Western-Remake "Die glorreichen Sieben" Sie reiten (und ballern) wieder

Der Originalfilm war den Kritikern zu flach, dann wurde er zum Klassiker. Auch die Neuverfilmung des Westerns "Die glorreichen Sieben" regt nicht zum Nachdenken an - unterhaltsam ist sie trotzdem.

Von Andreas Busche


Keine sechs Jahre dauerte es, bis Hollywood Akira Kurosawas "Die sieben Samurai" mit einem Remake konterte. Der vom Westerngenre geprägte Schwertkampfklassiker verlangte nach einer Antwort, und 1960 verlegte Regisseur John Sturges mit "Die Glorreichen Sieben" das Geschehen zurück in den amerikanischen Westen. Der Plot (ein wortkarger Einzelgänger rekrutiert eine Bande von Outlaws und Außenseitern) blieb nahezu unverändert und dient seitdem als Blaupause in ganz unterschiedlichen Genres wie dem Kriegsfilm ("Das dreckige Dutzend") oder dem Animationsfilm ("Das große Krabbeln").

Wer sich heute über die Einfallslosigkeit Hollywoods beschwert, tut dem amerikanischen Kino unrecht: Schon vor einem halben Jahrhundert beruhte die Verwertungslogik der Branche auf dem einfachen Prinzip, dass sich am leichtesten verkaufen lässt, was sich bewährt hat. "Die sieben Samurai" war bis dato Kurosawas international erfolgreichster Film - wenn auch nicht sein bester.

Das muss man einfach noch mal kurz feststellen, wenn nun das nächste Remake in die Kinos kommt. Regisseur Antoine Fuqua hat Sturges' Western neu verfilmt. Es ist seine dritte Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Denzel Washington nach "Training Day" und "The Equalizer".

Fuqua ist im aktuellen Blockbusterkino in etwa, was Sturges im Studiosystem der frühen Sechziger verkörperte: ein Auftragsregisseur mit einer vage erkennbaren Handschrift (Fuqua wurde mit Hip-Hop-Videos bekannt), aber alles andere als ein Auteur. Sein voriger Film "Southpaw" mit Jake Gyllenhaal und Rachel McAdams war eine Bankrotterklärung des Boxfilms. Das Genre hat in der Vergangenheit immerhin Klassiker wie "The Set-up", "Raging Bull" und zuletzt "Creed" hervorgebracht.

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"Die glorreichen Sieben": Neuauflage eines Klassikers

Dass Fuqua "Die glorreichen Sieben" neu verfilmt, ist in gewisser Weise schlüssig. Ein interessantes Paradox besteht ja darin, dass der Film zwar zum Kanon der Hollywoodklassiker zählt, aber nicht unbedingt als bedeutender Western gilt - anders etwa als die Filme von John Ford, Howard Hawks, Raoul Walsh, Anthony Mann oder Budd Boetticher.

Die "New York Times" nannte "Die glorreichen Sieben" schon damals "pomadig", "flach" und "klischeehaft". Im Ausland genoss Sturges' Film weitaus höheres Ansehen, was hierzulande möglicherweise auch einer frühkindlichen Konditionierung durch unzählige Fernsehausstrahlungen geschuldet ist. Seine Reputation als Filmklassiker ist auch insofern kurios, da bis auf Yul Brunner die "Stars" (Steve McQueen, Charles Bronson, James Coburn, Eli Wallach) zuvor vor allem aus dem Fernsehen bekannt waren. Darin besteht eine weitere Parallele zu Clint Eastwood, der ebenfalls mit einem Kurosawa-Remake, Sergio Leones "Für eine Handvoll Dollar", zum Filmstar aufstieg. Überhaupt ist Leones Erfindung des Italo-Westerns, inspiriert vom Erfolg Sturges', zweifellos das schönste Vermächtnis von "Die glorreichen Sieben".

Man muss dies alles nicht wissen, um von Fuquas solider Verfilmung unterhalten zu werden. Die Verwertungsmaschine Hollywood funktioniert heute wie eine Tabula rasa, sie ist ahistorisch und vergesslich. Anders als noch zu Sturges' Zeiten ist inzwischen jedes Remake gleichzeitig ein Reboot, das alle vorherigen Versionen eines Films obsolet machen soll. Vor diesem Hintergrund klingt auch Fuquas Aussage, dass er das Original nie gesehen habe, plausibel.

Aber ein wenig Kontext hilft, um Fuquas Film einordnen zu können. Denn auch sein Update ist nur phänotypisch ein Western - in dem Sinne, dass es Cowboys, Pferde und Salondamen gibt. Einer der Darsteller ist sogar Koreaner (Byung-hun Lee, bekannt geworden mit dem Spaß-Eastern "The Good, the Bad, the Weird"). In seinem Kern unterscheidet sich Fuquas Remake dagegen nur unwesentlich von seinen vorigen Filmen "Olympus has fallen" oder "The Equalizer": Es geht vor allem um Action - mit etwas Zeitkolorit. Die Gewalt, die er zeigt, ist kein Ausdruck einer Zeitenwende in der amerikanischen Historie, sondern bloßer Effekt. Das gilt auch für die vollautomatische Gatling Gun, die im Showdown zum Einsatz kommt. In Peckinpahs "The Wild Bunch" kündete das Maschinengewehr schon vom bevorstehenden Ersten Weltkrieg. Bei Fuqua ist es lediglich ein Vorwand für dramaturgisch und akustisch ermüdendes Geballer.

So ist die Inszenierung von "Die glorreichen Sieben" nicht mehr als Routine auf solidem handwerklichen Niveau. Mehr noch als Sturges setzt Fuqua auf die Buddy-Chemie seiner Darsteller: zum einen Denzel Washington als man in black und Chris Pratt in einer weiteren Inkarnation als Bro mit großer Klappe, zum anderen Byung-hun Lee und Ethan Hawke als geschmeidiges Auftragskillerduo (der eine mit einem Messer, der andere mit einem Präzisionsgewehr). Haley Bennett stellt diesem Testosteronbollwerk ihren toughen Siedlerfrauenerfahrungsschatz entgegen. Aber wo sich ein Tarantino dem Genre verpflichtet fühlt und es einer Revision unterzieht, bleibt Fuqua bei ikonischen Motiven, die das Genre durch die gesamte Filmgeschichte durchgereicht hat. In "Die glorreichen Sieben" kommen sie nur noch als selbstbezügliche Referenzen und leere Gesten an.

Fuquas Desinteresse am Western, der immer ein Spiegel seiner Zeit war, zeigt sich schon darin, wie inkonsequent der Film selbst kleinste Ansätze von aktueller Relevanz handhabt. So darf Peter Sarsgaard als skrupelloser Industrieller ein paar Allgemeinplätze über den Zusammenhang von Kapitalismus und Demokratie zum Besten geben. Aber auch die Diversität der Besetzung, die in Hollywood allmählich zum guten Ton gehört (nicht zuletzt aus Marketinggründen), wirkt aufgrund eines Mangels an Vorgeschichten der Figuren uninspiriert. Warum zum Beispiel reisen Byung-hun Lees und Ethan Hawkes Charaktere zusammen durch den Wilden Westen? Und warum sieht der Tlingit Martin Sensmeier in Kriegsbemalung aus wie die Ureinwohner aus einem Western-Serial der Vierzigerjahre?

Fragen zur Besetzung bügelte Fuqua beim Filmfestival in Toronto mit der Bemerkung ab, dass er seine Darsteller nicht nach ihrer Herkunft ausgewählt habe. Hinter der Antwort mag professionelles Kalkül stecken, sie erinnert viel eher aber an einen Kommentar, den der Kulturkritiker Amiri Baraka vor ein paar Jahren über den Einfluss von Schwarzen in Hollywood gemacht hat. Den Filmen des afroamerikanischen Regisseurs Fuqua fehle es, so Baraka, entschieden an einem afroamerikanischen Bewusstsein. Offensichtlich ist diese Einstellung für einen schwarzen Regisseur in Hollywood noch immer der Karriere förderlich.

Im Video: Der Trailer zu "Die glorreichen Sieben"

"Die glorreichen Sieben"

    USA 2016

    Regie: Antoine Fuqua

    Drehbuch: Richard Wenk und Nic Pizzolatto, basierend auf Akira Kurosawa, Shinobu Hashimoto und Hideo Oguni

    Darsteller: Denzel Washington, Chris Pratt, Ethan Hawke, Vincent D'Onofrio, Byung-Hun Lee, Manuel Garcia-Rulfo, Martin Sensmeier, Haley Bennett

    Verleih: Sony Pictures Germany

    Länge: 133 Minuten

    Start: 22. September 2016

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insgesamt 36 Beiträge
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MrT 19.09.2016
1. Kein Wort über Vincent D'Onofrio?
Für mich ist Vincent 'the human chameleon' D'Onofrio der interessanteste Schauspieler. Siehe Dare Devil und Law & Order: Criminal Intent. Ich hätte mir ein paar Worte über seine Rolle in dem Film gewünscht.
klyton68 19.09.2016
2. Peng, bumm, krach, schepper, argh!
Und wieder ein Aufguss. Irgendwie scheint Hollywood nichts neues mehr einzufallen. Oder man reiht eben eine spektakuläre Explosion an die andere. Und am Schluss immer ein wenig Pathos. Gähn. Da schmeiß ich lieber ne französische Konserve aus den Sechzigern bis Neunzigern rein.
MattKirby 19.09.2016
3. Stimmt
Schon. John Sturges Werk war recht einfach gestrickt und die Handlung, naja. Aber was den Film zum Klassiker macht sind die Darsteller. Bronson, Wallach, McQueen, Brynner mit Abstrichen und der meiner Meinung nach beste Western- Darsteller off all times James Coburn, der mit diesem Film bekannt wurde. Seine besten Filme folgten mit Pat Garett & Billy the Kid (Peckinpah) und ... für eine Handvoll Dynamit (Leone) allerdings in den 70ern. Wer dagegen ist Denzel Washington? Ein Film den ich mir sicher nicht ansehen werde.
Attila2009 19.09.2016
4.
Zitat von klyton68Und wieder ein Aufguss. Irgendwie scheint Hollywood nichts neues mehr einzufallen. Oder man reiht eben eine spektakuläre Explosion an die andere. Und am Schluss immer ein wenig Pathos. Gähn. Da schmeiß ich lieber ne französische Konserve aus den Sechzigern bis Neunzigern rein.
Wer sich noch an Luis de Funes ergötzen kann der soll es doch tun. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Hollywood ist nun mal oft seichte Unterhaltung. Übrigens französische Konserven, dann aber aufpassen mit Jean Reno als Killer.Auch der mach peng bumm und schepper ...
uzsjgb 19.09.2016
5. Lee Byung-hun
Lee Byung-hun gehört zu meinen Lieblingsschauspielern, seit Park Chan-wooks Joint Security Area. Aber wie bei so vielen Asiaten, die sich in Hollywood verdingen, kann ich mich nicht wirklich dazu überwinden, diese Filme anzuschauen.
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