Hasch-Komödie "Paulette": Oma zieht durch

Von Carolin Weidner

Monster statt Großmütterchen: In der französischen Kino-Komödie "Paulette" macht eine verbitterte, rassistische Rentnerin als Haschisch-Dealerin eine späte Karriere. Nicht immer politisch korrekt, aber sehr lustig.

Findet man sich an einem Ort wieder, mit dem man nur wenig anzufangen weiß, verlangt es nach neuen Strategien. Manchmal muss man alles anders machen, damit es wieder so wird, wie es einem am Besten gefällt. Und hin und wieder leuchtet dabei nicht nur ein Lichtlein auf - hin und wieder fällt die Antwort buchstäblich vom Himmel und landet in den eigenen Händen.

So ergeht es Paulette (Bernadette Lafont) in Jérôme Enricos gleichnamiger Komödie, als sie mit verkniffener Miene über den Pariser Stadtrand streift. Wie von höherer Macht geschickt, landet ein gewichtiger Klumpen im Schoße der mürrischen Alten. Ein geruchsintensiver Brocken Glück, den sich andere Leute in ihre Joints bröseln, und den Paulette als ehemals erfolgreiche Geschäftsfrau in eine schöne Stange Geld verwandelt. Dabei muss sie eigentlich nicht viel mehr tun, als sich alter, fast vergessener Talente zu besinnen.

Jeder Fremde ist suspekt

Und um welche es sich hierbei handelt, zeigt Regisseur Enrico gleich zu Beginn des Filmes in Form eines zuckersüß-nostalgischen Prologs: Paulette inmitten ihres ersten eigenen Ladengeschäftes; Paulette zwischen wuchtigen Torten; Paulette als heimliches Familienoberhaupt mit Kindchen und fidelem Gatten, der die Klischee-getränkte französische Szenerie mit Melodien aus dem Blasinstrument unterlegt. Die 60er, 70er, 80er - hach, es waren schöne Zeiten! Die junge Konditorin im Taumel zwischen Buttercreme und Wirtschaftskraft. Feinste, altbewährte Patisserie, drapiert hinter Glasvitrinen. Und im Vordergrund: Das neueste Automobil.

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Komödie "Paulette": Besondere Backwaren

Heute lebt Paulette in einem zugestellten Appartement. Aus der schmucken Stadtwohnung ging es irgendwann in den Plattenbau. Und nicht nur an Paulettes Mundwinkeln ist abzulesen, dass die Realität kaum dem entspricht, was die Idylle in Sepiatönen einst versprach. Von der Rente lässt sich ein Leben in Muße nur schwerlich bestreiten. Die Konditorei gibt es seit Jahren nicht mehr (dafür ist ein asiatisches Restaurant in die einstigen Geschäftsräume gezogen). Und der so fröhlich musizierende Ehemann ist schon lange dem Schnaps anheimgefallen. Er steht als ewig grinsender Lebemann gerahmt auf einem Schränkchen. Wem ließe sich solch eine Situation besser in die Schuhe schieben als denjenigen, mit denen man am wenigsten zu schaffen hat?

Monster statt Großmütterchen

Die Beantwortung dieser Frage kostet Paulette weniger Zeit, als man für das Tunken eines Madeleines in eine Kaffeetasse benötigt. Es sind diese suspekten Personen aus fernen Ländern, die sich nach und nach ins französische Hoheitsgebiet geschlichen haben. Natürlich mit dem einzigen Ziel, das Lebenswerk der Madame Paulette zu unterwandern, zu infiltrieren und letztlich zu zerstören. Fragwürdige Subjekte, die selbst vor Paulettes engstem Familienkreis nicht Halt machen. Da hat sich einer dieser Schwarzen doch tatsächlich ihre Tochter zur Frau genommen. Das Ergebnis: ein Enkelsöhnchen, dass Paulette "Bimbo" ruft.

Enrico braucht nicht viele Schnitte, um den von politischer Unkorrektheit geschüttelten Zuschauer mit einem innerlichen Aufschrei zurückzulassen: Welch Monstrum, getarnt hinter der Maske eines braven Großmütterchens!

Man kann sich von "Paulette" nach den ersten Schreckensmomenten relativ schnell verabschieden, emotional aussteigen oder einen Kinosaal weitergehen, um sich dort vielleicht von jemandem wie Gus Van Sant die Welt erklären zu lassen. Die bessere Idee ist aber, sich einfach vom ach so verfänglichen Humor und vor allem von der Hauptdarstellerin berauschen zu lassen. Denn Bernadette Lafont, das einstige Herzblatt der Nouvelle Vague und heute auch schon weit über 70, weiß auch in einem Haschisch-Komödchen wie "Paulette" zu überzeugen.

Wem auch das nichts hilft, dem bleibt zumindest eine tröstliche Glückskeks-Doktrin: Sieh dir die Dinge genau an, die unerwartet und ungefragt vom Himmel niederstürzen.


Paulette. Start: 18.7. Regie: Jérôme Enrico. Mit Bernadette Lafont, Carmen Maura, Dominique Lavanant.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
_oasis_, 18.07.2013
Zitat von sysopNeue VisionenMonster statt Großmütterchen: In der französischen Kino-Komödie "Paulette" macht eine verbitterte, rassistische Rentnerin als Haschisch-Dealerin eine späte Karriere. Nicht immer politisch korrekt, aber sehr lustig. http://www.spiegel.de/kultur/kino/die-komoedie-paulette-mit-bernadette-lafont-laeuft-in-den-kinos-an-a-911630.html
Danke für den Tip. Ich gehe mal davon aus, daß diejenigen, die bereits mit "Grasgeflüster" etwas anfangen konnten, auch diesem Film nicht abgeneigt sein werden. Dieses Mal halt französischer Humor. Auch nicht übel, denke ich an "Das große Fressen" oder "Ein Käfig voller Narren". Film ab! :)
2.
marcomeerbusch 18.07.2013
Da schließe ich mich Oasis an. Als Fan von Grasgeflüster gehört der Film für mich zum Pflichtprogramm.
3. Ich war vorgestern in der Preview,
dk5ras 18.07.2013
zum ersten Mal in diesem Jahrtausend wieder in einem Kino (Babylon Fürth), und ich muß sagen, der Film vermochte zu gefallen. Herrlich un-PC, teils durchaus drastisch, trockener Humor an der Grenze zum Bösartigen, und trotz SEK-Einsatz ein Ende, mit dem sowohl Gesetzesverfechter wie Kiffer gut leben können.
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