Coming-of-Age-Film "Die Mitte der Welt" Ist der Ruf erst ruiniert ...

Andreas Steinhöfels Roman über die erste Liebe eines schwulen Jugendlichen wurde zum Bestseller. Jetzt ist die Verfilmung da - und findet für das Leben in einer engstirnigen Welt besondere Bilder.

Von Jan Künemund


Endlich sehen wir es, das Visible, das verwunschene, einsturzgefährdete Haus, das der unangepassten Glass und ihren beiden Zwillingen Phil und Dianne als Zuflucht dient vor der hartherzigen Engstirnigkeit der Welt.

In seinem Jugendbuchbestseller "Die Mitte der Welt" von 1998 hatte Autor Andreas Steinhöfel das Heim der Familie noch in einem geografischen Nirgendwo oder Überall situiert, ohne es genau zu konturieren. In der Verfilmung von Jakob M. Erwa wird es tatsächlich seinem Namen gerecht: zu einer sichtbaren, verwunschenen Anmaßung gegenüber den Miets- und Reihenhäusern mit den normalen Familien und Ansichten unter niedrig gebauten Dächern. Efeuumrankt, märchenhaft, zugewachsen, ein Dorn im Auge der "kleinen Leute", ein abweisender Schutzwall gegen die Spießermoral. Gefunden wurde die Kulisse in Mülheim an der Ruhr.

Sichtbar wird in dem Film so eine Welt, in der Freiräume poetisch ausgestaltet sind - im Kontrast zur Leitidee der "klassischen Familie mit Mutter, Vater und Kindern", wie sie aktuell wieder in bürgerlichen Parteiprogrammen bevorzugt wird und für die Tausende von Menschen, vereint gegen "Genderideologien" und Darstellung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen in Schullehrplänen, gerade auf die Straße gehen. Eine Leitidee, zu der schon Steinhöfels "Rico & Oskar"-Romane um einen "tiefbegabten" Jungen, dessen alleinerziehende Mutter in einem Nachtklub arbeitet, Alternativen anboten.

Kein klassisches Familienmodell

Der 17-jährige Phil, der vaterlos mit seiner Schwester Dianne in Visible aufwächst, bezeichnet sich gleich in den ersten Minuten des Films kokett als "ganz normales Landei, vielleicht ein bisschen schwuler als andere, aber sonst Standardausstattung." Die Mutter Glass, von der großartigen Sabine Timoteo gespielt, für deren ungreifbare Intensität das deutsche Kino ansonsten viel zu wenig Verwendung hat, macht um sein Schwulsein kein größeres Aufheben. Sondern erwartet von ihren Kindern die gleiche Toleranz angesichts ihrer wechselnden Liebhaber, die viel zu kurz da sind, um die vakante Vaterrolle auszufüllen.

Wer ihr tatsächlicher Vater ist, hat Glass ihren beiden Kindern nie verraten, er ist die geschwärzte Nummer drei auf der Liste ihrer Männer, die die Kinder in ihrem Nachttisch finden. Mit dieser unkonventionellen Mutter, der die Menschen im Dorf "Bitsch" auf die Autotür sprühen, ist kein klassisches Familienmodell zu haben. "Wir sind stark, wir wehren uns, wir lassen uns nicht vorschreiben, wie wir zu leben haben", schärft sie ihren Kindern abends am Bett ein. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz gut in Visible.

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"Die Mitte der Welt": Die Heldenreise kommt später

Dass der Erzähler und damit auch die Hauptfigur ein schwul empfindender 17-Jähriger ist, der sich im Verlauf der Handlung zum ersten Mal verliebt, ohne dass ein Coming-out in seiner Familie nötig wäre, war bei Erscheinen des Romans etwas Neues, laut Steinhöfel selbst "ein Versuch, einen Schritt weiter zu gehen in Richtung eines neuen Selbstverständnisses schwuler jugendlicher Romanfiguren".

Der Film geht noch einen Schritt weiter, weil er sich nicht nur weigert, Phils Schwulsein zu seinem Problemthema zu machen. Sondern ihn und seinen Mitschüler Nicholas auch in ziemlich expliziten Sexszenen zeigt, die die Leidenschaft einer ersten Liebe ohne falsche Scham unmittelbar anschaulich machen.

Schlecht aufs Leben vorbereitet

Louis Hofmann als Phil und Jannik Schümann als sein ziemlich geheimnisvoller Freund Nicholas übertragen diese Geschichte, die für viele Leser eine der schönsten schwulen Liebesgeschichten der deutschen Literatur ist, mit großer physischer Intensität auf die Leinwand. Gerade Hofmann, der für seine wenigen Filmauftritte bisher schon mehr Auszeichnungen einsammeln konnte als die meisten seiner Kollegen in ihrer gesamten Karriere, gelingt eine fast verletzliche Offenheit des Ausdrucks, die sich zu keinem Zeitpunkt hinter coolen Posen versteckt.

Seine Geschichte, die sich erst zur Heldenreise entwickelt, wenn der Film ihn verlässt, ist die eines zaghaften Erkennens, dass der paradiesische Schutzraum, den Glass für ihre Kinder und gegen den Rest der Welt errichtet hat, ihn schlecht aufs Leben vorbereitet hat. Das wird gleich zu Beginn deutlich, wenn Phil nach drei Wochen Französisch-Camp wieder nach Visible zurückkommt. Glass und Dianne reden nicht mehr miteinander, und keine von beiden weiht Phil in ihr Geheimnis ein.

"Die Mitte der Welt"

    Deutschland, Österreich 2016

    Drehbuch und Regie: Jakob M. Erwa

    Darsteller: Louis Hofmann, Sabine Timoteo, Ada Philine Stappenbeck, Svenja Jung, Jannik Schümann

    Verleih: Universum Film

    Länge: 115 Minuten

    FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

    Start: 10. November 2016

Erwa setzt um das Haus eine poetische Textur aus Nahaufnahmen von Heidekrautfeldern, Staubpartikeln im Sonnenlicht und Sternenhimmelpanoramen, durchbricht diese aber immer wieder durch das Bild eines vom Sturm zerstörten Waldes; durch die Verwüstung scheint die Visible-Idylle von Beginn an gefährdet. Keineswegs wird hier die heile Welt einer alternativen Familie mit einem lesbischen Paar, kurzzeitigen Liebhabern und einer burschikosen Schulfreundin als einzigen Außenkontakten gezeichnet; vielmehr erscheint sie als trotzig verteidigter Safe Space, der bestenfalls die Illusion zu vermitteln vermag, sich selbst genug zu sein.

Märchenhafter Freiraum

Phil lernt, nicht nur durch die Liebe und den nachfolgenden Liebeskummer, dass er Visible und sein Angebot alternativen Glücks, seine "Mitte der Welt", nach außen tragen und zur restlichen Welt in Beziehung setzen muss. Er besteigt einen altmodischen Zug wie aus einem Harry Potter-Film und geht auf Vatersuche, ausgerechnet in die USA, die sich genauso gerade in einer familienpolitisch konservativen Rückwärtsbewegung befinden wie viele Teile Europas. Der märchenhafte Freiraum des Films, in dem der soziale Anpassungsdruck ausgeschaltet scheint, macht sich als fiktionale Spekulation kenntlich, der ein hartes Erwachen in der Realität folgen könnte.

Und auch der Film selbst steht aktuell etwas quer in der deutschen Kinolandschaft: ästhetisch zu Mainstream für die queere Nische (die Berlinale, mit ihren queeren und Jugendfilmschwerpunkten, hat ihn vielleicht deshalb nicht eingeladen), viel zu schwul für die Cineplex-Kinos, deren Geschäft es ist, Heldenidentifikationen anzubieten.

Hoffen wir, dass die Jugendlichen (und alle anderen) ihn woanders finden. Vielleicht sogar in den gegenwärtig familienpolitisch so umkämpften Bildungsplänen. Visible, so unvollkommen und gefährdet es ist, sollte zumindest als alternative Mitte der Welt sichtbar bleiben.

Im Video: Der Trailer zu "Die Mitte der Welt"

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