"Die fantastische Welt von Oz": Alles so schlimm bunt hier

Von Tim Slagman

Disney Enterprises

Wie kam der Zauberer nach Oz? "Spider-Man"-Regisseur Sam Raimi erfindet in "Die fantastische Welt von Oz" die Vorgeschichte zum Kino-Klassiker. Dafür schuf er eine imposante 3-D-Welt. Tja. Und am Ende will man da einfach nur schnell raus.

Ob Narnia, Mittelerde oder Hogwarts - die Erschaffung einer neuen Welt mit ihren ganz eigenen Wesen, Helden, Texturen und Bewährungsproben gehört zu den großen Stärken des Kinos.

Und egal, wie gelungen man diese Ausflüge im Einzelnen findet: Es liegt nahe, dass das Kino dann gleich auch von der Flucht aus der realen Welt und vom Wechsel in die erfundene berichten will. In "Der Zauberer von Oz", nach der Erzählung von L. Frank Baum, verschlug es die kleine Dorothy 1939 mit ihrem Hund Toto aus dem grauen Kansas in ein Wunderland knalligen Technicolors - "Somewhere over the Rainbow". Ob es dort wirklich so viel schöner ist als daheim? Das ließ die Erzählung offen. Dorothy bekam es mit einer bösen Hexe zu tun, und Hilfe suchte sie bei einem Magier, der sich als Trickser entpuppte. Sam Raimi, der grobe ("Tanz der Teufel") und glattere ("Drag Me to Hell") Horrorfilme gemacht hat und mit der "Spider-Man"-Reihe ein paar Widerhaken in die Zuckerwattewelt der Superhelden einbaute, erzählt nun in "Die fantastische Welt von Oz" davon, wie besagter Zauberer überhaupt ins Lande Oz gelangte.

Der Geist des Jahrmarkts

Die Dialektik von Heim- und Fernweh, von Traum und Wirklichkeit, löst Raimis Film jedoch vollends auf, er nimmt das Publikum mit in ein totalitäres Reich der Phantasie. Dazu gehört auch schon das Kansas der Jahrhundertwende, gefilmt in Schwarzweiß und im 4:3-Format des klassischen Hollywoods. Der Inszenierung in 3D kommt das entgegen: Da, wo Weite beschränkt wird, richtet sich der Blick eben automatisch stärker in die Tiefe. Gerade der Vorspann zelebriert lustvoll die Guckkastentechnik: tiefe Tunnels, sich drehende Räder, Münzen, Mechaniktricks - eine Hommage an die Geburt des Kinos aus dem Geiste des Jahrmarkts. Genau hier schlägt sich der Frauenheld und moralische Leichtfuß Oscar Diggs (James Franco) als Zauberer durch.

In der Folge spielt Raimi die dritte Dimension vor allem in Bedrohungsszenarien am eindrucksvollsten - und am konventionellsten - aus. Zunächst etwa in einem Sturm, in den Oscar mit seinem Fesselballon gerät und der ihn ins farbensatte, breitwandausgewalzte Zauberland von Oz bringt.

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"Die fantastische Welt von Oz": Spektakel ohne Seele
Dort begrüßt ihn die Hexe Theodora (Mila Kunis) und erkennt in ihm den Zauberer aus einer Prophezeiung, der das Land von einer anderen, der bösen Hexe befreien wird. In der Hauptstadt meldet ihre Schwester Evanora (Rachel Weisz) daran aber Zweifel an. Um die Skepsis auszuräumen - immerhin warten auf den Befreier der Thron und riesige Berge von Gold - macht sich Oscar sogleich auf: Mit einem fliegenden Affen und einem traumatisierten Porzellanmädchen als Gefährten geht es in den Dunkelwald, wo sich die böse Hexe Glinda (Michelle Williams) verbergen soll.

Keine Frage, Oz sieht phantastisch aus. Schroffe Klippen, tosende Wasserfälle, zackige Smaragdtürme, endlose Blumenteppiche, eine Farbenexplosion von grün, gelb, rot - ein Film der visuellen Überreize und der scharfen Kontrastierung. Viele Landschaften sind tatsächlich als Set gebaut worden, die Hintergründe sind zum Teil deutlich als flächige Zeichnungen erkennbar. So feiern Raimi und sein Produktionsdesigner Robert Stromberg, der Oscars gewonnen hat für "Avatar" und "Alice im Wunderland", unter Einsatz modernster Tricktechnik das gute alte, handgemachte Illusionswerk. Das ist so richtig nett nostalgisch und natürlich sehr sympathisch. Und vielleicht sogar eine Reflexion über Macht und Grenzen der Täuschung im Kino. Oder?

Menschen werden zu Objekten

Von wegen. Raimi hat einen übertrieben künstlichen und hermetisch versiegelten Kosmos geschaffen, in dem Objekte zu Menschen und Menschen zu Objekten werden: Kunis, Williams, vor allem aber Franco spielen die stets eindeutig definierten Emotionen ihrer Figuren mit Mimik von der Stange, und sie sagen dazu Sätze, die nicht Ausdruck von Gefühlen sind, sondern deklamatorische Statements.

Selbst das wäre noch verschmerzbar, wenn Raimis Phantasiewelt phantasievoll wäre. Stattdessen präsentiert er ein Reich öder Klischees: Sein Oz ist voll von dramaturgischen Konventionen, platten Gegenüberstellungen und simplen Botschaften - als Beispiel seien nur mal die Kostüme der bösen und der guten Hexe genannt. Welche trägt hier Schwarz und welche Weiß? Die ganze Zeit wartet man auf den Moment, wo diese Welt in ihrer Plastikbonbonhaftigkeit implodiert.

Doch der kommt nicht: "Die fantastische Welt von Oz" ist als Film ein großes Missverständnis. Er verwechselt Vorstellungskraft mit schamloser Plünderung kultureller Mythen und stellt sich Eskapismus als Einbahnstraße vor. Raimi möchte, dass niemand mehr aus seinem Oz nach Hause zurückkehren will. Da war Dorothy mit ihren zwölf Jahren schon weiter.

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1.
bärchen07 04.03.2013
Zum Glück darf sich jeder seine eigene Meinung bilden. Der Film ist einfach grandios gemacht mit tollen Effekten. Wie gesagt jeder hat seinen Geschmack aber so schlecht wie hier dargestellt ist er keinesfalls.
2. Unglaublich schlecht
filmforist 04.03.2013
Zitat von bärchen07Zum Glück darf sich jeder seine eigene Meinung bilden. Der Film ist einfach grandios gemacht mit tollen Effekten. Wie gesagt jeder hat seinen Geschmack aber so schlecht wie hier dargestellt ist er keinesfalls.
Schwer vorstellbar, dass Sie den Film komplett gesehen haben und nicht nur den Trailer. Das Machwerk ist grauenvoll lahm, unfassbar rückschrittlich und extrem ärgerlich im Vergleich zur Originalgeschichte. Für über 5-jährige zu anspruchslos.
3. Kopfweh-Kino
joschitura 04.03.2013
Der Film für Menschen, die bei McDonalds essen - und das für Gourmet-Food halten... Bunt, schrill, laut, grell und in 3D - dass es Menschen gibt, die sowas für schön halten, wundert nicht in der heutigen Arbeitswelt. Wer den ganzen Tag das Gepiepse an der Kasse und das Musikgedudel beim Edeka ertragen hat, empfindet solche Filme nachgerade als Erholung.
4.
kieler83 04.03.2013
Die Kritik ist genauso schlecht wie die zu Les Miserables. Ich vermute mal vom gleichen Redakteur. Für mich klingt das als wäre er entweder ein gescheiterter Drehbuchautor, der seinen Frust am Erfolg anderer ablässt, oder er ist einfach nur zu alt für seinen Job und noch nicht in der heutigen Filmindustrie angekommen.
5. This is not Oz anymore, Toto!
Reiner Geist 04.03.2013
Das Land Oz ohne Dorothy geht gar nicht. Oz ist Dorothy und Dorothy ist Oz. Niemand! kann ohne sie dahin.
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Die fantastische Welt von Oz

Originaltitel: Oz the Great and Powerful

USA 2013

Regie: Sam Raimi

Buch: Mitchell Kapner, David Lindsay-Abaire nach einer Erzählung von L. Frank Baum

Darsteller: James Franco, Mila Kunis, Rachel Weisz, Michelle Williams, Zach Braff, Bill Cobbs

Produktion: Walt Disney Pictures, Roth Films

Verleih: Walt Disney

Länge: 130 Minuten

Start: 7. März 2013