"Die fabelhafte Welt der Amélie" Gigantischer Glückskeks

Mit poetischem Realismus hat der französische Kinogaukler Jean-Pierre Jeunet ein witziges, intelligentes Außenseitermärchen über Schicksal und Seelenverwandschaft, die treibenden Kleinigkeiten des Lebens und die Magie der Phantasie entworfen.

Von Oliver Hüttmann


Durch Amélie über Nacht zum Star geworden: Audrey Tautou
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Durch Amélie über Nacht zum Star geworden: Audrey Tautou

Jean-Pierre Jeunet ist ein Magier, ein moderner Märchenerzähler mit Hang zum Makabren, der seinen Budenzauber auch in Freak-Shows auf Jahrmärkten um die Jahrhundertwende hätte vorführen können. 1991 entwarf er in "Delicatessen" ein marodes Mietshaus als organisches Gewebe, das wie ein Verdauungstrakt pulsiert, wenn der Metzger mal wieder eine Wohnung wegen Eigenbedarf gekündigt hat und in seinem Laden dann Frischfleisch - das des ehemaligen Mieters - anbietet. Vier Jahre später bevölkerte er "Die Stadt der verlorenen Kinder" mit Zyklopen, Liliputanern, geklonten Sechslingen und einem Wissenschaftler namens Krank, der wie ein Vampir die Träume von Kindern anzapft.

Filmszene aus "Die fabelhafte Welt der Amélie": Magie der Phantasie
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Filmszene aus "Die fabelhafte Welt der Amélie": Magie der Phantasie

Jeunets Filme leben von purer, praller Phantasie, die auch gespeist werden von den Überlieferungen der Gebrüder Grimm, gruseligen Gutenachtgeschichten oder den Phantasmagorien eines Terry Gilliam ("Brazil").

Für "Die fabelhafte Welt der Amélie" hat er nun die Tonart geändert, geblieben aber ist seine kindliche Lust am Fabulieren mit ebenso erstaunlichem wie beeindruckendem Einfallsreichtum. Die Mutanten von einst sind jetzt Alltagszombies und Außenseiter, Einsame und Eigenbrötler, das Groteske und Morbide ist einer beschwingten Melancholie, warmherzigem Witz und liebenswürdiger Skurrilität gewichen, von Jeunet mit traumwandlerischer Sicherheit inszeniert und stilisiert.

Auf jeden Topf passt ein Deckel, jeder Mensch braucht eine Inspiration (Filmszene)
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Auf jeden Topf passt ein Deckel, jeder Mensch braucht eine Inspiration (Filmszene)

"Die fabelhafte Welt der Amélie" ist angesiedelt in Montmartre, dem Pariser Viertel der Gaukler und Glücksversprechen, wo die von Audrey Tautou berückend verkörperte Titelheldin in einem Café als Kellnerin arbeitet. Das autistisch anmutende Mädchen lebt alleine, doch als es hinter einer Kachel im Badezimmer ihrer Wohnung eine Blechschatulle mit Spielzeug aus den fünfziger Jahren findet, macht es den einstigen Besitzer ausfindig. Dessen Rührung veranlasst Amélie fortan ihre Mitmenschen zum ersehnten Glück zu verhelfen, ja auch zu zwingen.

Nino (Mathieu Kassovitz) jobbt in einem Sex-Shop und bei einer Geisterbahn
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Nino (Mathieu Kassovitz) jobbt in einem Sex-Shop und bei einer Geisterbahn

Also verkuppelt sie die hypochondrische Zigarettenverkäuferin Georgette (Isabelle Nanty) mit Joseph (Dominique Pinon), dem Ex-Freund einer Kollegin, der jeden Tag am selben Platz eifersüchtig im Bistro hockt. Für eine Nachbarin (Yolande Moreau) fälscht sie Briefe vom Ehemann, der sie vor drei Jahrzehnten hat sitzen lassen. Den Gemüsehändler (Urbain Cancelier) treibt sie fast in den Wahnsinn, weil der ständig seinen trotteligen Gehilfen (Jamel Debbouze) schikaniert. Sie zerrt sogar einen verängstigten Blinden mit und schildert ihm detailliert die Umgebung und Geschehnisse.

Jeunet führt hier einen Tanz unfassbarer Kleinigkeiten auf, arrangiert zu einem komplexen Reigen, der wie eine Kettenreaktion funktioniert. Jede Nuance ist wichtig, jede Marotte gilt als Metapher, für jede Absurdität findet sich eine Erklärung, auf jeden Topf passt ein Deckel und jeder Mensch braucht eine Inspiration. Ihren Vater (Rufus) lockt Amélie aus seinem emotionalen Schneckenhaus, indem sie seinen Gartenzwerg entwendet und einer Stewardess mitgibt, die das Stück vor der Freiheitsstatue oder dem Kreml fotografiert und die Polaroid-Bilder dem alten Mann zuschickt. Und der Greis (Serge Merlin) mit den Glasknochen, der jedes Jahr eine Kopie von Renoirs "Das Frühstück der Ruderer" malt, gelingt es erst, den Blick eines Mädchens in der Bildmitte richtig darzustellen, als Amélie etwas von ihren Gefühlen preisgibt.

Jeunets Mutanten von einst sind jetzt Alltagszombies und Außenseiter
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Jeunets Mutanten von einst sind jetzt Alltagszombies und Außenseiter

Amélie ist wie ein guter Geist oder Katalysator, der Resignation in Euphorie umwandelt. Ihr eigenes Glück findet sie schließlich mit Nino (Mathieu Kassovitz), der in einem Sex-Shop und bei einer Geisterbahn jobbt. Es ist Liebe auf den ersten Blick, doch zunächst sind sie noch hin- und hergerissen: Zu sehr ähneln ihre Herzen den weggeworfenen Fotos, die Nino vor Passbild-Automaten aufsammelt und in ein Album klebt.

Die rosigen Farben dieser hinreißend verschrobene Fabel wirken wie kolorierte Kulissen aus dem Paris der Vorkriegszeit, gleichzeitig aber hat Jeunet seinen poetischen Realismus auch mit den ästhetischen und tricktechnischen Kniffen sinnstiftender Reklamespots ausgestattet. So wimmelt es denn auch vor optimistischen Aphorismen. Amélies fabelhafte Welt ist ein gigantischer Glückskeks, süß und süchtig machend: Die Spruchweisheiten nimmt man zwar nicht ernst, man liest sie aber trotzdem immer wieder gerne.

"Die fabelhafte Welt der Amélie" ("Le fabuleux destin d¹Amélie Poulain"), F/BRD 2001. Regie: Jean Pierre Jeunet; Drehbuch: Guillaume Laurant, Jean-Pierre Jeunet; Darsteller: Audrey Tautou, Mathieu Kassovitz, Rufus, Dominique Pinon; Länge: 120 Minuten; Verleih: Prokino / Fox; Start: 16. August 2001.



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