Politthriller "Die Erfindung der Wahrheit" Die Anti-Brockovich

Im Politdrama "Die Erfindung der Wahrheit" triumphiert die Meinungsmache über die Moral. Auf den Korridoren der Macht brilliert Jessica Chastain als rücksichtlose Lobbyistin mit undurchsichtiger Agenda.


Wer erinnert sich nicht an Julia Roberts' inspirierte Darstellung der ungelernten Anwaltsgehilfin Erin Brockovich, die mit Mut, Gerechtigkeitssinn und Gefühlswärme einen Umweltskandal aufdeckte und den verantwortlichen Energiekonzern erfolgreich vor Gericht brachte? Für "Erin Brockovich" bekam Roberts 2001 den Oscar, und die Rolle war vorläufiger Höhepunkt ihrer außergewöhnlichen Filmkarriere, in der sie fast immer einnehmende, offenherzige und dem Leben zugewandte Figuren verkörperte.

In John Maddens Politdrama "Die Entdeckung der Wahrheit" geht es ebenfalls um ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema, genauer um die geplante Einführung eines Gesetzes zur stärkeren Kontrolle privaten Waffenbesitzes in den USA. Auch hier ist es eine Frau, die von Jessica Chastain gespielte Lobbyistin Elisabeth Sloane, die in Washington gegen mächtige Widerstände entschlossen für eine Sache streitet.

Doch damit enden schon die Gemeinsamkeiten. Tatsächlich könnte der Kontrast zu "Erin Brockovich" kaum größer sein, und dazu passt, dass Jessica Chastain mit grundsätzlich ganz anderen Rollen reüssiert als eben Julia Roberts: Chastains einsame Terroristenjägerin in "Zero Dark Thirty" (2012) und ihre Geliebte in "The Disappearance of Eleanor Rigby" (2013) faszinierten, weil sie trotz intimer Nähe nie völlig zu greifen waren und selbst in der größten Krise nicht alles von sich preisgaben. Das macht Jessica Chastain zur derzeit überzeugendsten Geheimnisträgerin auf der Leinwand.

Fotostrecke

7  Bilder
"Die Erfindung der Wahrheit": Die Schattenspielerin

So auch in Maddens Film, in dem sie die Unnahbarkeit ihrer Figur zelebriert und meisterhaft Rätsel aufgibt: Elisabeth Sloane erscheint als rücksichts- und reuelose Manipulatorin mit nahezu soziopathischen Zügen, die augenscheinlich kein Mittel auslässt, um ihr Ziel zu erreichen. Kurz, Sloane ist die Anti-Brockovich. Dennoch, und das ist über den Plot des Films hinaus bemerkenswert, ist sie vielleicht die Gute in einem bösen Spiel.

Soziopathin mit Siegermentalität

Das beginnt im Film vor einem Untersuchungsausschuss im US-Kongress, wo Elisabeth Sloane vom Vorsitzenden Senator Ronald Sperling (John Lithgow) wegen ihrer vermeintlich unlauteren Praktiken in der Lobby-Arbeit verhört wird. Wie es dazu kommen konnte, wird in Rückblenden erzählt. Gut drei Monate vor der Anhörung bekommt Elisabeth Sloane ein lukratives Angebot: Als Star-Angestellte ihrer Firma soll sie im Auftrag der Waffenindustrie eine Kampagne starten, um den Beschluss eines Bundesgesetzes zur Einführung strengerer Hintergrundchecks bei privaten Waffenkäufen zu verhindern.

Gleich zum Gesprächsauftakt - und sehr zum Ärger ihres Chefs George Dupont (Sam Waterson) - brüskiert Sloane die potenziellen Auftraggeber, denen sie chauvinistische Ideenarmut und strategische Kurzsichtigkeit vorwirft. Moralische Bedenken äußert sie hingegen nicht, vielmehr scheint Sloane schlicht der Reiz an dieser ihrer Ansicht nach allzu simplen Aufgabe zu fehlen.


"Die Erfindung der Wahrheit"
USA, Frankreich 2017
Regie: John Madden
Drehbuch: Jonathan Perera

Darsteller: Jessica Chastain, Mark Strong, Sam Waterston, Gugu Mbatha-Raw, Alison Pill, John Lithgow, Jake Lacy, Michael Stuhlbarg
Produktion: EuropaCorp
Verleih: Universum Film GmbH
Länge: 133 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 6. Juli 2017


Mehr Ansporn bietet ihr Rodolfo Schmidt (Mark Strong), der kurz darauf an sie herantritt. Schmidts deutlich kleinere Firma arbeitet für die Gegenseite und soll im US-Kongress die nötigen Stimmen für das Gesetz sammeln. Ob aus spontaner Frustration, sportlichem Ehrgeiz oder reiner Lust an der eigenen Unberechenbarkeit heraus, jedenfalls entscheidet sich Elisabeth Sloane, das Lager zu wechseln. Der Großteil ihres Teams folgt ihr zu Schmidt, zurück bleiben lediglich der erfahrene Kollege Pat Connors (Michael Stuhlbarg), nun Sloanes erbitterter Gegner, und die Nachwuchskraft Jane Molloy (Allison Pill). Die Feindschaft zum überrumpelten Ex-Arbeitgeber ist indes nicht die einzige Front, die Sloane eröffnet: Ihr prinzipienfreier Pragmatismus, der offensichtlich keine Skrupel zulässt, schockt Schmidts idealistische Mitarbeiter. Das gilt insbesondere für Esme Manucharian (Gugu Mbatha-Raw), die als Überlebende eines Amoklaufs ein sehr persönliches Interesse am Erfolg des Gesetzesvorhabens hat.

Keine Läuterung im bösen Spiel

Unterstützt von einem starken Ensemble bereitet der Film so die Bühne für die raumgreifende Performance von "Miss Sloane" - so der Originaltitel -, und es ist ein wendungsreiches wie zynisches Vergnügen, Jessica Chastains Lobbyistin bei der Meinungsmache in den Korridoren der Macht zuzusehen. Eine andere Erzählung hätte womöglich einen dramatischen Läuterungsprozess der Figur ins Zentrum gestellt, doch Elisabeth Sloane bleibt in ihrer ethischen und zwischenmenschlichen Zwiespältigkeit bis zum spannenden Finale unkalkulierbar. Dass die emotional defizitäre Einzelgängerin eigentlich nur im anonymen Dienstleistungsverhältnis mit einem Callboy (Jake Lacy) ein wenig ihre Härte verliert, ist da nur konsequent. Und es passt zum sarkastischen Tenor des Films, dass der verständnisvolle Gigolo im Gegensatz zu den hinsichtlich ihrer Überzeugungen extrem elastischen Ehrenmännern in Amt und Würden ein Gewissen hat.

Ein grundlegendes Misstrauen gegenüber Repräsentanten und Instanzen der parlamentarischen Demokratie durchzieht denn auch die Handlung von "Die Erfindung der Wahrheit" - ein Titel, der selbst schon mahnend an die Geisel "alternativer Fakten" erinnert. Selbst wenn sich die aktuelle politische Realität in den USA bisweilen noch bizarrer und pessimistischer ausnimmt als es sich das Drehbuch von Jonathan Perera ausmalen konnte, bleibt die Schlussfolgerung des Films beunruhigend: Wo verfassungsmäßige Regeln nicht mehr gegen allgegenwärtige Korruption ankommen, braucht es eine unlautere Schattenspielerin wie Elisabeth Sloane, um im Staat etwas zu bewegen. Die Frage ist nur, was damit am Ende gewonnen ist. Und was Erin Brockovich dazu sagen würde.

Im Video: Der Trailer zu "Die Erfindung der Wahrheit"

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
champagnero 06.07.2017
1. ...
Vor der WERBUNG für den Film nocheinmal EXTRA WERBUNG? Echt jetzt?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.