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"Die fetten Jahre sind vorbei": Anarchie und Alltag

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Es gibt ein Leben außerhalb der gesellschaftlichen Matrix: In seiner warmherzigen Komödie "Die fetten Jahre sind vorbei" zeigt Regisseur Hans Weingartner, dass politisches Kino auch Spaß machen kann. Sein in Cannes bejubelter Film über drei junge Revoluzzer atmet den Aufbruchsgeist der Nouvelle Vague.

Szene aus "Die fetten Jahre sind vorbei" (mit Hauptdarstellern Erceg, Brühl, Jentsch): "Erziehungsberechtigte" im Revoluzzer-Stress
AP / y3 COOP 99

Szene aus "Die fetten Jahre sind vorbei" (mit Hauptdarstellern Erceg, Brühl, Jentsch): "Erziehungsberechtigte" im Revoluzzer-Stress

Jule (Julia Jentsch) ist Mitte 20 und hat trotzdem nicht viel zu lachen. 100.000 Euro muss sie an einen reichen Bonzen abstottern, weil sie mit ihrem unversicherten Auto seinem Mercedes hinten draufgefahren ist. Das Leben scheint vorbei zu sein, bevor es überhaupt angefangen hat. Um Geld zu verdienen, jobbt sie abends in einem Berliner Nobel-Restaurant und muss sich von ihrem kaum älteren Jungunternehmer-Chef anraunzen lassen, weil ihre Haare nicht ordentlich streng zum Zopf gebunden sind. Für die Miete reicht der magere Lohn dennoch nicht, die Räumungsklage droht, und renovieren muss sie die enge Bruchbude auch noch. Was tun gegen so viel Ungerechtigkeit? Einen Traum hat sie, klar: "Wild und frei zu leben", auch wenn das ja eigentlich jeder sagt.

Im echten Leben hieße die Devise ganz pragmatisch "Augen zu und durch", aber im Kino, und vor allem in Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei", gibt es Alternativen, dürfen Träume manchmal wahr werden. Jules Freund Peter (Stipe Erceg) und sein Mitbewohner Jan (Daniel Brühl) haben ein Ventil für ihren Frust gefunden: Nachts fahren die beiden Kumpels mit ihrem VW-Bully durch die reichen Viertel der Hauptstadt und brechen in Villen ein, deren Bewohner im Urlaub oder auf Geschäftsreise sind. Klauen, sich am Überfluss der Bonzen bereichern, wollen sie nicht. Stattdessen arrangieren sie die Möbelstücke zu beinahe kunstvollen Skulpturen um, legen Stereo-Anlagen in den Kühlschrank oder kippen wertvolle Porzellanfiguren in die Spüle. Immer hinterlassen sie eine Nachricht an ihre Opfer. Mal steht "Die fetten Jahre sind vorbei" auf dem Zettel, mal "Sie haben zu viel Geld". Unterzeichnet sind die Botschaften mit "Die Erziehungsberechtigten".

Szene mit Jule, Jan und Peter: Zu spießig für die freie Liebe zu dritt
Delphi Filmverleih / y3 film

Szene mit Jule, Jan und Peter: Zu spießig für die freie Liebe zu dritt

Treibende Kraft hinter den Nacht- und Nebel-Aktionen ist Jan, ein Gerechtigkeitsfanatiker und Idealist, der sich im Bus auch schon mal wegen eines Penners in eine Prügelei verwickeln lässt. Er ist der zornige junge Mann, eine Art James Dean von Berlin, der jedoch sehr genau weiß, was er tut: Unbehagen will er erzeugen, Angst schüren bei den Reichen und Arrivierten, die sich ihres Hab und Guts nicht mehr sicher sein sollen. Die bürgerliche Ordnung wird symbolisch auf den Kopf gestellt, zu Schaden kommt dabei niemand. Es ist der gewaltfreie Revolutionsansatz der Anti-Globalisierungs-Generation.

Peter ist weit weniger verbissen und missionarisch als sein Kumpel. Der Hobby-Anarchist genießt die Revoluzzer-Pose und bastelt ansonsten fleißig an seiner Karriere. Zusammen dienen die beiden Freunde als Blaupause für das ewige Hin- und Her zwischen Amüsiertrieb und Verantwortungsgefühl.

Aus Spaß wird Ernst, als sich Jan in Jule verliebt und mit ihr allein auf nächtliche Erziehungstour geht - im Haus jenes Geschäftsmannes, dem sie das Geld schuldet. Doch Hardenberg (Burghart Klaußner) ertappt die beiden auf frischer Tat. Die Situation eskaliert, es kommt zum Handgemenge und am Ende liegt der Hausbesitzer bewusstlos auf dem Marmorfußboden. Eben noch dominierte die Ausgelassenheit der neu entdeckten Liebe die Szenerie, jetzt steht plötzlich eine Entscheidung für oder wider die echte, die politische Radikalität an: Knast oder Flucht? Rückkehr in das "Scheiß-System" oder endgültiges Abkoppeln von der bürgerlichen Existenz?

Verliebte Jan (D. Brühl) und Jule (J. Jentsch): Die Ausgelassenheit der Liebe weicht echter Radikalität
Delphi Filmverleih / Dirk Plamböck

Verliebte Jan (D. Brühl) und Jule (J. Jentsch): Die Ausgelassenheit der Liebe weicht echter Radikalität

Gemeinsam mit Peter entführen sie Hardenberg auf eine Berghütte in Tirol. Die Lage ist vertrackt, das Trio völlig überfordert. Denn nicht nur politische Überzeugungen werden hart auf die Probe gestellt, sondern auch private: Jan und Jule können ihre Liebe nicht mehr länger vor Peter verbergen. Es kommt zum Streit, und der Beziehungsstress wird zum Stellvertreterkrieg: Schnell wird klar, dass die Generation Golf für die freie Liebe zu dritt dann doch zu spießig ist.

Spätestens hier könnte der Film in ein typisch deutsches Betroffenheitsdrama umkippen, an dessen Ende die Moral dekretiert wird. Doch Weingartner hat einen Joker parat: Der vermeintlich fiese Bonze Hardenberg entpuppt sich als sympathischer Alt-68er, der seine Gefangenschaft als Urlaub von den Zwängen seiner Kapitalisten-Existenz genießt. "Eure Argumente erinnern mich schon sehr an damals", sagt er zu seinen jungen Kidnappern - und zieht nostalgieversonnen am Joint. Das Feindbild fällt und macht Platz für die nüchterne Erkenntnis, dass alle Radikalität irgendwann vergeht - und im Marsch durch die Institutionen zu biederer Angepasstheit zerrieben wird.

Abgesehen von der überragenden Leistung seiner Darsteller, allen voran Daniel Brühl und Julia Jentsch, ist es Weingartners Verdienst, die eigentlich bittere Botschaft seines Films mit Humor zu verabreichen. Inmitten der skurrilen Alm-Szenerie wandelt sich sein Film vollends zur tragischen Komödie, die in einem ebenso furiosen wie utopischen Finale mündet. Der Regisseur verrät seine Figuren nicht, er belächelt sie noch nicht einmal. Stattdessen zeigt er mit einem milden Augenzwinkern, wie viel Potenzial im diffusen Dagegensein der jungen Generation steckt. Auch wenn der brillante Burghard Klaußner als Hardenberg den wohl markantesten Part des Ensembles innehat: Schlecht kommen am Ende nur die 68er weg.

Regisseur Weingartner, Hauptdarsteller Brühl: "Was früher subversiv war, kannst du heute im Laden kaufen"
DPA

Regisseur Weingartner, Hauptdarsteller Brühl: "Was früher subversiv war, kannst du heute im Laden kaufen"

Der 34-jährige Regisseur aus Österreich, der für "Die fetten Jahre sind vorbei" in Cannes bejubelt wurde, war Mitte der Neunziger selbst Hausbesetzer in Berlin und kennt sich aus mit zerplatzten Idealen und romantischen Utopien. "Was früher subversiv war, kannst du heute im Laden kaufen", lässt er sein Alter Ego Jan im Film sagen - und bringt damit die Orientierungsprobleme der postmodernen Medien-Gesellschaft auf den Punkt. Dennoch versäumt er es am Ende seiner Geschichte nicht, anzudeuten, dass ein Leben außerhalb der Gesellschaftsmatrix möglich sein könnte.

Weingartners zweiter Film nach "Das weiße Rauschen" besticht vor allem durch seine Leichtigkeit. Mit Handkamera-Bildern, die nie die Augenhöhe der Filmfiguren verlassen, zieht er den Zuschauer in seine Geschichte hinein und verzichtet damit auf eine auktoriale Perspektive. Zwar zählt er neben Michael Moore auch Politfilm-Schwergewichte wie Mike Leigh und Costa-Gavras zu seinen Vorbildern, doch atmet sein Film vor allem den Aufbruchsgeist der französischen Nouvelle Vague. Aufsässige, stilistisch gewagte Werke wie Godards "Außer Atem" und Truffauts "Jules & Jim" standen Pate, gleichzeitig erinnert die Story der drei Möchtegern-Revoluzzer auch an Bertoluccis Ménage-à-trois "The Dreamers" - minus die Nostalgie.

Denn "Die fetten Jahre sind vorbei" ist vor allem eines: zeitgemäß. Wenn, und das steht zu hoffen, die Nonchalance Schule macht, mit der Weingartner hier Liebe, Politik, Generationenkonflikte und schwere existenzielle Fragen in eine rasante und begeisternde Komödie verpackt, dann könnte das deutsche Kino in Cannes bald wieder öfter mit standing ovations empfangen werden.


Die fetten Jahre sind vorbei

Deutschland 2004. Regie: Hans Weingartner. Buch: Hans Weingartner, Katharina Held. Darsteller: Daniel Brühl, Stipe Erceg, Julia Jentsch, Burghart Klaußner. Produktion: Coop99, Y3 Filme, SWR, Arte. Verleih: Delphi. Start: 25. November 2004

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