 3D trotz gegenteiliger Behauptungen immer noch eine ganze Menge der Farbigkeit verloren geht, sehen die Bilder bei der eh schon ziemlich düsteren Atmosphäre manchmal fast schon fade und dunkel aus. Und immer noch wirken die Animationen von Pixar-Filmen wie "Oben" oder "Wall-E" nicht unrealistischer als alles, was mit Performance Capture möglich ist.

Ein Klassiker wird diese "Weihnachtsgeschichte" kaum werden, das Kino wird sie auch nicht revolutionieren - was nicht heißt, dass es Robert Zemeckis nicht bald schon wieder versuchen könnte.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
rkoerber 05.11.2009
1. Es fehlt mehr als nur Herz...
An die Muppets-Weihnachtsgeschichte mit einem genialen Michael Caine als Scrooge und dem kleinen Robin als Tim kommt dieser Müll aus dem Computer bei Weitem nicht heran.
avollmer 05.11.2009
2. Geschmäcker sind verschieden
Es gibt auch Mitmenschen, die ein mit Botox betoniertes Gesicht schön finden. Warum sollte es also nicht irgendwo irgendwelche Leute geben, deren ästhetischer Kompass in die gleiche Richtung wie der von Zemeckis zeigt? Dass die nicht mehr ganz neue 3D-Technik zu Schaubudeneffekten reizt, wie herausragende Körperteile zu zeigen, lässt sich auch nicht abstreiten. Das macht den Film aber noch vergänglicher. Dagegen sind die lippensynchron Hey-Hoo singenden Zwerge aus Snow White and the Seven Dwarfs immer noch sehenswert. Die aktuelle Nasenpräsentation wird in sieben Jahrzehnten nur noch sinnentleert und leicht komisch wirken, vielleicht noch als Objekt psychologischer Deutungsversuche dienen. Schade um den Aufwand. Freuen darf man sich auf dei DVD-Edition. In den Bonustracks sind hoffentlich auch Szenen aus der Synchronisationsarbeit zu sehen, das war schon bei Polarexpress das einzig sehenswerte: echte Schauspieler mit lebendiger Mimik und herrlicher Stimme im Originalton.
alexl1966, 05.11.2009
3. Es weihnachtet sehr....
....alle Jahre wieder wird das Kino um die Weihnachtszeit mit der x-ten Verfilmung dieses oder jenes Weihnachtsklassikers beglückt. Manchmal macht es Spaß manchmal nicht. "Polarexpress" fand ich damals super. Ok, teilweise wirkten die Figuren etwas hölzern, was der unkonvetionellen Technik geschuldet sei. Trotzdem hatte der Film eine warmherzige Geschichte und glänzte durch origenelle Inszenierung. Warum soll das bei der x-ten Dickens-Verfilmung anders sein? Das Problem ist eher, dass die Geschichte jetzt wirklich zum wiederholten Mal aufgewärmt wird. Jede Dekade 1-2 filmische Umsetzungen dieses Stoffs, das ist zu viel, geradzu inflationär. Die Geschichte kennt jeder, da ist also kein erzählerisches Potential drin. Also ist jeder auf die visuelle Umsetzung fixiert. Und da ist dann auch der Haken, denn wenn man zu sehr auf die technischen Gimmicks setzt und auf dem 3D-Zug mitfahren will, dann ist das einfach zu wenig. Anders ist da der Disney-Ableger Pixar. Obwohl die Filme rein computeranimiert sind, erfinden die Köpfe von Pixar in jedem Film eine neue Welt, die vor Einfalls- und Detailreichtum nur so strotzt. Und die transportierten Geschichten sind allesamt origenell und sehr unterhaltsam. Zuletzt wurde das mit dem aktuellen Film "Oben" eindrucksvoll bewiesen. Pixar ist so schon seit Jahren der bessere Part von Disney (sollten die nicht mal verkauft werden, oder sich trennen.....?) Zurück zu Dickens Weihnachtsgeschichte; ob ich mir den Film mit meinen Kindern anschauen werde, weiss ich noch nicht. Und ob der Film dann ansatzweise an die von mir favorisierte Filmversion der Dickens-Weihnachtsgeschichte hereinreicht ist die andere Frage. Welche das ist? Die Muppets-Weihnachtsgeschichte :-) Frohe Weihnachten....
Hador, 05.11.2009
4.
Das der Film nicht viel mehr wird als eine Technik-Demo sollte eigentlich jedem klar sein, der die Trailer gesehen hat. Ich finde die 3D-Technik eigentlich eine ganz nette Sache. Allerdings sollte es doch bitte immer so bleiben, dass die 3D-Technik den Film ergänzt und nicht umgekehrt. Leider tendieren in letzter Zeit mehrere Filme in diese Richtung.
Beansidhe 05.11.2009
5. Eine sehr schöne Version neben der der Muppets...
ist auch die Version mit Patrick Stewart. Lief, soweit ich mich erinnere, letztes Jahr auch im Fernsehen... obwohl eigentlich die Original-DVD erst richtigen Genuß bedeutet :) Ansonsten hatte ich bereits meine ersten Zweifel, als ich die Vorschau des neuen Film sah... ich mag Jim Carrey sehr, aber seine ganze Mimik und sein Ausdrucksvermögen, das er durchaus hat, sehe ich dann lieber doch in natura.
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