Spielfilm "Die süße Gier" Im Land der ziemlich fürchterlichen Leute

"Die süße Gier" ist ein Klassenkampf-Drama mit vielen überraschenden Kniffen. Der Film zeigt ein moralisch gründlich ruiniertes Italien - und hat dem Regisseur Paolo Virzi einen Sensationserfolg beschert.


Die spätkapitalistische Bourgeoisie sei gar nicht so übel, hat der Regisseur Claude Chabrol einmal behauptet: "Bürger sind Menschen, die sich regelmäßig duschen und die in der Lage sind, halbwegs gesittete Gespräche zu führen." In "Die süße Gier", einem italienischen Film, der schamlos dem großen Meister Chabrol huldigt, sagt die hier stets extrem frischgeduscht auftretende Schauspielerin Valeria Bruni-Tedeschi die schönsten Sätze.

Sie spielt die superreiche Ehefrau eines superreichen Börsenzockers und blafft ihren Gatten einmal voller Verachtung an: "Ihr habt auf den Niedergang des Landes gewettet, und ihr habt gewonnen." Worauf ihr Ehemann ein formvollendetes Haifischgrinsen zeigt und sie korrigiert. "Du meinst: Wir haben gewonnen. Du gehörst auch dazu, Liebling!"

Lauter ziemlich fürchterliche Leute

"Die süße Gier" heißt im Original "Il capitale umano", also "Das Humankapital". Er vereint die zwangsläufige Plattfüßigkeit einer fundamentalen Kapitalismuskritik mit der Eleganz eines Thrillers. Der Film war in Italien ein großer Hit und brachte es auf mehr als anderthalb Millionen Kinozuschauer. Dabei verblüfft der Regisseur Paolo Virzi durch ein alle Standes- und Altersgrenzen kühn niederreißendes Menschenbild: Die reichen Leute sind hier gnadenlos profitgeil. Die armen auch. Sämtliche Erwachsenen sind leidenschaftliche Lügner. Praktisch alle Halbwüchsigen allerdings auch.

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Kinofilm "Die süße Gier": Schlammschlacht der Superreichen
Der Film beginnt damit, dass ein Radfahrer mitten in der Nacht auf einer norditalienischen Landstraße von einem Unbekannten über den Haufen gefahren wird. "Die süße Gier" erzählt die Vorgeschichte und die Aufklärung dieses tödlichen Unfalls mit Fahrerflucht, und zwar aus drei verschiedenen Perspektiven. Die Story dreht sich um einen Kleinstadt-Immobilienmakler namens Dino, der die Karikatur eines Mittelstandshanswursts mit lachhafter Brille und schrecklichem Bartwuchs (Fabrizio Bentivoglio) abgibt; um seine hübsche Tochter Serena (Matilde Gioli) und deren Bonzenfreund Massimo (Guglielmo Pinelli); und um Massimos ausgesprochen neureiche Eltern Giovanni (oberfies: Fabrizio Gifuni) und Carla (die allseits verehrte Bruni-Tedeschi).

Lauter ziemlich fürchterliche Leute sind es, die uns der Regisseur da mit der kühlen Distanz eines Insektenforschers vorstellt. Der sowieso in Geldnöten steckende arme Schlucker Dino schleimt sich so lange an den reichen Giovanni ran, bis er sich in dessen Spekulanten-Fonds einkaufen darf - und verliert natürlich ruckzuck seinen per Bankdarlehen erschwindelten Spieleinsatz, der ihm ein Leben in Saus und Braus bescheren sollte. Das Mädchen Serena stößt den schnöseligen Massimo nach allen Regeln der Zurückweisungskunst ins Unglück einer null erwiderten Liebe. Dabei ist Massimo sowieso geschlagen mit einem Prügelvater und seiner schöngeistig verstrahlten Mutter: Mama Carla widmet sich der Restaurierung eines kaputten Theaters und vögelt vor den Augen des Sohnes mit einem eitlen Pseudokünstler.

Gesellschaft im Totalbankrott

Man merkt schon: "Die süße Gier" ist ein Klassenkampfdrama, in dem weder an Klischees noch an Gemeinheiten gespart wird. Trotzdem sieht man dem hier ausgebreiteten menschlichen und moralischen Elend oft mit Begeisterung zu. Warum? Weil die Welt, in der diese Schlammschlacht spielt, das Hügelland der Region Brianza nördlich von Mailand, quasi von Natur aus ungeheuer schön ist. Weil aus der Weigerung des Regisseurs Virzi, für irgendeine der beteiligten Figuren Partei zu ergreifen, eine grimmige Komik entsteht. Und weil die beiden weiblichen Hauptdarstellerinnen Bruni-Tedeschi und Gioli trotz aller Widerwärtigkeiten dem Kinozuschauer eben doch ans Herz wachsen. Schon Claude Chabrol fand: Im Kino wie im Leben sind Frauen prinzipiell die interessanteren Menschen.

Der Regisseur Paolo Virzi ist 50 Jahre alt und gilt im italienischen Filmgeschäft als wackerer, politisch engagierter Routinier. Mit der frivolen Beschwörung einer Gesellschaft im Zustand des sozialen und politischen Totalbankrotts ist ihm ein toller Coup gelungen. Dabei beruht "Die süße Gier" auf einer bereits vor zehn Jahre erschienenen Krimi-Vorlage des US-amerikanischen Autors Stephen Amidon - was vielleicht erklärt, dass spät im Film (wie in jeder guten Weltuntergangsgeschichte) eine junge Hoffnungsfigur auftaucht.

Virzi selbst sieht wenig Grund zur Zuversicht. Angesichts der Zustände in Italien, sagt er, bleibe einem nur eine Haltung: "verzweifelter Sarkasmus".

Die süße Gier
    Italien, Frankreich 2013

    Regie: Paolo Virzì

    Buch: Paolo Virzì, Francesco Bruni

    Darsteller: Fabrizio Bentivoglio, Valeria Golino, Valeria Bruni-Tedeschi, Fabrizio Gifuni, Matilde Gioli, Guglielmo Pinelli, Giovanni Anzaldo, Luigi Lo Cascio

    Produktion: Indiana Production, Motorino Amaranto, Manny Films, Rai Cinema

    Verleih: Movienet Film

    Länge: 110 Minuten

    FSK: 12 Jahre

    Start: 8. Januar 2015



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
cektop 10.01.2015
1.
Klassenkampf? ...und noch ein verwirrter Journalist:(
herlina-bode 10.01.2015
2.
Dass Kapitalismus-Kritik "zwangsläufig plattfüßig", was immer das heißen soll, sein muss ist vermutlich einfach der redaktionelle Konsens beim SPON. Da sitzt eben die neue Generation der Alternativlosigkeit an der Tastatur. Dass einerseits arm und reich gleich schlecht wegkommen, das Ganze aber doch Klischee-beladen sein soll ist ein Widerspruch. Dem Elend unserer Zivilisation wenigstens voyeuristischen Unterhaltungswert abzugewinnen, da bin ich aber gerne dabei. Wird vorgemerkt.
Dica 10.01.2015
3. Carlas Halbschwester
Dass Carla Brunis Halbschwester eine im neureichen Milieu angesiedelte Rolle als Carla spielt, dürfte den Film auch im Nordwesten Mailands zum Erfolg führen.
spon-facebook-10000283853 10.01.2015
4.
Gierig sind immer die anderen ;) Eine gute Antwort auf den Vorwurf von "Gier", der ja immer den Wunsch beeinhaltet erfolgreichere Menschen mit Hilfe des Staats zu schädigen, wurde hier gegeben ... https://www.youtube.com/watch?v=PiICcYJDhO4
christian.neiman.7 10.01.2015
5.
Toller Film, wenn nicht der idiotische deutsche Titel und die Synchronisierung wäre. Deutschland mag sich zwar eine Kulturnation nennen, aber für die Filmkultur gilt das sicherlich nicht.
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