Ikone Ruth Bader Ginsburg Horden von Anzugträgern. Und diese Frau

Heute gilt die Oberste Bundesrichterin Ruth Bader Ginsburg in den USA als Heldin der Gleichberechtigung. Doch wie kam es dazu? Das Biopic "Die Berufung" zeichnet den Ein- und Aufstieg der Ausnahmejuristin nach.

eOne Germany

Von Till Kadritzke


Ruth Bader Ginsburg und kein Ende: Nachdem im Herbst bereits der Dokumentarfilm "RBG - Ein Leben für die Gerechtigkeit" über die 85-jährige Oberste Bundesrichterin und derzeitige Heldin des liberalen Amerikas in die Kinos kam, legt Hollywood nun mit einem Biopic nach.

"Die Berufung" ist dabei auch eine Art Prequel zur Dokumentation. Hatten sich deren Macherinnen Betsy West und Julie Cohen auf die jüngere Vergangenheit konzentriert, begleitet Regisseurin Mimi Leder Ginsburg vom Beginn ihres Jurastudiums in den Fünfzigern bis zu einem Gerichtsprozess 1972, in dem "RBG" erstmals die Ungleichbehandlung der Geschlechter vor dem Gesetz anprangerte.

Drehbuchautor Daniel Stiepleman bringt Ginsburgs Leben dabei in eine gesunde Work-Life-Balance: Bevor sich "Die Berufung" dem juristischen Kampf gegen Diskriminierung widmet, geht es um die Studentin Ruth (Felicity Jones), ihre Erfahrungen in einer Männerwelt namens Harvard Law School und um ihre Ehe mit Martin (Armie Hammer), der bald an Hodenkrebs erkrankt. Ruth lebt fortan nicht bloß ein Leben, sondern mindestens drei: Pflegerin für den kranken Mann, Mutter für die kleine Tochter und fleißige Jurastudentin, die sich in Harvard doppelt und dreifach behaupten muss.

Fotostrecke

9  Bilder
"Die Berufung" über Ruth Bader Ginsburg: Allein unter Männern

Felicity Jones spielt die Hauptrolle mit jener Verbindung aus Strenge und Optimismus, für die Ginsburg mittlerweile steht. Die enormen körperlichen Unterschiede der zierlichen Jones zum massigen Armie Hammer bilden einen netten optischen Kontrapunkt zum Ideal der "Beziehung auf Augenhöhe", zu deren Vorreiterin der Film die Ginsburg-Ehe erklärt.

Ruths ersten großen Fall entdeckt denn auch nicht sie selbst, sondern Martin, mittlerweile Anwalt für Steuerrecht. Es geht um den Einspruch eines 63-Jährigen, der die finanziellen Ausgaben für die Pflege seiner Mutter als unverheirateter Mann nicht von der Steuer absetzen darf. Familiäre Pflege war selbst für das Gesetz reine Frauensache.

Für einen Film, der die Sache der Gleichberechtigung einem möglichst breiten Publikum zugänglich machen will, ist das freilich der perfekte Aufhänger: Der erste Rechtsstreit in einer langen Reihe von Prozessen gegen Diskriminierung kam einem Mann zugute. "On the Basis of Sex" heißt der Film entsprechend neutral im Original und zitiert damit jene Argumentation, mit der Ginsburg fortan regelmäßig vor dem Supreme Court auftauchen sollte: Da vor der Verfassung alle gleich sind, müssen Gesetze, die implizit oder explizit eine Unterscheidung zwischen den Geschlechtern vornehmen, verfassungswidrig sein.


"Die Berufung - Ihr Kampf für Gerechtigkeit"
Originaltitel: "On the Basis of Sex"
USA 2018

Regie: Mimi Leder
Drehbuch: Daniel Stiepleman
Darsteller: Felicity Jones, Armie Hammer, Justin Theroux
Produktion: Amblin Partners, Participant Media, Robert Cort Productions
Verleih: Entertainment One, 20th Century Fox
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 0 Jahren
Start: 7. März 2019


Der Satz allerdings, der Ruth in jungen Jahren prägte, lautet: "Das Recht darf sich nicht vom Wetter des Tages beeinflussen lassen, wohl aber vom Klima der Ära." Er hallt Jahre später wider, als die mittlerweile jugendliche Tochter sich auf der Straße gegen einen Mackerspruch zur Wehr setzt - Ruth steht daneben, wähnt einen entscheidenden Klimawandel und strotz nun vor Zuversicht.

Stärke und Schwäche von "Die Berufung" kommen in dieser Szene gleichermaßen zum Ausdruck: Leders Film ist einerseits bemüht, die sozialen Kämpfe hinter gesellschaftlichen Veränderungen sichtbar zu machen, den Raum des Rechts nicht als geschlossen zu betrachten, sondern ordentlich feministischen Wind reinzulassen. Dieser Wind wird andererseits von einer allzu funktionalen Dramaturgie wieder gebremst. Persönliches und Politisches treffen sich zuverlässig im genau richtigen Moment, um unsere Heldin auf die Siegerinnenstraße zu führen.

Das klassische Biopic muss solchen Rastern in gewissem Maße folgen, braucht diese Momente ebenso wie den klaren Unterschied zwischen einem Davor und Danach, der die Relevanz seiner Protagonisten markiert. So beschwört die Eingangssequenz, in der Ginsburg mit Damenschuhen, blauem Mantel und Handtasche aus einer Horde von männlichen Anzugträgern herausragt, nicht zuletzt das Bild der konformistischen Fünfziger, stets praktische Negativfolie für unsere bunte Welt von heute.

Im Video: Der Trailer zu "Die Berufung - Ihr Kampf für Gerechtigkeit"

eOne Germany

Letztlich verschreibt sich "Die Berufung" also einem klassischen Fortschrittsnarrativ, und das ist auch okay so, fällt dieser Fortschritt im Falle von Ruth Bader Ginsburg ja wahrlich nicht gering aus. Und dass sich die Biopic-Pforten für diejenigen öffnen, die bislang vor verschlossenen Türen standen, ist ohnehin nicht die schlechteste Entwicklung.

Noch schöner wäre indes, wenn das dafür sorgen würde, dass auch das Reich hinter diesen Pforten mal grundlegend durchsaniert würde.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.