"Die Klavierspielerin" Mechanismen der Gewalt

Michael Hanekes meisterliche Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman "Die Klavierspielerin" triumphierte bereits im Frühjahr bei den Filmfestspielen in Cannes. Jetzt ist das verstörende Drama über Zwangsneurosen, Autoaggression und verlorene Lebenslust auch in deutschen Kinos zu sehen.

Von Cristina Moles Kaupp


Isabelle Huppert als "Klavierspielerin" Erika: zwischen Ekel und Faszination
AP

Isabelle Huppert als "Klavierspielerin" Erika: zwischen Ekel und Faszination

Eine kleine Frau schnürt durch Wien. In unauffälliger Montur zurechtgezurrt, diszipliniert, auf das Wesentliche konzentriert: Erika Kohut, Ende Dreißig, Pianistin, Professorin am Konservatorium. Streng, beherrscht und niemals allein. Denn überall lauert die Mutter, jener zähe Raubvogel. Und sie hält ihr Junges fest im Griff, bläut ihm Disziplin ein, Leistung Selbstverzicht und jenen Selbsthass, der auch in ihrer gemeinsamen Wohnung nistet.

Erikas Schicksal ist eines von vielen. Mit klirrenden Worten stößt Elfriede Jelinek in das autobiografisch gefärbte Szenario aus Zwangsneurosen, Autoaggression und verlorener Lebenslust, folgt psychologischen Mustern bis aufs Blut, um sie sich ironisch zugespitzt vom Leib zu schreiben. Als "Die Klavierspielerin" 1983 erschien, entfachte der Roman kontroverse Diskussionen und machte die streitbare Österreicherin schlagartig bekannt.

So hatte noch keine das Geschlechterverhältnis auf den Kopf gestellt: Eine Tochter wird zum Ersatz für den Ehemann, den längst eine psychiatrische Klinik verschlang. Zwei Frauen verschmelzen zu einer bizarren Symbiose, verbringen selbst die Nächte zusammen, nebeneinander lagernd im monströsen Ehebett. Die Junge wird nach dem Lebenssoll der Alten abgerichtet, in ein freiheitsberaubendes Notenkorsett gezwängt und zur Pianistin gedrillt. Der blanke Horror.

Erika und Klemmer (B. Magimel): Tanz aus Begehren, Verweigerung, Verführung und Erniedrigung
Concorde Film

Erika und Klemmer (B. Magimel): Tanz aus Begehren, Verweigerung, Verführung und Erniedrigung

Selbstverständlich kommt alles noch schlimmer. Denn Erika, unfähig ihren Körper und Lust zu spüren, akzeptiert Sexualität nur als Pornografie. Abgetrotzte Stunden in Sex-Shops sind ihr heimliches Laster. Dann verschwindet sie stolz in einer Kabine, starrt auf pumpende grunzende Leiber, klaubt behandschuht nach spermaklebrigen Papiertaschentüchern und schnuppert daran. In anderen Momenten, wenn sie sich vage ihrer inwändigen Leere bewusst wird, schleicht sie ins Badezimmer und stößt sich eine Rasierklinge in die Scham. Bluten muss es - aber selbst diesen Schmerz spürt sie nicht.

"Die Klavierspielerin" ist fast zu sperrig für das Medium der flüchtigen Bilder. Zumal Jelineks überpointierte Sprache ein intelligentes Echo fordert, kein Übertrumpfen auf anderer Ebene. Nicht einen Dialog hat der Roman der Autorin abgetrotzt - trotzdem klirrt er nun auf knapp zwei Stunden verdichtet über die Leinwand. Michael Haneke, vier Jahre älter als die 1946 geborene Jelinek und ebenfalls in Österreich aufgewachsen, hat ein Meisterwerk geschaffen, das dieses Frühjahr in Cannes triumphierte: Ausgezeichnet mit dem Großen Preis der Jury, heimsten Isabelle Huppert als Erika und Benoît Magimel in der Rolle des Klavierschülers Klemmer auch die Darstellerpreise ein. Zu Recht, denn was die beiden hier leisten, ist atemberaubend und verstörend - ein qualvoller Tanz aus Begehren, Verweigerung, Verführung und Erniedrigung.

Die Mutter (Annie Girardot, sitzend) hält ihr Junges fest im Griff
DPA

Die Mutter (Annie Girardot, sitzend) hält ihr Junges fest im Griff

Haneke hat zuletzt in "Code unbekannt" die subtilen Mechanismen von Gewalt in Episoden herauskristallisiert. Nun spannt er den Bogen weiter. Ohne die Romanvorlage zu verraten, leuchtet er in psychische Abgründe und verzichtet dabei auf Schuldzuweisung wie auch auf Läuterung. Das ist ebenso grandios wie sein Kunstgriff, französische Schauspieler durch Wien hasten zu lassen - so schafft er ganz subtil Distanz durch Sprache.

Verbindung schafft allein die Musik Schuberts. Sie führt die altjüngferliche autoritäre Erika mit dem ungestümen Klemmer zusammen, der sich eines Tages unbeschwert an die Tasten setzt und ein außerordentliches Talent für die Musik beweist. Klemmer wird zum Eindringling in Erikas Welt, verliebt sich in die spröde Lehrerin. Die ihn zunächst bekämpft, verachtet und dann begehrt - allerdings bei weitem nicht so, wie es sich ihr Schüler erträumt.

Als er sich im sterilen Toiletten-Weiß in sie verkrallen will, muss er sich Erikas Spielregeln fügen. Ihre Begegnungen gleichen sadomasochistischen Kraftproben mit changierenden Machtverhältnissen. Mag sich Erika zunächst als "Herrin" fühlen, fehlt ihr dennoch der Mut zur Sprache. Also teilt sie dem Schüler ihre Phantasien schriftlich mit: Er soll sie fesseln, schlagen, verachten und zuvor die Mutter einsperren. Klemmers erwartungsfrohe Liebe gefriert in blankes Entsetzen. Erika ist nicht länger das Objekt seiner Lust, noch ist er Herr über die Lage. Pendelnd zwischen Ekel und Faszination bleibt der Schrecken über sich selbst. Die Befreiung gelingt nur durch Gewalt.

"Die Klavierspielerin". Frankreich/Österreich 2001; Regie/Buch: Michael Haneke nach dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek; Darsteller: Isabelle Huppert, Annie Girardot, Benoît Magimel, Susanne Lothar; Länge: 116 Min. Verleih: Concorde; Start: 11. Oktober 2001



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