"Die innere Sicherheit": Leben in der engen Welt

Von Cristina Moles Kaupp

Wie wird man Mensch als Terroristentochter? Christian Petzolds Regie-Debüt "Die innere Sicherheit" zeigt ein Mädchen zwischen Lebenslügen, verblichenen Idealen, Verrat und erster Liebe.

Fügt sich ins strenge Reglement ihrer Eltern: Jeanne (Julia Hummer)
DPA

Fügt sich ins strenge Reglement ihrer Eltern: Jeanne (Julia Hummer)

Einst wollten sie mit Gewalt die Welt verbessern, nun frisst Angst ihre Seele auf: Clara und Hans gehörten zur RAF und flüchten seit Jahren durch die deutschen Touristenburgen Portugals. Eine perfekte Tarnung ist alles, die unauffälligen Grautöne. Doch "How to hang on to a dream"? Fragend säuselt Tim Hardins Lied aus einer Musikbox und wird zum Motto eines intensiven, stillen Films über anachronistische Ideale und die grenzenlose Verlorenheit eines Teenagers.

"Die Innere Sicherheit" heißt das Kinodebüt des 40-jährigen Christian Petzold und passt wunderbar zur gegenwärtigen Gesinnungsschnüffelei unter führenden Politikern. Ausgerechnet eine Terroristentochter hat sie losgetreten, die Tochter von Ulrike Meinhof. Was treibt Bettina Röhl zu ihrer verqueren Revanche? Verratene Ideale? Zu wenig Liebe? Eine geopferte Jugend? Daran denkt man, während Christian Petzold seine Geschichte erzählt, ohne sich um Biographien zu kümmern oder um Stimmungsbilder einer bleiernen Zeit.

Geister einer verblichenen Zeit: Richy Müller als Hans, Barbara Auer als Clara
Foto: HR

Geister einer verblichenen Zeit: Richy Müller als Hans, Barbara Auer als Clara

Seine Filmheldin ist 15, heißt Jeanne und ist von Schuldzuweisungen noch meilenweit entfernt. Blass und verloren nippt sie an ihrer Cola auf einer zugigen Terrasse im winterlichen Süden, als sich plötzlich Heinrich zu ihr setzt, ein Wellenreiter aus reichem Haus. Jeannes Unsicherheit beim Small Talk, seine wachsende Neugier an dem seltsamen Mädchen - schon fliegen die Funken der ersten Liebe, da naht Hans, der misstrauische Vater, um alles zu unterbinden, was außer Kontrolle gerät.

Ein folgenschwerer Zufall treibt die Familie zur Flucht in ein verändertes Deutschland, zu ehemaligen Genossen, die sich längst mit dem System arrangierten. Sie sind vermögend geworden oder Alkoholiker. Die alten Ideale haben ihren Wert verloren wie die Geldscheine, die noch in einigen Verstecken modern. Clara und Hans sind Störenfriede, deren 68er-Vokabular keiner mehr spricht - Geister einer verblichenen Zeit. Nur in ihrer selbstgerechten Weltverbesserungspose sind die beiden wirklich stark. Sie wollen nach Brasilien und endlich Sicherheit. Aber wie, ohne Geld? Angst wächst sich zur Paranoia aus: Wenn Hans vor der roten Ampel an einer menschenleeren Kreuzung hält, sich dunkle Wagen bedrohlich nähern und der Film in Hans Kopf realer wird, als die Wirklichkeit. Momente einer enormen Spannung, die beredter sind als alle Phrasen vom Klassenkampf.

Und Jeanne? Sie liebt ihre Eltern, niemand sonst wohnt in ihrer engen Welt. Stoisch erträgt sie elende Klamotten, fügt sich ins strikte Reglement, das Kontakte und Freunde verbietet und jede Art von Kommunikation. Leider sehen Clara und Hans Jeannes Opfer nicht. Sie vermögen nicht in den Blicken ihrer Tochter zu lesen, die vom Leiden sprechen an der unverdienten Isolation, an den Lebensentwürfen, die nicht die ihren sind. Und vom Verzicht auf all den wichtigen Teenagerkram, der das Erwachsenwerden so angenehm versüßt.

Die Wucht der Gefühle: Heinrich (Bilge Bingül, r.) verändert Jeannes Leben
Foto: HR

Die Wucht der Gefühle: Heinrich (Bilge Bingül, r.) verändert Jeannes Leben

Doch Jeanne will endlich sichtbar werden, sie will eine eigene Identität, und jetzt bekommt sie die Chance dazu. Stolz präsentiert sie einen sicheren Unterschlupf, den ihr der Surfer verriet. Sie übernimmt die Besorgungen und spioniert sogar Banken für den geplanten Überfall aus. Und sie trifft Heinrich wieder, der in Wirklichkeit Heizungen montiert. Mit ihm kehrt die Wucht der Gefühle wieder, die Jeanne ersticken muss, will sie die Eltern nicht gefährden. Aber die Sehnsucht nach Liebe ist stärker und führt unausweichlich zur Katastrophe.

Der blutige Banküberfall, Flucht, Unfall und Tod - am Ende steht Jeanne alleine da. Stumm blutend - aber nicht neugeboren. In ihrer Rolle hat das Nachwuchstalent Julia Hummer Großartiges geleistet. Sie zeigt ohne viele Worte den ganzen Ansturm sich widersprechender Gefühle. Barbara Auer und Richy Müller hingegen sind durchdrungen vom Eifer derer, die besessen auf die Fast-Forward-Taste der Geschichte drücken und nur sich selber leben. Ein beeindruckendes Ensemble in einem großartigen Roadmovie mit leisen, sensiblen Bildern.

"Die innere Sicherheit". Deutschland 2000; Regie: Christian Petzold; Darsteller: Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller, Bilge Bingül; Verleih: Pegasos; Länge: 102 Minuten

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