LSD-Doku "The Substance": Explosion im Kopf

Von Andreas Banaski

Von der Psychiatrie über die Geheimdienste bis zur Gegenkultur: Die Entdeckung und Anwendung der Bewusstseinsdroge LSD war so bizarr wie ihre Wirkung. Die Doku "The Substance" will nun "den schrägsten Exportartikel der Schweiz" rehabilitieren.

Wer hat's erfunden? Die Schweizer. Wer genau? Albert Hofmann. Dabei wollte der Basler Chemiker Hofmann nur ein Medikament gegen Kreislaufprobleme entwickeln, als er 1938 mit dem Getreidepilz Mutterkorn experimentierte und dabei das Lysergsäurediethylamid, kurz LSD, synthetisierte. Auf die bewusstseinserweiternde Wirkung der Substanz stieß er nach unbefriedigenden Tiertests aber erst zufällig 1943. Im Protokoll seines LSD-Selbstversuchs "nahmen die vertrauten Gegenstände" seiner Umgebung "groteske, meist bedrohliche Formen an", eine Nachbarin wurde zur "Hexe mit farbiger Fratze", dann genoss er "allmählich das unerhörte Farben- und Formenspiel".

Auch der Zürcher Filmemacher Martin Witz probierte das Rauschmittel in den Achtzigern im "privaten wie auch im kontrollierten therapeutischen Rahmen": "Mir hat LSD was gebracht. Man vergisst keine Sekunde von einem solchen Trip." Deshalb plädiert Witz nun, wenn auch etwas vorsichtig, mit seiner Doku "The Substance" - einem Trip durch sechs Jahrzehnte LSD-Geschichte - für die Forschung und Heilbehandlung unter ärztlicher Aufsicht, ganz im Sinne des Erfinders.

Fotostrecke

5  Bilder
LSD-Doku "The Substance": Trip aus dem Reagenzglas
Der greise Hofmann kommt ausführlich zu Wort und verteidigt "den schrägsten Exportartikel der Schweiz" (PR-Text) als Hilfsmittel in der Psychiatrie. Getroffen hat Witz ihn allerdings nicht, sondern ein vorliegendes Interview von 2005 verwendet. Obwohl der bekennende Mystiker Hofmann vom Vorsatz des Regisseurs, den "Grenzbereich zwischen Chemie und Spiritualität, zwischen Materie und Geist" auszuloten, begeistert war, kam ein Gespräch nicht mehr zustande, denn Hofmann starb 2008 im Alter von 102 Jahren.

Lach- und Sachgeschichten

Interessanter als der bisweilen salbungsvolle Hofmann äußern sich ohnehin die anderen Zeitzeugen, unterstützt von aufschlussreichem, zum Teil unveröffentlichtem Archivmaterial, das Witz aus über fünfzig Quellen zusammengetragen hat. Der Nervenarzt Stanislav Grof untersuchte schon in den Fünfzigern in Prag die Wirkung von LSD auf Patienten. Ein Oberst der US-Armee testete im Kalten Krieg an Soldaten die "Leistungsfähigkeit auf dem Schlachtfeld", während die CIA an psychedelischer Kriegsführung mittels Gehirnwäsche interessiert war. Gegenkultur-Romantik beschwört Carolyn Garcia, in den Sechzigern unterwegs mit der kalifornischen Künstlertruppe Merry Pranksters und deren Begründer, dem Schriftsteller Ken Kesey ("Einer flog über das Kuckucksnest"), später verheiratet mit Jerry Garcia, dem Gitarristen der Grateful Dead. Und auch Hippie-Marktschreier Timothy Leary wird aus dem Archiv zugespielt.

Richtig in die Tiefe geht das zwar alles nicht, hat aber den unterhaltsamen Charme von LSD-Greatest-Hits mit dem populärwissenschaftlichen Appeal der "Sendung mit der Maus": Lach- und Sachgeschichten über den Umgang mit bewusstseinserweiternden Drogen. Wenn auch, wie bei jedem Potpourri, dabei einiges zu kurz kommt - der unsachgemäße Gebrauch etwa. Was passieren kann, wenn man die Warnhinweise auf der Packungsbeilage nicht beachtet, hätte zum Beispiel Brian Wilson, Komponist der Beach Boys, ergänzen können: "Meine Kreativität explodierte, doch leider auch mein Verstand."


The Substance - Albert Hofmann's LSD. Start: 17.5. Regie: Martin Witz.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. dann sehen wir die welt anders
saako 17.05.2012
Wie im Mittelalter mit seinem Bilsenkrautbier vielleicht? Mit Englein auf den Wolken ^^ Na, manchem hier mags nutzen.
2.
Promethium 17.05.2012
Vielleicht sollte man mal darauf hinweisen das LSD z.B. von den Serienmördern der Manson Family und Robert Steinhäuser (17 Todesopfer) genommen wurde. Man sollte dieses Zeug wohl besser nicht verharmlosen.
3.
farm123 17.05.2012
Zitat von PromethiumVielleicht sollte man mal darauf hinweisen das LSD z.B. von den Serienmördern der Manson Family und Robert Steinhäuser (17 Todesopfer) genommen wurde. Man sollte dieses Zeug wohl besser nicht verharmlosen.
Stimmt. Alkohol haben die Kerle wahrscheinlich auch getrunken - sollte man besser auch verbieten.
4. Vieleicht
fitzcarraldo66 17.05.2012
Zitat von PromethiumVielleicht sollte man mal darauf hinweisen das LSD z.B. von den Serienmördern der Manson Family und Robert Steinhäuser (17 Todesopfer) genommen wurde. Man sollte dieses Zeug wohl besser nicht verharmlosen.
sollte man mal darauf hinweien das die bewußtseinseinschränkende und enthemmende Droge Alkohol für mindestens 50% aller Gewaltverbrechen verantwortlich ist. Kriminalität: Jeder zweite jugendliche Straftäter ist betrunken - Nachrichten Politik - WELT ONLINE (http://www.welt.de/politik/article1783594/Jeder-zweite-jugendliche-Straftaeter-ist-betrunken.html) Alkohol und Gewalt (http://www.aktionswoche-alkohol.de/hintergrund-alkohol/gewalt.html) Ausserdem sterben jedes Jahr 2,5 Millionen Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums Weltweit 2,5 Millionen Alkohol-Tote pro Jahr - Wiener Zeitung Online (http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/panorama/chronik/28913_Weltweit-25-Millionen-Alkohol-Tote-pro-Jahr.html) Warum ist ausgerechnet diese gefährlichste aller Drogen legal während harmlose bewußteinserweiternde Drogen wie LSD und Cannabis verboten sind? Liegt es vieleicht an der bewußtseinseinschränkenden Wirkung des Alkohols? Die Mächtigen wollen halt kein selbständig denkendes Volk, sie wollen hirnloe Schafe die brav für einen Hungerlohn arbeiten, sich am Wochenende ihren Frust von der Seele saufen und gegeneitig die Köpfe einschlagen.
5.
alfredjosef 17.05.2012
Was für eine Diskussion ist denn das? Die Serienmörder haben (fast) alle auch Muttermilch getrunken, sollte man dier dann auch verbieten? Dass LSD eine sehr starke Substanz ist steht ausser Frage, aber erst mal die Doku anschauen, dann weiterdiskutieren, mit etwas mehr Hintergrundwissen im Kopf. Ok? aj
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 62 Kommentare
  • Zur Startseite

Facebook