"Die Nacht singt ihre Lieder" Zweidimensionales Theater

Auf der Berlinale ist Romuald Karmakar mit "Die Nacht singt ihre Lieder" gescheitert. Journalisten attackierten den Regisseur, die Jury ignorierte ihn. Tatsächlich scheint Karmakar mit seiner quälenden und repetitiven Umsetzung eines Theaterstückes von Jon Fosse an seine künstlerischen Grenzen gestoßen zu sein.

Von Marco Dettweiler


Romuald Karmakar ist ganz allein für seinen Film verantwortlich. Er ist Drehbuchautor, Regisseur und Produzent von "Die Nacht singt ihre Lieder". Eigentlich sind das gute Voraussetzungen, einen deutschen Film zu schaffen, der sich in Look und Story vom Hollywood-Mainstream absetzt. Die deutschen Cineasten freuen sich über solche Autorenfilme, weil in den vergangenen Jahren gerade die Low-Budget-Filme aus Europa mit den 100-Millionen-Produktionen aus Hollywood erfolgreich konkurrieren konnten.

Deshalb kann man Karmakar verstehen, wenn er sich mit seinem Film "Die Nacht singt ihre Lieder" bewusst von populären US-Filmen absetzt. "Ich möchte den Zuschauern das Mitdenken und Mitfühlen nicht ersparen. Filme à la Hollywood, mit glatten Geschichten, die alles erzählen, gibt es wunderbare. Aber es muss auch andere geben." Das stimmt. Die Voraussetzungen und die Ambitionen sind sehr lobenswert. Das Enttäuschende ist nur der Film, denn Karmakar ist an der Umsetzung gescheitert.

Der Anfang ist jedenfalls vielversprechend: Auf der weißen Leinwand sind allmählich Konturen eines Vorhangs zu erkennen. Die Kamera zoomt langsam durch das hell ausgeleuchtete Zimmer auf das Gesicht einer jungen Frau (Anne Ratte-Polle), die auf einem Balkon steht. "Ich halt' das nicht mehr aus", sagt sie und geht zurück in ihre Wohnung. Der Adressat dieser fatalistischen Worte ist ihr Freund (Frank Giering), der auf dem Sofa liegt und liest. Das Pärchen lebt zusammen mit ihrem Baby in einer renovierten Altbauwohnung in Berlin. Karmakar hat ihnen keine Namen gegeben. Der "junge Mann" ist arbeits- und erfolgsloser Schriftsteller. Die "junge Frau" ist Mutter.

Der Zuschauer ahnt schon, dass der Regisseur auch in diesem Film selten die Szenerie wechseln wird. Ganz so puristisch wie im "Totmacher" und "Manila" inszeniert Karmakar "Die Nacht singt ihre Lieder" nicht. Das Liebesdrama spielt sich in zwei Räumen der Berliner Wohnung ab. Auch gibt es eine Sequenz in einer Disco. Beide sind mit ihrem Leben unzufrieden. Sie gehen jedoch unterschiedlich damit um. Auch die Ursachen für ihre Probleme sind jeweils andere. Die junge Frau ist verzweifelt, weil ihr Freund lesend und schreibend in der Wohnung hockt. Sie will aber raus auf die Straßen, sich mit Freunden treffen, in Cafés sitzen, Klamotten anschauen und tanzen gehen. Sie will leben. Ihr Partner hat nur ein Ziel: den Erfolg als Schriftsteller. Er verbringt die Tage in der gemeinsamen Wohnung und bewegt sich auch drinnen kaum.

Symbolträger ohne weltlichen Bezug

Der Konflikt, den nicht nur Hollywood-Blockbuster, sondern auch deutsche Autorenfilme brauchen, tritt im Film relativ früh auf. Einerseits wird der junge Mann bei anhaltendem Misserfolg überhaupt nicht mehr die Wohnung verlassen, weil ihn die Erfolglosigkeit lähmt. Andererseits würde ihn eine Veröffentlichung motivieren, weiterhin die Tage zu Hause zu verbringen, um ein Werk nachzulegen. Seine Freundin kotzt das an. Sie provoziert ihn, macht ihm Vorwürfe, beschimpft ihn. Bevor sie es nicht mehr aushält, soll er es auch nicht mehr aushalten. Sie redet die Explosion ihrer Beziehung herbei.

Karmakar inszeniert die Dialoge in einer exakten und formalen Choreografie. Er setzt Farben gezielt ein, indem er sie symbolisch den einzelnen Figuren zuweist. So wie die beiden Figuren mit ihren Aufforderungen und Vorwürfen ("Lass' uns doch ins Bett gehen", "Wer hat dich heute nacht nach Hause gebracht?") sprachlich auf der Stelle treten und sich im Kreise drehen, lässt der Regisseur Giering und Ratte-Polle auch immer wieder die gleichen Wege in den Wohnungsräumen gehen. Wiederholung ist ein formales und inhaltliches Stilmittel. Doch sie verliert dann ihren Reiz, wenn der Zuschauer allzu schnell bemerkt, wofür der Regisseur sie einsetzt.

"Die Nacht singt ihre Lieder" ist ein Theaterstück, das Karmakar von der Bühne auf die Leinwand geholt hat. Der Gattungswechsel ist beabsichtigt. Karmakar wollte unbedingt das Theaterstück des Norwegers Jon Fosse verfilmen. Ein Grund für die Entscheidung war, dass darin "die Spiegelung von Alltag in der so genannten bürgerlichen Mitte" stattfindet. Doch der Regisseur hat die alltäglichen Probleme und Zerwürfnisse eines Paares eben nicht realistisch gespiegelt, sondern teilweise surreal verzerrt. Die schwer zugänglichen Dialoge stilisieren nur gewöhnliche Streitgespräche unter Paaren, die unnatürlich wirkenden Farben machen aus den Figuren Symbolträger ohne weltlichen Bezug, die Story verwehrt sich einem aus eigener Erfahrung motivierten Zugang.

Theaterstücke leben vor allen Dingen von ihrer kraftvollen Sprache. Filme brauchen ebenso starke Dialoge, aber zudem auch überzeugende Bilder. Als Zuschauer des Films hat man nun das Gefühl, dass Karmakar in seinem Film die passenden Bilder zu vorhandenen Dialogen schaffen wollte. Doch er hat die Sprache des Theaters nicht in Filmsprache verwandelt. Herausgekommen ist dabei ein Film, der steif, unbeholfen und intellektuell überdreht wirkt, weil Karmakar es nicht geschafft hat, aus dem Theaterstück einen Film zu machen. Er ergänzt die Dialoge lediglich durch Bilder, aber beide verschmelzen nicht miteinander.

In der Berlinale-Pressekonferenz verteidigte Karmakar seinen Film mit dem Argument, dass "zu viele Journalisten zu viele amerikanische Filme gucken." Das mag sein. Dafür ist aber auch er verantwortlich, wenn er solche deutschen Filme produziert.


Die Nacht singt ihre Lieder


Deutschland 2003. Regie: Romuald Karmakar. Buch: Romuald Karmakar, Martin Rosefeld. Darsteller: Anne Ratte-Polle, Frank Giering, Manfred Zapatka, Marthe Keller. Produktion: Pantera Film. Verleih: Prokino (Fox). Länge: 95 Minuten. Start: 19. Februar 2004



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