Suter-Verfilmung "Die dunkle Seite des Mondes" Fear and Loathing in Frankfurt

Martin Suters Romane sind wie gemacht, um verfilmt zu werden: So auch die Geschichte über einen Staranwalt, der nach einem Pilz-Trip die Kontrolle verliert. Doch was im Buch nachdenklich war, wird im Film zum Psycho-Thriller eingedampft.


Wenige Minuten Film reichen, um in zwei gegensätzliche Welten entführt zu werden: Zunächst liegt da ein Wald im Nebel. Ruhig, diesig, bedrohlich. Die Kamera gleitet an Bäumen vorbei, entdeckt einen Wolf, folgt ihm. Ein Schuss. Tödlich getroffen bleibt der Wolf zurück.

Dann: die Silhouette Frankfurts im Morgengrauen, kühle Hochhäuser aus Stahl und Glas. Im Vordergrund ein Mann auf dem Laufband. Gleich wird er sich in seinen Maßanzug werfen, die Krawatte festzurren, der Arbeitstag in einer Großkanzlei wird beginnen.

Es ist der uralte Gegensatz zwischen wilder Natur und gezähmtem Menschen, der im Zentrum von Stephan Ricks zweitem Langfilm steht. Urs Blank (Moritz Bleibtreu) steht oben in der Nahrungskette. Er ist Wirtschaftsanwalt, Fachgebiet: Fusionen. Blank hat eben zwei Firmen zum größten Pharmakonzern Deutschlands zusammengeführt, der nächste Schritt zum wichtigsten europäischen Unternehmen der Branche soll folgen. Die Freundin ist Galeristin, das Fortbewegungsmittel ein Jaguar. Läuft bei Blank. Bis sich der Verlierer der letzten Fusion vor seinen Augen das Hirn wegschießt.

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"Die dunkle Seite des Mondes": Pharmakrimi auf Droge
Plötzlich beginnt der Macher Urs Blank zu zweifeln. Sein Weltbild bekommt Risse, mehr und mehr entgleitet ihm die Kontrolle über das Leben. Erst eine flüchtige Bekanntschaft auf dem Flohmarkt, dann der Seitensprung, schließlich ein gemeinsamer Trip mit halluzinogenen Pilzen. Danach erkennt sich Blank selbst nicht mehr, Aussetzer häufen sich, sie schlagen in Grausamkeit gegen Tiere und Menschen um. In blanke Gewalt.

Der Titel "Die dunkle Seite des Mondes" erinnert an Pink Floyds Album "The Dark Side of the Moon". Ursprünglich geht er jedoch auf ein Zitat Mark Twains zurück. Demnach sei jeder Mensch ein Mond mit einer dunklen Seite, die er niemandem zeige. Das Motiv des zweiten, abgründigen Gesichts entstammt im Fall von Blank wohl auch dem literarischen Doppelgängerpaar Dr. Jekyll und Mr. Hyde, und selbst der Mythos vom Werwolf findet seinen Widerhall im Film.

Der beruht auf dem gleichnamigen Roman des Schweizer Schriftstellers Martin Suter. Dessen Geschichten sind so dramaturgisch dicht, fast drehbuchhaft genau geschrieben, dass sie gewissermaßen verfilmt werden wollen. Der Hälfte von Suters 14 Romanen ist das auch schon gelungen: Erst vor rund einem Jahr kam die Catering-Romanze "Der Koch" in die Kinos.

Demenz und Krimi, Amnesie und Skandal

"Die dunkle Seite des Mondes", ein Teil der "neurologischen Trilogie" des Autors, ist ungleich düsterer. Die beiden anderen Teile wurden schon vor einigen Jahren fürs Kino adaptiert: Für "Small World" verknüpfte Suter Demenz mit einem Erbschaftskrimi, in "Ein perfekter Freund" traf Amnesie auf Lebensmittelskandal.

Auch die Geschichte um Urs Blank darf wegen der Passagen über die rauschhafte Wirkung bestimmter Pilze wortwörtlich als Psycho-Thriller gelten - wobei im Film die Krimi-Ebene noch an Kontur gewinnt. Denn dort stößt Blank zufällig auf eine medizinische Studie, deren Veröffentlichung die geplante Großfusion gefährden würde, und gerät so ins Visier seiner ehemaligen Mitstreiter.

Das alles mag abenteuerlich klingen, und das ist es auch. Doch gegenüber der Romanvorlage entschärft der Film seine Figuren auf wohltuende Weise. Neigt Suter dazu, grelle Gestalten zu entwerfen, wirken sie auf der Leinwand weniger wie Karikaturen. Zwar ist Jürgen Prochnow ("Das Boot") als zentraler Gegenspieler Pius Ott noch immer aasig bis zur Skrupellosigkeit, doch zumindest Nora von Waldstätten als Blanks Geliebte Lucille hat nur noch wenig von jenem schrägen, "wie eine Tempeldienerin" geschminkten Hippiemädchen, das im Buch angeblich Blanks Herz erobert.

Mehr Antworten, weniger Nachdenklichkeit

Bei aller Spannung, die "Die dunkle Seite des Mondes" zwischen glaubhaft inszeniertem Drogentrip und packendem Pharmakrimi entfacht, rückt allerdings eine andere, entscheidende Ebene der Buchvorlage zu weit in den Hintergrund: der endgültige Rückzug des Staranwalts in die Natur, sein wochenlanger Überlebenskampf in der Einsamkeit des Waldes - und damit auch die Flucht aus der kapitalistischen Leistungsgesellschaft.

Denn dieser Urs Blank hat seinen Rousseau aufmerksam gelesen; "Zurück zur Natur", lautet sein Mantra. Und das bedeutet hier: Pilze und Beeren sammeln, Reusen bauen, Forellen filetieren, Kaninchen das Fell über die Ohren ziehen. Alles für die Selbstfindung. Suter verwendet etliche Passagen seines Romans darauf, Blanks "Renaturierung" zu beschreiben, seine Einswerdung mit dem Wald.

Im Film bleibt davon wenig übrig. Regisseur Rick hat sich gegen eine deutsche Version von "Into the Wild" entschieden und für den Thriller. Dadurch bietet seine Kinofassung mehr Antworten als Suters Vorlage, aber sie verliert auch dessen Nachdenklichkeit.

Im Video: Der Trailer zu "Die dunkle Seite des Mondes":

Alamode
"Die dunkle Seite des Mondes"

CH/DE/LU 2015

Regie: Stephan Rick

Drehbuch: Catharina Junk, Stephan Rick; Nach dem Roman von Martin Suter

Darsteller: Moritz Bleibtreu, Jürgen Prochnow, Nora von Waldstätten

Produktion: Port au Prince

Verleih: Alamode

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Start: 14. Januar 2016

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
franz von list 13.01.2016
1. das klingt
spannend und passt sehr gut ins jahr 2016. freue mich auf den film
chuckal 13.01.2016
2. Das klingt
furchtbar und lässt einen angesichts der Überschrift mal wieder zum Original greifen. Das zumindest rate ich Ihnen als Ihr Anwalt.
muunoy 13.01.2016
3. Den Film durchaus, aber nicht mehr die Buecher
Zitat von franz von listspannend und passt sehr gut ins jahr 2016. freue mich auf den film
Ja, den Film werde ich mir auch mal anschauen. Aber von den Buechern Suters bin ich inzwischen enttaeuscht. Irgend wie ist der Plot doch immer derselbe. Sprich: Hat man einen Roman gelesen, kennt man sie alle. O. k., zunaechst hatte ich den aktuellen Roman "Montecristo" gelesen, den ich sehr gut fand. Danach habe ich mir noch zwei Romane von Suter als eBooks geholt. Aber bereits beim Lesen von "Ein perfekter Freund" war ich so gelangweilt, dass ich den dritten Roman noch gar nicht gelesen habe und mir der Titel gerade entfallen ist. Da der Plot immer gleich ist, kann man sich nach den ersten 50 Seiten schon vorstellen wie es weiter geht und endet. Daher weiss ich nicht, warum die Kritiker die Romane von Martin Suter alle so toll finden. Vermutlich haben sie alle nur einen seiner Romane gelesen. Thriller, die man noch verfilmen koennte, gibt es zur Genuege. Als absoluter Fan von Jo Nesboe wuerde ich mir nach "Headhunters" weitere Verfilmungen wuenschen.
excedrin 13.01.2016
4.
Hallo Herr Heinrich, Fear and Loating in Las Vegas ist eine Abrechnung mit der Hippie Bewegung und dem amerikanischen Traum. Sie vergleichen Äpfel mit Birnen
kugelsicher, 13.01.2016
5.
Zitat von excedrinHallo Herr Heinrich, Fear and Loating in Las Vegas ist eine Abrechnung mit der Hippie Bewegung und dem amerikanischen Traum. Sie vergleichen Äpfel mit Birnen
Nein, tut er nicht. Eine Überschrift kann durchaus ein sprachliches Stilmittel sein. Und da beide Filme ein "inszenierter Drogentrip" sind, passt die Analogie schon.
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