Als Kind einer heroinsüchtigen Mutter Ein richtiges Leben im Falschen

Ohne Verklärung, ohne Verurteilung: In seinem zutiefst bewegenden Debütfilm "Die beste aller Welten" erzählt Adrian Goiginger vom Aufwachsen mit einer drogensüchtigen Mutter. Es ist seine eigene Geschichte.

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Abenteurer will der siebenjährige Adrian werden, das steht für ihn fest. Gegen Monster wird er kämpfen und Schätze finden, erklärt er dem Mann vom Jugendamt. "Und ein echter Beruf, den du mal machen willst?", hakt der nach. Adrian entgegnet empört: "Das ist doch ein echter Beruf!"

Der kleine Held des Films "Die beste aller Welten" (hinreißend gespielt von Jeremy Miliker) strotzt nur so vor Einbildungskraft, befeuert noch durch seine junge Mutter Helga (Verena Altenberger). Als Adrian beim Spielen eine Pfeilspitze findet, erzählt sie ihm verschwörerisch von Ronan, dem Vorfahren aus längst vergangenen Zeiten. "Durch unsere Adern fließt das gleiche Abenteurerblut wie bei ihm", versichert Helga ihrem Sohn, und der kämpft fortan in seinen Tagträumen als Ronan gegen einen finsteren Dämon. Welcher Natur diese Schreckgestalt wirklich ist, zeigt sich bald.

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"Die beste aller Welten": Kampf den Dämonen

Denn was sich zunächst anlässt wie eine zuckersüße Mutter-Sohn-Geschichte, schlägt rasch ins Drama um, die kindliche Fantasiewelt entpuppt sich als Zufluchtsort vor einer überfordernden Alltagsrealität: Mitten hinein ins nächtliche Picknick am Fluss, als man in kleiner Gruppe ausgelassen ums Lagerfeuer sitzt und Raketen gen Himmel schießt, platzt ein Mann: "der Grieche". Kurz darauf hält Helga einen Löffel mit Heroin über die Flamme, und einer bemerkt noch flapsig: "Die Mutti ist am Kochen."

Über Drogensucht und ihre Folgen wurden stilbildende Filme gedreht, knallige wie"Fear and Loathing in Las Vegas" oder "Trainspotting", melancholische wie "Candy" mit Abbie Cornish und Heath Ledger als Liebespaar auf Entzug oder "Half Nelson" mit Ryan Gosling als heroinsüchtigem Lehrer - und natürlich ekstatische wie Darren Aronofskys "Requiem for a Dream", der bildästhetische Entsprechungen zur Wirkung der Rauschmittel suchte. Im Zentrum all dieser Filme: die Abhängigen selbst.

Keine Drogenhölle

"Die beste aller Welten" legt den Fokus nun auf das Kind einer süchtigen Mutter, und damit auf ein gänzlich unschuldiges Opfer der Abhängigkeit - im doppelten Sinne. Denn natürlich ist auch Adrian abhängig, materiell wie emotional, und all die aufrichtige Liebe und Zugewandtheit, die ihm seine Mutter schenkt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie gewaltig ihre eigene innere Leere ist.

So wechseln sich für Adrian lichte und dunkle Momente ständig ab: hier die nüchternen Phasen der Mutter, samt Ausflügen in die Natur und unbeschwertem Herumalbern, dort die mit Laken verhängten Fenster, wenn das heimische Wohnzimmer mal wieder zum Treffpunkt der Junkies wird. Adrian sitzt dann zwischen ihnen, schmökert in seinen Büchern, nimmt das alles hin, mit dem unbedarften Gleichmut eines Kindes.


"Die beste aller Welten"
AT/D 2017
Buch und Regie: Adrian Goiginger
Darsteller: Verena Altenberger, Jeremy Miliker, Michael Pink; Michael Fuith
Produktion: 2010 Entertainment, JewelLabs Pictures et al.
Verleih: Filmperlen
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 28. September 2017


Die Ohnmacht von Süchtigen lässt sich kaum schmerzlicher zeigen als in Gestalt einer liebenden Mutter. Nicht einmal Helgas Wille, ihr Kind zu schützen, erweist sich als stark genug, um den Drogen abzuschwören. Trotzdem folgt der Film nicht dem erwartbaren Reflex, von einer einseitig schlimmen Kindheit in der Drogenhölle zu erzählen. Stattdessen zeigt er, ohne zu verharmlosen, wie viel Zärtlichkeit zwischen Mutter und Sohn herrscht, wie viel wunderbare Normalität mitunter möglich ist. Er zeigt ein richtiges Leben im falschen.

Dass sich Regisseur und Drehbuchautor Adrian Goiginger für sein Langfilmdebüt eines derart düsteren Themas angenommen hat, ist kein Zufall. Auch nicht, wie feinfühlig der 26-Jährige es zu inszenieren weiß, fernab allzu effektvoller Zuspitzungen. Denn Goiginger erzählt hier seine eigene Kindheit als Sohn einer heroinabhängigen Mutter, in Salzburg Ende der Neunzigerjahre. Nicht einmal die Namen der Figuren hat er geändert, bloß die Geschichte am Ende etwas stärker fiktionalisiert.

"Hast du noch was?" - "Ja."

Von dieser autobiografischen Ebene muss man nichts wissen, um "Die beste aller Welten" für einen gelungenen Film zu halten. Doch umso mehr Respekt verlangt Goigingers Leistung ab, das eigene Schicksal mit einer derart wohltuenden wie erstaunlichen Distanz zu betrachten. Der Regisseur hätte gute Gründe gehabt, seiner inzwischen verstorbenen Mutter mit weniger Verständnis zu begegnen. Doch er zeigt sie als eine Frau, die es förmlich zerreißt, dem Sohn ihre Sucht nicht ersparen zu können, die zugleich aber zu schwach ist, sie zu besiegen.

Als Helga, fast clean, Adrians Kindergeburtstag ausrichtet, funktioniert sie einen Nachmittag lang so, wie es die spießbürgerliche Welt von ihr erwartet. Am Ende sitzt sie bei Kaffee und Torte den anderen Eltern gegenüber, verkrampft sich im Smalltalk, und erst als die Tür hinter den Gästen ins Schloss fällt, fällt auch der Druck von Helga ab. "Hast du noch was?", fragt sie ihren Freund, und der antwortet nur: "Ja."

Der Filmtitel zitiert Leibniz, den Philosophen der Aufklärung. Ein vollkommener Gott, heißt es bei ihm, habe den Menschen nichts anderes erschaffen können als "die beste aller möglichen Welten". Dieser vorsichtige Optimismus lässt sich auf Goigingers Film übertragen, auch Adrian und seine Mutter leben in ihrer eigenen, hermetischen, bestmöglichen Welt. Zu Problemen kommt es immer dann, wenn die Welt der anderen Ansprüche erhebt: in Gestalt des Chefs vom Imbissstand, bei dem Helga jobbt, oder der Schuldirektorin, des Jugendamts oder der Polizei.

Vergangene Woche gewann "Die beste aller Welten" bei den First Steps Awards den Preis für den besten deutschsprachigen Abschlussfilm.Im Februar war er auf der Berlinale bereits mit dem Kompass-Perspektive-Preis ausgezeichnet worden. Damals sagte Goiginger in einem Interview, er sei es der Welt schuldig gewesen, diesen Film zu drehen. Er, der das Drogenmilieu als Kind von innen erlebte, und heute als Regisseur von außen davon erzählen kann, während viele seiner früheren Freunde inzwischen selbst abhängig sind. Das Ergebnis ist eine ungewöhnliche und deshalb besonders aufwühlende Perspektive. Der Blickwinkel des Kindes: in diesem Fall die beste aller möglichen Perspektiven.

Im Video: Der Trailer zu "Die beste aller Welten"

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lego345 02.10.2017
1.
Mir hat dieser Gedanke von Leibniz immer viel bedeutet. Danke dem Filmmacher und dem Rezensenten. Ich werde mir den Film morgen ansehen.
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