Kinderbuch-Verfilmung "Die Bücherdiebin" Bomben für die ganze Familie

Markus Zusak erzählt in "Die Bücherdiebin" die Geschichte eines Mädchens, das Romane klaut, um den Schrecken des Holocaust auszuhalten. Nun wurde der Weltbestseller verfilmt - und das Kriegsgrauen familienfreundlich aufgepeppt.

Von Nina Rehfeld


Eigentlich wollte Markus Zusak eine Novelle von "etwa einhundert Seiten" schreiben, als er sich hinsetzte, um die Geschichten seiner Eltern zu Papier zu bringen, die so oft die Küche seines Elternhauses im australischen Sydney erfüllten. Aber dann kam ihm die Idee, sein Buch aus der Perspektive des Todes erzählen. "Und da wusste ich", sagt der 38-Jährige, der mit "Die Bücherdiebin" einen internationalen Bestseller verfassen sollte, "dass ich mit hundert Seiten nicht hinkommen würde."

Denn die Geschichten seiner Eltern, Emigranten aus Deutschland und Österreich, drehten sich um Erinnerungen an Kindheitserlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg: um Bombennächte, an deren folgendem Morgen "die Straßen überfroren waren, aber der Himmel in Flammen stand, weil die Stadt brannte", um Menschen, die wie Vieh durch die Straßen getrieben wurden, ins nahe Konzentrationslager Dachau. "Ich war hungrig nach diesen Geschichten", sagt Markus Zusak, "es war immer, als käme ein Stück Europa zu uns ins Haus."

Zusaks Mutter Elisabeth war in einem Dorf unweit von München aufgewachsen, sein Vater Helmut in Baden bei Wien, und als Markus Zusak "Die Bücherdiebin" zu schreiben begann, "da war es, als hätte ich in meinem Innern etwas angekratzt - ich fasste hinein und zog diese Welt heraus." Das Buch um eine neunjährige Analphabetin, die zu Kriegsbeginn zu einer Pflegefamilie in Bayern geschickt wird und dort den Buchstaben und Wörtern, die sie aus gestohlenen Büchern lernt, die Kraft zum Überleben abringt, wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, "Publisher's Weekly" ernannte "Die Bücherdiebin" zum Best Children's Book of the Year.

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Nationalsozialismus: Die falsche Romantik der "Bücherdiebin"
Das Buch erschien 2005, vier Jahre später wurde die deutsche Ausgabe veröffentlicht. Bereits 2006 hatte das Studio 20th Century Fox die Filmrechte optioniert und dann lange mit der Umsetzung gerungen. Der Film aus der Feder von Drehbuchautor Michael Petroni lässt die zentralen Erzählstränge des Buches weitgehend intakt, und auch hier kommt der Tod aus dem Off zu Wort, allerdings weniger prominent als im Buch.

Doch das Kriegsgrauen, das Zusak so lakonisch wie eindringlich schildert, wird im Film unter der Regie von Brian Percival ("Downton Abbey") stark gedämpft. Drehbuchautor Michael Petroni bekannte kürzlich in einem Interview , dass das Studio 20th Century Fox und der Regisseur Brian Percival seine ursprüngliche, dem magischen Realismus des Buch stärker verhaftete Drehbuchversion zugunsten einer "familienfreundlicheren" Variante verworfen hätten.

Nebeneinander des Schönen und Schrecklichen

So ist der Tonfall nun allzu versöhnlich, und dank der heimeligen Gold- und Brauntöne von Florian Ballhaus' Kamera und der gepflegten Inszenierung von Bombenopfern und Juden-Transporten sind die Ereignisse beunruhigend leicht auszuhalten. Zusaks Buch fesselte mit der Spannung zwischen Liesels kindlichem Blick und der Erbitterung, die sogar den Tod angesichts des Kriegsentsetzens packt, aber der Film scheitert daran, dies zu übersetzen.

Die "New York Times" verriss ihn in einem harschen Urteil als "Oscar-heischenden Holocaust-Kitsch". Tatsächlich muss es zu denken geben, dass die Gräuel des Zweiten Weltkriegs fast siebzig Jahre nach Kriegsende im Hollywood-Kino einer romantisch angehauchten Bildsprache anheimfallen.

Markus Zusak sagt, er habe die kreative Kontrolle mit Erleichterung an die Filmemacher übergeben. "Es hat mich fast umgebracht, dieses Buch zu schreiben, ich habe drei Jahre daran gesessen", sagt er. "Ich war keineswegs erpicht darauf, dass es weitere zehn Jahre meines Lebens dominiert." Sieben Jahre dauerte es vom Verkauf der Rechte 2006 bis zur Filmpremiere Ende 2013. In der Zwischenzeit, sagt Zusak, habe er "einen kurzen Report zum Drehbuch abgeschickt, und das war's. Wie könnte ich einem Filmemacher sagen, wie er arbeiten soll, oder einem Schauspieler, wie er am besten spielt?"

Der wohl größte Coup der Filmemacher ist die Besetzung: In Emily Watsons verbitterter "Mama" Rosa Hubermann ist zu erkennen, dass die wütende Unwirschheit bloß ihrer Angst ein Ventil bietet, Geoffrey Rush spielt den liebenswürdigen "Papa" Hans Hubermann mit Geradlinigkeit und die kanadische Nachwuchsschauspielerin Sophie Nélisse ("Monsieur Lazhar") als Liesel spielt brillant - auch wenn Liesels "gefährliche" dunkelbraune Augen hier blau sind.

Liesel ist nach Markus Zusaks Mutter Elisabeth benannt, und dass seine Eltern überhaupt aus dem Krieg erzählten, anstatt darüber zu schweigen wie so viele andere aus der Weltkriegsgeneration, führt er darauf zurück, dass seine Eltern selbst Kinder waren, als sie den Krieg erlebten. "Mein Vater ist 1933, meine Mutter 1937 geboren", sagt er. "Wären sie zehn Jahre älter gewesen, wäre es wohl eine andere Geschichte gewesen. Aber Kinder belastet ja dieses Gefühl der Verantwortung noch nicht."

Zusaks Buch wird von dieser feinen Balance zwischen Abstand und Nähe getragen, und von dem fast unaushaltbar dichten Nebeneinander des Schönen und Schrecklichen, derentwegen der Tod schließlich bekennt, sich von den Menschen verfolgt zu fühlen. Der Film von Brian Percival bemüht sich nicht, das abzubilden - er gibt sich mit dem Tröstlichen zufrieden.

Die Bücherdiebin

Die Bücherdiebin

USA, Deutschland 2013

Regie: Brian Percival

Buch: Michael Petroni nach dem Roman "The Book Thief" von Markus Zusak

Darsteller: Geoffrey Rush, Emily Watson, Sophie Nélisse

Produktion: Fox 2000 Pictures

Verleih: Fox

Länge: 131 Minuten

Start: 13. März 2014

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insgesamt 10 Beiträge
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sissy69 12.03.2014
1. Niemals...
...werde ich mir diesen Film ansehen! Das wunderbare Buch (Prädikat: mehr als besonders wertvoll) hat mich zum Weinen gebracht - und ich meine kein leises Schluchzen. Diesen Eindruck werde ich mir nicht durch eine gestutzte Filmfassung zerstören. Wer es noch nicht gelesen hat: auf geht's!
belzeebub1988 12.03.2014
2. nicht
schon wieder...macht man den fernseher an marschiert der führer durchs bild egal ob zdf phoenix n24 ard etc....macht man die kiste aus und surft im netz kommt das gleiche bild...und wenn man sich printmedien kauft dann grüßt von jedem 2ten cover des spiegels der führer und in der bild kommt ne serie über hitlers hund und in der zeit darf man lesen das alle deutsche eh böse nazis sind..fehlt nur noch das in transformers 4 naziroboter vorkommen die sich in bmws und audis verwandeln können. .es ist zum ausrasten..habt ihr kein anderes thema mehrmmnazis hier ss da hitler überall. .ernsthaft es reicht
schwarzeruhu 12.03.2014
3. Kinderbuch?
Ich hab das Buch im englischen Original gelesen, dabei ist mir vielleicht was entgangen, aber ist das ein Kinderbuch?
mirror66 12.03.2014
4. Warnung
Das ist sicher einer der elendesten, dümmsten und unerträglich kitschigsten Film, der je produziert wurde. Interessiert durch Titel und Thema habe ich die Originalfassung gesehen. Unaushaltbar! Irgendwann wars genug! Es grenzt an Geschmacksfolter!
heinerm. 12.03.2014
5. Kinderbuch?
Das Buch habe ich mit Begeisterung gelesen - als Erwachsener! Vielleicht verleitet die kleine Protagonistin und ihre Sicht der Ereignisse dazu, hier vorschnell von einem Kinderbuch zu sprechen. Aber gerade diese entwaffnend kindliche Weisheit, die aus nahezu jedem Satz der Geschichte spricht, macht sie zu einem Stück ganz großer Literatur - auch und gerade für Erwachsene.
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