Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Die Simpsons – der Film": Meisterstück in Gelb

Von Jens Radü

Kann das gutgehen? "Die Simpsons", Seriendauerbrenner und Ikone der Popkultur, gedehnt auf Kinofilmlänge? Es kann: Mit "Die Simpsons – Der Film" bringt Schöpfer Matt Groening den Aberwitz der Fernsehepisoden auf die große Leinwand. Ein 2D-Fanal gegen alle Shreks und Nemos.

Lisa verliebt sich. Bart geht freiwillig mit Nachbar und Bibel-Streber Ned Flanders angeln. Und Klassenprimus Martin Prince verprügelt im Alleingang drei berüchtigte Schul-Rowdys. Ja, "Die Simpsons – Der Film" hält für Fans einige Überraschungen parat.

Szene aus "Simpsons"-Film: Anarcho-Komik und Kulturpessimismus
DDP

Szene aus "Simpsons"-Film: Anarcho-Komik und Kulturpessimismus

Experimente gibt es jedoch keine. "Simpsons"-Erfinder Matt Groening und sein Team setzen vielmehr auf den bewährten Kosmos der TV-Episoden: Nahezu alle Figuren sind dabei, vom Atomkraft-Mogul Mr. Burns bis zum bestechlichen Bürgermeister Quimby, der allein beim Klacken von Geldkoffer-Verschlüssen einem Pawlowschen Reflex erliegt. Auch die Story wurde in Variationen wieder und wieder durchgespielt: Homer Simpson, der postmoderne Simplicius und Abziehbild des patriotisch-chaotischen Amerikaners, bringt seine Heimatstadt Springfield an den Rand einer Katastrophe. Vertrautes Terrain für die Produzenten und Fans.

Doch schließlich ist der Film selbst Experiment genug: 86 statt 23 Minuten (so lang ist eine durchschnittliche TV-Folge). Kino- statt Fernsehsessel. Leinwand statt TV-Schirm. Und dann der Erfolgsdruck: "Die Simpsons" sind mit mehr als 400 Episoden nicht nur die am längsten laufende Zeichentrickserie im amerikanischen Fernsehen – in 20 Jahren sie sind so etwas wie der gemeinsame Nenner der Popkultur geworden: Fans lieben, Kritiker bejubeln die satirischen Abenteuer der gelben Familie, während Wissenschaftler sich an der Analyse des "Simpsons"-Phänomens abarbeiten und in Fachaufsätzen über dessen kulturphilosophische Bedeutung oder die Dekonstruktion des amerikanischen Traums diskutieren.

Viel Tiefe für eine Trickfilmserie. Doch ein Geheimnis der "Simpsons"-Macher ist, diese Tiefe nie Überhand gewinnen zu lassen. Nur nebenbei entpuppt sich die intellektuell-neurotische achtjährige Lisa Simpson als Derrida-Fan. Nur nebenbei zitiert Viertklässler Bart in einer Episode den jüdischen Talmud. Nur nebenbei wird Gesellschaftskritik rund um Klimasünder und Blindpatrioten zur Kulisse der "Simpsons"-Figuren, in der sie sich austoben. Diese erzählerische Leichtigkeit, das Spiel mit selbstironischen Stil-Zitaten und die Dichte an irrwitzigen Pointen zeichnen die besten "Simpsons"-Episoden aus: Gag und Anspruch, Anarcho-Komik und Kulturpessimismus - ein Rhythmus, der die "Simpsons" zur Ikone des Trickfilmhumors gemacht hat.

Effekte wie in "Herr der Ringe"

Kein Wunder also, dass Groening und sein Team bei "Die Simpsons – Der Film" auf Nummer sicher gehen wollten: Seit 2003 arbeiteten die Autoren an dem Drehbuch, jeder Gag wurde bei Testvorführungen ausprobiert. "Wir gaben uns besonders mit dem richtigen Timing Mühe und wollten, dass alle Pointen unserer Witze auch saßen", erklärt Co-Produzent James L. Brooks. Über 100 Mal warf das Team die Drehbuch-Fassungen über den Haufen, so dass Regisseur David Silverman am Ende nur noch magere 18 Monate blieben, um die Geschichte umzusetzen. Dabei braucht allein die Produktion einer 23-minütigen "Simpsons"-TV-Episode mehr als ein halbes Jahr.

Doch Silverman ist ein Meisterwerk in Gelb gelungen: Die Figuren wirken – trotz der traditionellen flachen 2D-Optik – lebendig und facettenreich und sind ein gelungenes Fanal gegen die Shreks und Nemos dieser Welt. Silverman nutzt das volle Breitbildformat aus und erschafft phantastische Panoramen. Und wenn die Kamera durch den wilden, mit Fackeln und Mistgabeln bewaffneten Mob der Springfielder Bürger fährt, erinnert das gar an die düsteren Kriegsszenen aus der "Herr der Ringe"-Trilogie.

Ein gelber Penis - leinwandfüllend

Der Plot vereint dabei eine Reihe klassischer Motive: Die drohende Apokalypse, die Odyssee des Helden, wobei Familienvater Homer es weniger mit einäugigen Riesen, als vielmehr mit seinen eigenen Torheiten aufnehmen muss: In vertraut grotesker Entschlossenheit adoptiert er zu Beginn des Films ein Schwein und sammelt dessen Hinterlassenschaften in einem selbstgebauten Silo im Garten. Ehefrau Marge ist "not amused" und verpflichtet Homer, das Silo zu entsorgen. Der hievt es allerdings prompt in den See von Springfield – und löst damit eine Umweltkatastrophe aus: Plötzlich hüpfen vieläugige, mutierte Eichhörnchen durch die Berglandschaft.

Als die Regierungsbehörde EPA ("Environmental Protection Agency") davon Wind bekommt, stülpt sie eine gewaltige Glasglocke über die Stadt und radiert Springfield offiziell von der Landkarte. Die Bewohner Springfields sind außer sich und jagen Homer und seine Familie, die jedoch aus dem Glasgefängnis entkommen können und sich in die einsame Bergwelt Alaskas absetzen. Schon bald plagt Ehefrau Marge allerdings das schlechte Gewissen: Sie will Springfield vor dem Untergang retten. Und so kommt es schließlich zum spektakulären Showdown in der Stadt.

Das alles bringen Groening und Co. mit dem gewohnten Irrwitz der TV-Serie auf die Leinwand. Wenn ein animierter Arnold Schwarzenegger als US-Präsident sagt: "Ich wurde gewählt, um zu führen, nicht um zu lesen", wenn mitten im Film plötzlich ein überzogenes Werbebanner des "Simpsons"-Haussenders Fox eingeblendet wird und wenn Homer Marge gesteht: "Ich denke nicht nach über die Dinge", spiegelt sich darin das große Humor-Universum der "Simpsons".

So auch in der Szene, die dazu führte, dass der Film in den USA erst für Fans ab 13 Jahren zu sehen sein wird: Bart, der mit Homer im "Das-traust-du-dich-nie"-Wettbewerb steht, fährt auf dem Skateboard durch Springfield - splitternackt. Kunstvoll wird dabei seine Leibesmitte verhüllt, mal durch die Antenne eines ferngesteuerten Autos, mal durch empörte Passanten. Bis dahin allenfalls ein müdes Filmzitat, bekannt etwa durch Mike Myers "Austin Powers".

Doch dann fährt Bart hinter eine Hecke, die gerade an der wichtigsten Stelle kahlrasiert ist und für sieben Sekunden füllt nichts als Barts gelber Penis die Kinoleinwand. Dieses Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer, die Mischung aus Zoten, sublimem Humor und überzeugender Story haben Groening und Co. für die "Simpsons" in XXL perfektioniert - und einen richtigen Kinofilm geschaffen. Gefühlte Länge: 23 Minuten.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
"Simpsons"-Kinofilm: Homer in XXL

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: