Tragikomödie "Die Blumen von gestern" Vögeln, fluchen, verdrängen

Wenn der deutsche Holocaust-Forscher dank der französischen Jüdin seine Potenzprobleme in den Griff kriegt: So schwer daneben gegriffen wie "Die Blumen von gestern" hat schon lang kein deutscher Film mehr.

Piffl Medien

Von Matthias Dell


Regisseur und Drehbuchautor Chris Kraus ist familiär in die Geschichte verwickelt, von der sein neuer Film "Die Blumen von gestern" handelt. Sein Großvater war Nazi, außerdem habe es in der Familie mehrere SS-Mitglieder gegeben, wie der Filmemacher anlässlich seines letzten Films "Poll" erzählte.

Kraus hat nach eigenen Angaben in Archiven über seinen Großvater geforscht und dabei die Erfahrung gemacht, dass dort die Nachkommen von Opfern und Tätern nebeneinander Akten studieren. Wenn etwas Komisches in dieser Konstellation steckt, so ist es in "Die Blumen von gestern" nicht zu erkennen, obwohl der Film vorgibt, eine Komödie zu sein.

Lars Eidinger spielt Totila "Toto" Blumen, der Enkel eines Naziverbrechers ist und als Holocaust-Forscher bei der Zentralen Stelle in Ludwigsburg arbeitet. Dort sollte er einen "Auschwitz-Kongress" vorbereiten. Dessen Leitung, damit beginnt der Film, wird allerdings dem als Lackaffe gezeichneten Vorgesetzten Balthasar "Balti" Thomas (Jan Josef Liefers) übertragen - weil Toto irgendwie zu unausgeglichen ist.

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"Die Blumen von gestern": Extrem gestört

Dafür ist Toto für die Betreuung der neuen Praktikantin Zazie (Adèle Haenel) verantwortlich, einer Französin mit jüdischen Wurzeln. Zazie soll zwar die Geliebte von Balti sein, verbringt aber die ganze Zeit mit Toto, was schließlich zu gemeinsamen Nächten führt. Dabei hatte der Film Toto zuvor als impotent beschrieben, weshalb er mit seiner ihn liebenden Frau (Hannah Herzsprung) ein Kind of colour (Djenabuh Jalloh) adoptiert und die ihn liebende Frau Sex mit anderen Männern hat, die Toto selbst aussucht, was ihn aber trotzdem eifersüchtig macht.

Klingt nicht nur schräg, sondern ist es auch. Wobei es gar nicht so leicht fällt, den lächerlichen Plot dieses Films aufzuschreiben, weil der aus lauter Behauptungen, Projektionen und Widersprüchlichkeiten besteht. Dass etwa Zazie was mit Balti hat, würde niemand verstehen, wenn Zazie das nicht gesagt hätte.

Man merkt "Die Blumen von gestern" an, dass er gern auf eine so witzige Weise neurotisch-verzweifelt wäre wie die klassischen Filme von Woody Allen. Nur fehlt es ihm dazu an handwerklichen Fähigkeiten. Die Dramaturgie des Films besteht aus dem öden, in Deutschland aber nicht unbeliebten "Komm her - geh weg"-Prinzip, sie tritt permanent auf der Stelle. Entweder ist Zazie sauer oder der ewig schlecht gelaunte Toto. Das sinnentleerte Hin und Her findet seinen Höhepunkt im Moment der Annäherung, in einem Dialog am späten Abend in einem Kaffeehaus. Toto, kurz vor dem Kuss doch noch mal abwehrend: Ich habe Aids. Zazie: Ich hab auch Aids. Toto: Echt? Ich hab nämlich überhaupt kein Aids. Zazie: Ich habe auch kein Aids.

Das unplausible Verhalten bei Toto und Zazie begründet der Film durch das Borderline-Syndrom; beide seien doch durch ihre Familien "extrem gestört", wie Zazie das nennt (die nach der ersten gemeinsamen Nacht mit Toto einen Selbstmordversuch unternimmt - Drama, Baby, ist klar). Für eine solche Disposition ist das stumpfe Buch - das zugleich Klassenkasper und Streber ist, also die ganze Zeit Witze machen will, nebenher aber mit aufgesagten Sätzen brav den Fortgang der Geschichte moderiert - aber so wenig empfänglich wie die holzklotzige Regie.


"Die Blumen von gestern"

Deutschland , Österreich , Frankreich 2017
Regie und Drehbuch:
Chris Kraus
Darsteller: Lars Eidinger, Adèle Haenel, Hannah Herzsprung, Jan Josef Liefers
Produktion: Dor Film-West Produktionsgesellschaft, Four Minutes Filmproduktion, Dor Film Produktionsgesellschaft
Verleih: Piffl Medien
Länge: 125 Minuten
Start: 12. Januar 2017


Als Toto Zazie wieder einmal sagt, dass sie ihn in Ruhe lassen soll, kippt sie sich - Drama, Baby, ist klar - einen Eimer rote Farbe über den Kopf, um das gemeinsame Gespräch zu erzwingen. Das klappt auch, wenngleich nicht sofort, weil sich Zazie natürlich zuerst waschen muss. Also sitzt sie erst in der nächsten Szene ohne jede Spur von roter Farbe in einem asiatischen Restaurant. Und dann ist es merkwürdigerweise Toto, der das Gespräch sucht.

Man könnte mit "Die Blumen von gestern" Mitleid haben, weil das Können der Macher meilenweit von ihrem Wollen entfernt ist. Selbst die Schauspieler sind nicht gut: In dem Dardenne-Film "Das unbekannte Mädchen" kann man gerade sehen, zu welch präzisem Spiel Adèle Haenel in der Lage ist. Hier kaspert sie als französisches Dummchen mit Brille rum, ohne dass man die Grade ihres Nervensollens sinnvoll unterscheiden kann. Liefers spielt nicht den Lackaffen, sondern jemanden, der weiß, dass er einen Lackaffen spielt. Und Eidinger nölt sich indifferent durch.

Alles an "Die Blumen von gestern" ist schlimm, aber das Schlimmste ist sein Selbstbewusstsein - die Mischung aus moralischem Überlegenheitsgefühl und ästhetischer Stümperhaftigkeit dürfte einmalig sein. Der Film hält sich für besonders tapfer, weil er sich traut, wie es in solchen Zusammenhängen heißt, den deutschen Umgang mit dem Holocaust zu "ironisieren" (Chris Kraus). Dabei ist es in der vorliegenden Form eher schamlos, eine Geste, in der sich Harald Schmidt vor 15 Jahren gefallen hat.

Ein Mercedes-Stern für die KZ-Überlebenden

Schon der Befund, dass der deutsche Umgang mit dem Holocaust verkrampft sei, ist langweilig, weil das gröbste und zeitloseste Vorurteil. Vor allem aber merkt man von diesen behaupteten Verkrampfungen im Film nichts: Toto, der Holocaust-Forscher, ist die Axt im Wald aller angeblich so beengenden Sensibilitäten. Der Holocaust-Überlebenden sagt er: "Sie haben keine Ahnung, was den Juden da angetan wurde in Auschwitz." Die Putzfrau kündigt er Zazie an mit den Worten: "Die ist aus Polen, das (sic!) Land der guten Putzfrauen." Auch wenn sich Toto danach immer entschuldigt und zerknirscht tut: Verklemmtheit ist nicht sein Problem, was sich auch am sexualisiert-ordinären Sprachgebrauch zeigt. "Ficken", "Fresse", "Scheiße", "Nutten" - so geht es in einer Tour.

Immerhin passt der nur angeblich sensible Holocaust-Forscher gut in das Fantasialand von Wirklichkeit, das sich "Die Blumen von gestern" zusammenspinnt. So schlägt der Kongress-Sponsor Mercedes der Holocaust-Überlebenden eine Erhöhung des Honorars vor, wenn sie einen Mercedes-Stern tragen würde. Selbst wenn man hier einmal glauben wollte, dass es solche Grobheiten gibt - wie faul ist die Idee, dass ein Großkonzern von seinen Testimonials erwartete, sich wie kleinkriminelle Hinterhof-Rapper Mercedes-Sterne umzuhängen? Oder die Inneneinrichtung der Zentralen Stelle im Film, wo unter einem Auschwitz-Foto konferiert wird, das so hübsch und riesig ist wie ein Bild von Andreas Gursky: KZ-Chic, den "Die Blumen von gestern" nicht kritisch meint, sondern bloß als überschüssige Ausstattungsidee ausstellt.

Im Video: Der Trailer zu "Die Blumen von gestern"

Piffl Medien

Auf diese Weise trivialisiert der Film den Diskurs, obwohl die sich wiederholende Kritik an der Trivialisierung doch Totos Seriosität herausstreichen soll ("Jemand, der sich Firmenevents ausdenkt, dem ist doch scheißegal, was in Auschwitz passiert ist", wirft er etwa Balti vor). Es ist frappierend, wie groß die Blindheit für die eigenen Widersprüche ist. Chris Kraus wollte "alte Muster des Gedenkens" aufbrechen, hat dabei aber nur alte Muster des Verdrängens produziert.

"Die Blumen von gestern" ist ein Film, in dem ein Enkel aus deutscher Täterfamilie sich aus seiner Nazi-Herkunft erfolgreich in die Holocaust-Forschung befreit, darüber aber nicht nur schlechte Laune bekommt, sondern vor allem impotent wird, wovon ihn dann die Enkelin einer jüdischen Opferfamilie heilt. Geschichtspolitisch betrachtet ist das lediglich die aktualisierte Version von "Die Mörder sind unter uns" von 1946, wo die Holocaust-Überlebenden schon dafür zuständig waren, dass sich deutsche Täter nicht länger schlecht fühlen müssen. 2017 kriegen sie dankenswerterweise auch noch einen hoch.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
noalk 12.01.2017
1. Der Film muss gut sein
Offensichtlich polarisiert er: Verrissen bei SpOn, empfohlen bei mindestens zwei anderen prominenten Filmkritik-Organen - und damit meine ich nicht die Brennpunkt-Postille aus Offenburg oder die 4-Buchstaben-Zeitung. Ich werde ihn mir anschauen.
filmfan75 12.01.2017
2. Ein Verriss mit so viel Verve!
Lieber Chris Kraus, danke, dass Du den SPON-Kritiker derart in Wallung bringst. Dein Film scheint ihn persönlich beleidigt zu haben. Für mich ein Grund schnell ins' Kino zu gehen. Den Trailer fand ich übrigens auch gut. Und - achja - viele Freunde haben ihn bereits auf Festivals gesehen. Sie berichteten mir mit großer Begeisterung davon!
angst+money 12.01.2017
3.
Zitat von filmfan75Lieber Chris Kraus, danke, dass Du den SPON-Kritiker derart in Wallung bringst. Dein Film scheint ihn persönlich beleidigt zu haben. Für mich ein Grund schnell ins' Kino zu gehen. Den Trailer fand ich übrigens auch gut. Und - achja - viele Freunde haben ihn bereits auf Festivals gesehen. Sie berichteten mir mit großer Begeisterung davon!
Echt beneidenswert, wenn man sein Kulturleben nach solch simplen Reizschemata ausrichten kann. Das ganze lesen, nachdenken, bla bla... echt anstrengend, das können Sie mir glauben. Da habe ich meistens nicht mal die Zeit, das Ergebnis meiner 'Erwägungen' stolz im Forum zu verkünden...
kalle.s 12.01.2017
4. Mensch, Herr Dell,
.. nimm mal den Stock aus dem Arsch. Der Film schafft es sehr wohl, "den deutschen Umgang mit dem Holocaust zu ironisieren" ... IMHO eine gute Mischung aus (auch schrägerm) Humor und Ernsthaftigkeit. Ich hab den Film in der Preview und fand ihn einen der besten, die ich in der letzten Zeit gesehen habe (woebi ich nicht der regelmäßige Kinogänger bin...) Und Lars Eidinger mag ich sonst nicht so gerne, er spielt sonst immer etwas angestrengt, leicht überkandidelt, gewollt kunstvoll, diesmall hat er mir sehr gut gefallen, sehr locker. Aber, wie meine Schwiegermutter schon immer sagte: "de gustibus non est disputandum". Für mich ist der Film sehr gelungen.
freeusa 12.01.2017
5. ich habe den Film gesehen
und ich fand ihn gut. Nicht alles logisch, aber was soll es. Es ist kein Historienfilm, keine biographische Erzählung. Es ist ein Film, der unterhalten soll und das macht er
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