Tragikomödie "Die feine Gesellschaft" Das Knurren im Kopf

Zwischen Bourgeoisie und Biotop: "Die feine Gesellschaft" von Regisseur Bruno Dumont ist eine bizarre Gesellschaftsstudie, die alles dafür tut, damit man sie nicht ernst nimmt.


Frankreich im Sommer 1910: Wie jedes Jahr verbringt die reiche Industriellendynastie van Peteghem aus Tourcoing die Ferien an der Küste. Ihre protzige Villa aus Beton ragt wie ein Sarkophag aus der umliegenden Dünenlandschaft. Die Familie um Mutter Isabelle (Valeria Bruni Tedeschi) und Vater André (Fabrice Luchini) kommt zusammen, für gute Luft, Wein und erlesene Meeresfrüchte.

Im benachbarten Dorf leben die Rohbrechts - eine bäuerliche Großfamilie, die offensichtlich von Armut gezeichnet ist. Neben dem mühseligen Sammeln von Muscheln verdienen sie sich ein paar Centimes dazu, indem sie allerhand Städter mit dem Boot durch die seichten Gewässer chauffieren. Auch die van Peteghems gehen auf Landpartie und sonnen sich förmlich in ihrem Ressentiment gegen die scheinbar einfältige Bauernfamilie.

Mit der Zeit allerdings verschwinden immer mehr Sommergäste spurlos. Unruhe breitet sich aus, die van Peteghems fühlen sich in ihrem Idyll bedroht. Da tritt der wohlbeleibte örtliche Inspektor Blading (Didier Desprès) auf den Plan und nimmt in aller Ruhe und Behäbigkeit die Ermittlungen auf.

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Tragikomödie "Die feine Gesellschaft": Das Knurren im Kopf

Grenzenloser Selbstbezug

So weit das Setting von "Die feine Gesellschaft", dem neuen Film des französischen Regisseurs Bruno Dumont. Es ist allerdings keine klassische Kriminalgeschichte, mit der man es hier zu tun hat. Denn Dumont versetzt seine Story mit gehörig absurden Elementen: Menschen steigen plötzlich in die Luft und beginnen zu fliegen. Der dicke Inspektor lässt sich lieber von seinem Assistenten durch die Dünen rollen, als dass er zu Fuß läuft.

Und dazu reden alle Figuren in einem eigenartig-gekünstelten Slang, es wird geknurrt, gejault und gegeifert. Die Worte aus dem Mund des Fischersohns Lümmel (Brandon Lavievielle) klingen wie ein ein urzeitliches Grunzen. André van Peteghem stottert stets ein seltsames Stakkato und seine Frau Isabelle keift in hysterischem Singsang um sich. Dazu stehen sich beiden sozialen Klassen in unverblümtem Hass gegenüber.


"Die feine Gesellschaft"
Originaltitel: "Ma Loute"
Deutschland, Frankreich 2017
Buch und Regie: Bruno Dumont
Darsteller: Fabrice Luchini, Juliette Binoche, Valeria Bruni Tedeschi
Produktion: 3B Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion GmbH, Pallas Film
Verleih: Neue Visionen
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 122 Minuten
Start: 26. Januar 2017


Wenn der Film ein Thema hat, dann ist es dieses: Dumont studiert die Gesellschaft des beginnenden 20. Jahrhunderts und entdeckt ein System von grenzenlosem Egoismus und sozialer Ausgrenzung. Zweifellos, das Gute im Menschen war noch nie das bevorzugte Sujet des französischen Regisseurs, der sich vor allem mit expliziten Darstellungen von Gewalt und Sex einen Namen gemacht hat, wie etwa im kontroversen "29 Palms" (2003). In seinem neuen Film enttarnt der etwas milder gestimmte Dumont nun die "feine Gesellschaft" als gut geölte Maschinerie des nuancierten Selbstbetrugs.

Exzentrischer Formalismus

Doch bei allem Hang zur Parodie überreizt Dumont seine Bilder und nimmt ihnen die Luft zum Atmen. Er will das Groteske, um jeden Preis. Dadurch wird "Die feine Gesellschaft" zu einem Film, dessen exzentrischer Formalismus etwas Belastendes hat. Die Figuren agieren wie in einem vorgefertigten Raster des kalkulierten Klamauks. Doch der Effekt verpufft rasch. Und letztendlich bleiben die Figuren als oberflächliches Abbild ihres sozialen Milieus zurück: Sei es die dekadente, herablassende Bourgeoisie mit ihrer manischen Gestelztheit oder eben die menschenfressende Fischersfamilie mit ihren ungeschlachten Grunzlauten. Eine erzählerische Entfaltung findet kaum statt.

Doch einen Coup hat die Story parat: Lümmel bändelt zur Überraschung aller mit der burschikosen Billie (Raph) an, einer Cousine der Van Peteghems, die mit ihrer neurotischen Mutter Aude (Juliette Binoche) angereist ist. Das ungewöhnliche Pärchen stellt den Standesdünkel radikal infrage und versetzt die scheinbar wohlklassifizierte Welt zwischen Dünen und Meer in Aufruhr.

Im Video: Der Trailer zu "Die feine Gesellschaft"

Irrsinn der Etikette

Die zarte Romanze ist letztlich die flüchtige Hoffnung, in die der Plot investiert: Über Standesgrenzen hinweg werden kurzzeitig echte Zuneigung und unbedarfte Neugier spürbar. Ansonsten wirkt die französische Gesellschaft der Jahrhundertwende wie ein ausgeklügeltes Kastensystem, in dem jede Rolle, jeder Affekt einem minutiösen Protokoll unterliegen. Dumont geht es um genau diesen unmenschlichen Irrsinn der Etikette, den er zu einer restlosen Karikatur werden lässt. Die Patina der gehobenen sozialen Herkunft verdeckt nur oberflächlich die bestialische Natur des Menschen.

Zwischen dieser Aussage und der Story des Films allerdings gibt es kaum eine Verbindung. "Die feine Gesellschaft" will bei aller ausgestellten Absurdität zusätzlich noch eine Liebes- und Kriminalgeschichte sein - und ist letztlich keines von beidem. Dadurch schwindet mit der Zeit die erzählerische Spannung dahin. Das ist bei einer Laufzeit von über zwei Stunden letzten Endes fatal und so entsteht beim Zusehen eine wachsende Teilnahmslosigkeit gegenüber dem Gezeigten.

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