Verhunzte Romanze nach Nicole Krauss Es klebe die Liebe!

Die besten Schmonzetten schütteln uns durch, doch die Kinoadaption des Bestsellers "Die Geschichte der Liebe" verkommt zur Karikatur. Filmemacher Radu Mihaileanu muss einen anderen Roman gelesen haben.

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Drei junge Typen stehen Spalier in einem Wiesenhain, ein Mädchen tänzelt um sie herum. Sie soll, wie dereinst Paris mit seinem Apfel, entscheiden, welchen sie nun wirklich, ehrlich, am meisten liebt. Sie betrachtet alle gründlich und erklärt dann feierlich, zuerst den einen, dann den anderen und zuletzt den dritten heiraten zu wollen. Doch Alma wählt dann doch nicht Zvi und nicht Bruno, sondern Léo, der nur zweierlei will im Leben: Alma. Und Romane schreiben.

Wie es die Fallhöhe verlangt, wird aus beidem nichts: Es sind die Dreißigerjahre in einem polnischen Schtetl, das Quartett flieht vor Nazis und Krieg, sie begegnen sich später wieder in New York.

Léo macht zwar keine Autorenkarriere, schreibt aber dennoch - unter anderem die titelgebende "Geschichte der Liebe". Natürlich fordert eine derartig bombastische Überschrift geradezu auf, die Sache grundsätzlich, als Allegorie, zu verstehen. Warum auch nicht: Existenzielles wie Flucht und Heimatlosigkeit eignen sich als Lackmustest, um nachzusinnen, wieso die Liebe so ein seltsames Spiel ist. Und wieso das Geschichtenerzählen gegen jedes Loch in der Seele hilft.

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"Die Geschichte der Liebe": Die Liebe als klebriges Abziehbild

Doch was der rumänisch-französische Filmemacher Mihaileanu aus der herzerwärmenden Romanvorlage der US-Autorin Nicole Krauss gemacht hat, die ihren Bestsellerstatus mit jeder Buchseite verdient hat, ist schlicht unerträglich. Alle paar Minuten möchte man zum großen Seufzen anheben. Aber wahrlich nicht aus Schmacht. Dabei sind Flucht und die Feier der Kunst als Mittel gegen Verlorenheit seit jeher Mihaileanus Thema, "Geh und lebe" und "Das Konzert" waren genau darum preiswürdig.

Überhaupt nicht sagenhaft

Seine Versuchsanordnung aber, "Die Geschichte der Liebe" in den Status einer überzeitlichen Sage zu hieven - etwa mit dem Refrain "Es war einmal ein Junge, der liebte ein Mädchen", Schwarz-Weiß-Szenen oder Erwachsenen, die Jugendliche mimen -, misslingt mit Karacho. Trotz all der im Roman angelegten Tiefe werden in diesem Film Gefühle nie evoziert, nur behauptet.

Mihaileanu braucht dafür eine weichgezeichnete Lichtstimmung wie aus einem Pilcher-Film, den kalkuliert langsamen Zoom auf die Gesichter seiner Protagonisten, den sanften Schwenk in die Totale, um Überwältigung zu suggerieren, die Streichersuppe im Off. Und all das nur, um Blümchenkleid-Momente aneinanderzureihen, die an Erwartbarkeit nicht zu übertreffen sind: vom Herzen-in-Bäume-Ritzen bis Im-Heu-Wälzen, die junge Alma, auf einer tosenden Party alleine auf einem Stuhl am Rand, das Teenie-Pärchen nachts zwischen Schornsteinen auf einem New Yorker Dach. Statt ans Urteil des Paris denkt man eher an den klebrigen "Bachelor".

Dabei hat die Story das Zeug, uns in unserem Kern anzurühren, unsere Prioritäten zurechtzurütteln, ebenso wie die besten Schmonzetten. Etwa weil sie die Liebe und das Schreiben auf mehreren Ebenen verflechtet, zwei Universen zusammenführt.

Da ist jener Roman, den Léo über sein Leben, die Flucht, die Liebe zu Alma geschrieben hat, getragen von Léos Erzählerstimme im Off. Und da ist die andere Erzählung, die uns in zwei Alltagsleben im New York der Nullerjahre versetzt: Hier der alte Léo, der Tür an Tür mit seinem Jugendfreund Bruno in einer kleinen Messie-Wohnung haust, dort die vaterlose Kleinfamilie Singer im Brownstone, mit dem Jungen Bird, Teenagertochter Alma und ihrer Mutter Charlotte, die als Übersetzerin "Die Geschichte der Liebe" auf den Tisch bekommt. Das Mädchen Alma macht sich auf die Suche nach dem Autor - Léo wiederum weiß nicht einmal, dass sein Buch über seine Alma je erschienen ist.


"Die Geschichte der Liebe"
Originaltitel:
L'Histoire de l'Amour
Frankreich, Kanada 2017
Regie: Radu Mihaileanu
Drehbuch: Radu Mihaileanu, Marcia Romano
Darsteller: Derek Jacobi, Sophie Nélisse, Gemma Arterton, Elliott Gould, Mark Rendall, Torri Higginson
Produktion: 2.4.7 Films, Oï Oï Oï Productions
Verleih: Prokino
Länge: 135 Minuten
FSK: ab sechs Jahre
Start: 20. Juli 2017


Nun ist das immer so eine Sache mit Literaturverfilmungen: Es ist zum Niederknien, wenn der Regisseur den Tonfall der Romansprache in Bilder übersetzen kann, neue Zugänge zur Vorlage freilegt. Das Kino war zuletzt durchaus gesegnet mit sagenhaften Interpretationen, von Herrndorfs "Tschick" in der Version von Fatih Akin, über Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts", das Matti Geschonneck ins Tragikomische reingedreht hat, bis zu Andrew Haighs Verfilmung von David Constantines Short Story "45 Years" mit Charlotte Rampling. Allerdings: Wenn Adaptionen nicht alleine funktionieren, ist das ein großer Mist.

Selten schnurrt eine derart reiche Vorlage auf der Leinwand zu reinster Karikatur zusammen wie hier. Derek Jacobi spielt den Erzähler Léo Gursky so flach und fahrig, dass die Figur einem herzlich egal bleibt; Elliott Gould als sein Freund Bruno kennt nur die Tonlage "Brüllen"; das New Yorker Mädchen Alma ist wie eine Schablone aller Teenies der Nullerjahre; und Gemma Arterton als Léos geliebte Alma ist vor allem: schön.

Alles ist reine Zuspitzung. Dass Léo sein Lebensglück blind an die Liebe zu Alma kettet, die in New York einen anderen geheiratet hat, und er sich blindlings in seinen Kummer stürzt. Dass Charlotte Singer sich überreizt an ihre Zeit vor dem Tod ihres Mannes klammert. Dass Zvi Léos gerettetes Manuskript eiskalt als sein eigenes ausgibt, um seine Auserwählte zu bezirzen.

Es stimmt zu Tode betrübt, wie leblos dieser einzigartige Stoff auf der Leinwand klebt. Die Balance zwischen Zartheit und Lakonie, die den Stil von Krauss' Erzählen ausmacht, und somit die Kraft, die von ihren Figuren ausgeht, wurde richtiggehend niedergewalzt. Es kann nicht anders sein: Mihaileanu hat einen ganz anderen Roman gelesen. Oder nur die Wikipedia-Zusammenfassung. Wenn dieser Film eine allgemeingültige Idee von Liebe zeigen soll, möchte man mit diesem Zeug wirklich nichts zu tun haben.


Im Video: Der Filmtrailer zu "Die Geschichte der Liebe"

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
WeyrichderErste 19.07.2017
1. Chance geben!
Filmkritiken sind häufig zweischneidig. Man sollte dem Film eine Chance geben; ich werde ihn mir anschauen. Nicht immer sind es die hochgelobten Hollywoodprroduktionen mit dem größten Umsatz, welche gute Filme versprechen.
noalk 19.07.2017
2. konträr
Vom Filmkritiker des ZDF-Morgenmagazins wurde der Film empfolen. Aber vielleicht hat auch der das Buch nicht gelesen.
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