Filmdrama über Russland Schläger, Pöbler, Prostituierte

Der Film der Woche: "Die Sanfte" schickt eine Frau auf eine Reise durch ein irres Russland voller Randgestalten. Doch statt zu urteilen, schaut der Film genau hin.

Grandfilm

Die Welt ist voller Menschen, die wissen, was gut für dich ist. Sie gucken auf dich, mal länger, oft kürzer. Im Film "Die Sanfte" lauern diese Menschen überall in der russischen Provinz, sie brauchen kaum Trigger, um sich über ihre Nächsten zu erheben und sie zu belehren.

Die Hauptfigur, gespielt von Vasilina Makovtseva in ihrer ersten Kinohauptrolle, ist dafür ein ausgesuchtes Ziel. Denn die Bürde ist ihr anzusehen: Ihr Mann ist im Gefängnis, ihr per Post versandtes Verpflegungspaket kommt ungeöffnet und kommentarlos zurück. Eine Besuchserlaubnis in der Hand, reist sie Richtung Sibirien und wird nach langer, beschwerlicher Reise prompt abgewiesen. Sie solle sich an das Amt wenden. Welches nur, wofür genau und sitzt ihr Mann überhaupt noch dort? Längst ist sie mitten in einem kafkaesken Albtraum angelangt. Am nächsten Tag wiederkommen, einfach noch mal probieren? Das macht es nicht besser.

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"Die Sanfte": In Träumen begraben

In den Abläufen stecken viele Indizien dafür, dass "Die Sanfte" eine Form von Abrechnung mit absurder und totalitärer Bürokratie ist. Mit der ehemaligen Sowjetunion, in der der heute in Deutschland lebende ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa geboren ist, und mit den Menschen, die um die autoritären Institutionen herumschwirren, die von ihnen profitieren oder sich ihnen anpassen. Hier werden Menschenrechtler als Faschisten verhöhnt, es wird widerlich gegrölt, ein jeder zurechtgewiesen. Prostitution ist allgegenwärtig, Postbeamte sind genauso fies wie Gefängnismitarbeiter, und Polizisten sind eindeutig gefährlich.

Leichentransport im Bus

"Die Sanfte" als Abrechnung zu beschreiben, trifft es dennoch nicht, weil der Film seine Aufmerksamkeit sehr großzügig den verschiedenen Prozessen schenkt, und sie gerade nicht aus der Distanz zynisch auflädt. Loznitsas filmischer Entwurf ist das Gegenteil der Ratschläge und Beleidigungen, die die Erzählung von Beginn an prägen. Er guckt mit wundersamer Neugier den Leuten in die Augen, auf die Finger, über die Schultern und bettet noch die tristesten Charaktere in sanftes Licht. Die Welt, auf die hier geblickt wird, mag nach Verurteilung gieren - doch "Die Sanfte" verweigert sie ihr.

Früh im Film gibt es eine Szene in einem proppenvollen Bus. Sie setzt den Tonfall für das, was später immer ernster wird, seinen komödiantischen Kern aber nie verliert. Die namenlose Sanfte steht eingezwängt zwischen anderen, ihre von der Post zurückgeschickte Kiste hat sie abgesetzt, da beklagt sich eine Frau mittleren Alters lautstark darüber, dass davon ihre Strumpfhose in Gefahr gebracht werde und überhaupt, ihre Füße seien kein Regal.


"Die Sanfte"
Originaltitel: "Krotkaya"
Frankreich und Deutschland, 2017

Buch und Regie: Sergei Loznitsa
Darsteller: Marina Kleshcheva, Lia Akhedzhakova, Valeriu Andriuta, Boris Kamorzin, Sergei Kolesov
Produktion: Slot Machine, Arte France Cinéma, GP Cinema Company
Verleih: Grandfilm
Länge: 143 Minuten
Start: 3. Mai 2018


Eine ältere Dame, die einen der Sitzplätze ergattert hat, schließt sich zunächst der Litanei an. Sie berichtet von Leuten, die sogar mit Sarg im Bus fahren müssten, weil das Geld nicht für einen Leichenwagen reicht - um sich dann doch über die andere Frau lustig zu machen: Wenn sie mal sterbe, brauche sie keine Strumpfhose mehr.

Beides ist da im Bus: die Anspannung ob einer schwer auszuhaltenden Situation und die Freiheit, einen Perspektivwechsel zu vollziehen. Vor dem inneren Auge hält Loznitsa immer mehrere Ebenen gleichzeitig aufrecht.

Mit Messern auf Brote losgehen

Ob im Bus, auf dem Postamt oder im Gefängnisdorf, überall senkt die namenlose Protagonistin die Augen, in der Hoffnung, sich irgendwie durchzumogeln durch diese schlechte Welt. Der Film ist ihr da voraus, nimmt ihre Wandlung vorweg, indem er die vielen vom Leben gefurchten Gesichter, die grotesken Körper und obszönen Handlungen ohne Abscheu, aber auch Romantisierung anschaut.

Paradigmatisch dafür ist eine Szene, die mit großer Detailliebe zeigt, wie im Gefängnisvorzimmer mitgebrachte Geschenke durchleuchtet werden. Nicht etwa mit Maschinen, sondern mit einem Arsenal an Messern und Stäben: Das Brot wird geviertelt, die Sandalen durchstochen, die Konserve geleert und durchmischt - nichts bleibt unberührt.

Loznitsa interessiert sich für solch Handfestes, weil das Konkrete, Greifbare, unmittelbar Physische im Kino diese sonderbare Kraft hat, die Augen zu öffnen - auch für das, was ambivalent, unklar, grenzwertig bleibt.

Es ist das, was "Die Sanfte" schon mit dem Titel, der einer Erzählung Fjodor Dostojewskis entlehnt ist, mit dieser aber nichts gemein hat, nahelegt: Die Suche nach der Wahrheit ist auf Umwege angewiesen. Auf einen besonderen Blick, auf Überzeichnung, auf eine Komik, auch wenn sie nicht zum Lachen bringt.

Am Ende liegt die Wahrheit vielleicht gar in Träumen begraben.

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