Feministischer Thriller "Die Spur" Janina jagt

Eine Pensionärin, die sich mit katholischer Kirche, Patriarchat und Fleischessern anlegt - in ihrem Thriller "Die Spur" lässt die polnische Regisseurin Agnieszka Holland eine großartige Hauptfigur von der Leine.


Im Januar wird im Wald gemeuchelt. Wenn der Jäger mit der Büchse knallt, rennen Rehe, Hirsche, Füchse und Wildschweine durch den Schnee um ihr Leben. Die Jagdsaison in dem kleinen polnischen Dorf an der tschechischen Grenze gönnt Tieren kaum Schonzeiten: Im Jagdkalender, den Janina Duszejko (Agnieszka Mandat-Grabka) im Polizeirevier entdeckt und heimlich einsteckt, sind für jeden Monat unterschiedliche Tiersymbole vermerkt - sie alle sind damit zum Abschuss freigegeben.

Für die pensionierte Brückenbauerin, Tierschützerin und Astrologin Duszejko, die mit ihren beiden Hündinnen Lea und Bialka in einer vollgerumpelten Klause am Waldrand haust, ist das immerwährende Halali ein unhaltbarer Zustand: "Ihr seid Mörder", schreit sie die hoch angesehenen Jäger der Gemeinde an, zu denen neben dem Bürgermeister und dem Polizeichef auch einer ihrer Nachbarn gehört.

Doch ermordet werden nicht nur Tiere: Innerhalb weniger Monate entdeckt man im Wald die teilweise grausam zugerichteten Leichen der drei Männer. Die einzigen Hinweise auf den oder die Täter sind Tierspuren im Schnee. Vorher waren schon Duszejkos Hündinnen spurlos verschwunden. Es sieht aus, als ob sich die Natur am Menschen räche, zurückschlage mit Klauen, Hufen und Mundwerkzeugen.

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"Die Spur": Tiere lügen nicht

Die Natur, der Wald und seine Bewohner sind in Agniezska Hollands Verfilmung eines Krimis von Olga Tukarczuk, der 2011 unter dem Titel "Der Gesang der Fledermäuse" auch auf Deutsch erschien, mehr als Kulisse. Die zunächst verschneiten und später sommerlich leuchtenden Landschaften, die Täler und Bäume, über die eine freie Kamera fliegt, scheinen die Menschen - und ihre Taten - regelrecht verschluckt zu haben.

Immer wieder zeigt Holland Rudel, die durch den Schnee jagen, über das Unterholz springen, ihre felligen und gehörnten Köpfe in der Dämmerung aus dem Gras stecken. Und nutzt dabei den Effekt aus, der entsteht, wenn man fremde lebendige Wesen nach einem unbekannten Plan funktionieren sieht: Die Fauna scheint ein Geheimnis zu bergen. Wie einst Hitchcocks "Vögel", haben die Tiere eine eigene Agenda.

Eine Agenda, die Duszejko, die bis auf Äußerste entschlossen in rotgestreifter Steppjacke durch den Film stapft, eventuell sogar kennt. Zumindest behauptet sie das. Zunehmend abstrus werden ihre Theorien über die Rache der Wildtiere, die sie gegenüber der genervten Polizei vorbringt.

Genozid an Käfern

Dennoch kann Duszejko auch Verbündete um sich sammeln, findet sogar Zeit für eine silbergrau durchwirkte Liebelei: Eine der bezauberndsten Szenen in Hollands animalischem Serienmörder-Trip ist die Begegnung zwischen Duszejko und dem tschechischen Entomologen Boros (Miroslav Krobot), der ihr von den Larven seines Lieblingskäfers, des "Cucujes Haematodes" erzählt, die mit den Bäumen gefällt werden und in Holzfabriken landen. Millionen von Larven seien das. "Holocaust", sagt Boros fest, während Duszejko ihm hingebungsvoll auf Knollnase, unrasiertes Kinn und Zahnstummel schaut, die verwandte Seele erkennend.


"Die Spur"
Polen, Deutschland et al. 2017

Originaltitel: "Pokot"
Regie: Agnieszka Holland
Drehbuch: Agnieszka Holland, Olga Tokarczuk nach einem Roman von Olga Tokarczuk
Darsteller: Agnieszka Mandat-Grabka, Wiktor Zborowski, Miroslav Krobot, Katarzyna Herman
Produktion: Studio Filmowe Tor et al.
Verleih: Film Kino Text
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 129 Minuten
Start: 4. Januar 2018


Und der hochgewachsene Nachbar Matoga (Wiktor Zborowski), Pilzsammler und Kaffee-Afficionado, steht ebenfalls irgendwann mit selbst gepflückten Erdbeeren vor ihrer Tür. Zu diesem skurrilen Klub gesellen sich ein minimalistischer Informatiker mit Epilepsie und eine verzagte Secondhandladen-Besitzerin.

Holland, die jüngst auch bei Arbeiten für US-Serien, unter anderem "House of Cards" und "The Affair", ihr Geschick für psychologisch interessante Inszenierungen zeigte, lässt einen über die mentale Konstitution ihrer Heldin lange im Zweifel. So schnell ändern sich die Launen der von Agnieszka Mandat-Grabka voller Tatkraft gespielten Duszejko, so schnell wechselt sie vom esoterischen Horoskop-Raunen zur Empathie, von der Bodenständigkeit zum Kreischen einer alten vegetarischen Hexe, dass man sie kaum fassen kann.

Fast ein wenig zu lieb

Braucht man indes auch nicht - die Sympathie, die man der rüstigen Ingenieurin entgegenbringt, überschwemmt jegliche Zweifel. Hollands großer Verdienst ist die Etablierung dieser betagten Frauenfigur mit all ihren Irritationen, ob auf der Haut oder im Verhalten, inmitten einer katholischen, jagdaffinen Männergesellschaft. In der allein Tiere, Kinder - Duszejko unterrichtet als Englisch-Aushilfslehrerin im Dorf und wird sehr geliebt - und eben Außenseiter erkennen, was wirklich zählt.

Die starke Figurenzeichnung Hollands und ihrer Drehbuch-Co-Autorin Tucarzuk übertüncht sogar das leichte dramaturgische Ausfransen der Geschichte, das sich durch zu viele Rückblenden und im Off geäußerte Gedanken Duszejkos ergibt - manchmal, so scheint es, scheinen Regisseurin und Schöpferin ihre Figur tatsächlich ein wenig zu liebgewonnen zu haben.

Zudem versteckt Holland, in deren Heimat Polen das Arbeiten für politische Künstler und Künstlerinnen immer schwieriger wird, im Film eine Wertung, mit der sich das Land stets schwertut: Sie kritisiert die Allmacht der katholischen Kirche, die das Töten von Tieren ganz klar als gottgewollt darstellt, weil, wie der Pfaffe von der Kanzel tönt, "Gott die Tiere dem Menschen untergeordnet hat".

Dann doch lieber Boros' Antwort auf die Frage Duszejkos, mit der sie ihn ihr Bett entern lässt: "Bist du gläubig?" - "Ja, ich bin Atheist".


Im Video: Der Trailer zu "Die Spur"

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