"Die syrische Braut" Grenzgänger der Liebe

In seinem Film "Die syrische Braut" erzählt Regisseur Eran Riklis die Geschichte einer tragikomischen Hochzeit auf den Golanhöhen. Die deutsch-israelisch-französische Koproduktion besticht durch Scharfsinn und Humor - und zeigt den Konflikt im Nahen Osten aus einer neuen Perspektive.

Von Henryk M. Broder


"Die syrische Braut"-Star Khoury: "Es sind die Frauen, die dem Film die Kraft geben"

"Die syrische Braut"-Star Khoury: "Es sind die Frauen, die dem Film die Kraft geben"

Wenn Israel den Gaza-Streifen und die Westbank geräumt hat; wenn es dann in den von Israel geräumten Gebieten einen selbständigen Staat Palästina geben wird, wenn Jerusalem die erste ungeteilte Stadt der Welt sein wird, die zwei Staaten, Israel und Palästina, als Hauptstadt dienen wird, mit einer palästinensischen Botschaft im Westen und einer israelischen Botschaft im Osten; wenn Israelis Ferien in Jericho und Palästinenser Urlaub in Natanya machen werden; wenn also der so genannte Nahostkonflikt endlich Geschichte sein wird, wird es nur noch ein besetztes Gebiet geben: die Golanhöhen zwischen Israel und Syrien.

Kleines Terrain, große Historie

Das Gebiet gehört nicht zum biblischen "Land Israel", es wurde im Uno-Teilungsplan von 1947 Israel nicht zugesprochen, es ist unwirtlich und dünn besiedelt, und dennoch ist es das Letzte, was die Israelis je aufgeben würden. Käme es heute zu einem Volksentscheid, ob man Gaza oder den Golan räumen soll, würden sich mindestens 90 Prozent der Israelis für Gaza und ebenso viele gegen den Golan entscheiden. Selbst Ost-Jerusalem erscheint den meisten Israelis entbehrlicher als das bergige Hochland im äußersten Nordosten, wo es im Winter stürmt und schneit und im Sommer Raubvögel auf Besucher warten.

Darstellerin Khoury: Abschied für immer

Darstellerin Khoury: Abschied für immer

Dabei sind es nur knapp 1200 Quadratkilometer, die Israel 1967 im Sechs-Tage-Krieg erobert und 1981 annektiert hat, ein Gebiet halb so groß wie Luxemburg und etwas größer als die Insel-Republik von Sao Tome und Principe vor der Küste Westafrikas. Etwa 17.000 Drusen leben auf der israelischen Seite der Golanhöhen; einige haben die israelische Staatsbürgerschaft angenommen, die meisten aber bekennen sich noch immer zu Syrien, haben allerdings israelische Ausweise, in denen unter der Zeile "Staatsangehörigkeit" das Wort "ungeklärt" steht.

Als die israelische Regierung nach der Annektion des Golan im Jahre 1981 auch noch deren Einwohner zwangsweise israelisieren wollte, traten die Drusen in einen Streik, sperrten die Zufahrtstraßen und verweigerten jede Kommunikation mit den Behörden. Da sie keine Gewalt anwandten, hatten sie die israelischen Medien auf ihrer Seite, so dass die Regierung ihr Projekt nach einigen Wochen aufgeben musste. Seitdem hat man sich arrangiert. Die Israelis verzichten auf sinnlose Demonstrationen staatlicher Gewalt, die Golan-Drusen nehmen am israelischen Sozialsystem teil, halten sich aber aus der Politik raus.

Und so lange die Israelis nur als Touristen kommen, sind sie will-kommen. Für die Israelis ist ein Ausflug auf den Golan eine Möglichkeit, ins Ausland zu fahren, ohne eine Grenze zu überschreiten. Die Landschaft ist grandios, halb Toscana und halb norwegisches Hochland, das Essen vorzüglich und überall lauert Geschichte. Hier hatten sich schon die Kreuzfahrer fest gesetzt, vom Hermon kann man den Süden des Libanon und den Norden von Israel überblicken und sich vorstellen, wie es war, als die Syrer hier saßen und ihre Kanonen auf die Kibbu-tzim rund um den See Genezareth abfeuerten, wenn ihnen nach Remmidemmi zumute war.

Warnschild auf den Golanhöhen, nahe der israelisch-syrischen Grenze: Poker um die Macht
AP

Warnschild auf den Golanhöhen, nahe der israelisch-syrischen Grenze: Poker um die Macht

Die Drusen selbst sind einerseits konservativer, andererseits fortschrittlicher als ihre schiitischen Verwandten, von denen sie sich im 11. Jahrhundert abgespalten haben. Frauen gehen unverschleiert aus dem Haus, dafür tragen ältere Männer weiße Kopftücher und weite Pluderhosen, weil nach ihrem Glauben ein Mann und nicht eine Frau eines Tages den Erlöser auf die Welt bringen wird. Wie das passieren soll, ist ein Geheimnis, das die Drusen mit niemand teilen wollen. Druse wird man nur durch Geburt, man kann nicht beitreten oder konvertieren. Wer außerhalb der Gemeinschaft heiratet, wird verstoßen. Aber es gibt keinen Märtyrerkult bei den Drusen, sie lieben das Leben mehr als den Tod.

Universelle Dorf-Geschichte

Dennoch waren sie von der Idee, dass ein Israeli einen Film über sie drehen wollte, "wenig begeistert", sagt Eran Riklis, der Autor und Regisseur der "Syrischen Braut", und das auch noch vor der eigenen Haustür, auf dem Golan. "Ich musste monatelang verhandeln und alle Kontakte nutzen." Schließlich gaben die "Ältesten" die Erlaubnis, "zögerlich aber immerhin, und das obwohl sie noch nie einen Film von mir gesehen hatten".

Eran Riklis, 1954 in Jerusalem geboren, hat als Filmemacher in Israel einen guten Namen. Der Sohn eines Biochemikers ist in Kanada, den USA und Brasilien groß geworden, hat an einer Filmschule in England studiert, einige der beliebtesten Serien für das israelische Fernsehen und etliche Kino-Filme gedreht, unter anderem "Vulcano Junction", eine Hommage an den Rock 'n Roll'. Die Idee für die "Syrische Braut" lag schon auf seinem Tisch, als er 1999 den Dokumentarfilm "Borders" - "Grenzen" - drehte. "Ich wollte eine Geschichte erzählen, die auch in Belfast oder in Berlin zur Zeit der Mauer hätte spielen können." Ausgangspunkt war ein Satz, der in seinem Kopf rumorte. "Monas Hochzeitstag war der traurigste Tag in ihrem Leben."

Film-Braut Khoury am Grenzübergang: Rührend, aber nicht kitschig

Film-Braut Khoury am Grenzübergang: Rührend, aber nicht kitschig

Daraus entwickelte er eine Dorf-Geschichte, die, wie jede gute Dorf-Geschichte, auf der ganzen Welt verstanden wird. Mona, eine junge Frau aus Majdal Shams, soll Tallel, einen entfernten Verwandten und Star in einer syrischen TV-Soap heiraten. Die Familien haben die Verbindung arrangiert, das einzige Problem ist nur: Mona hat ihren Verlobten noch nie getroffen und muss von der israelischen Seite der Golanhöhen auf die syrische wechseln und darf danach nie wieder zurück. Während Tallel von Damaskus aus mit einem Bus voller Familienangehöriger an die Grenze fährt, feiert Mona Abschied von ihrer Familie. Es ist ein Abschied für alle Zeit.

Monas Vater, Hammed, ein pro-syrischer Aktivist, der sich gerne mit den Israelis anlegt, ist daheim ein Patriarch. Aber er hat die Familie nicht mehr im Griff, ein Sohn macht krumme Geschäfte, ein zweiter ist nach Russland gegangen und kommt mir einer russischen Frau zu Besuch - eine Schande für das ganze Dorf. Die Israelis machen Hammed das Leben schwer und für die Syrer sind die Drusen nur Statisten im Poker um die Macht.

Die Kraft der Frauen

"Die Syrische Braut" ist ein Familiendrama vor dem Hintergrund eines weltbewegenden Konflikts. Rührend, aber nicht kitschig, sentimental aber nicht versöhnlich, authentisch aber nicht naturalistisch. Ein Film, an den man sich noch nach Monaten mit Wohlgefallen erinnert, weil an der Geschichte einfach alles stimmt: der Plot, die Inszenierung, das Tempo, sogar das Wetter; noch die letzte Nebenrolle wurde perfekt besetzt. Nur der Grenzübergang von Kuneitra, mit Zaun, Stacheldraht und Uno-Personal, musste in Israel nachgebaut werden - und geriet so täuschend echt, dass sogar die Golan-Drusen überrascht waren.

Krisengebiet Golan-Höhen: Halb Toscana, halb norwegisches Hochland
REUTERS

Krisengebiet Golan-Höhen: Halb Toscana, halb norwegisches Hochland

Bei der Uraufführung in Majdal Shams im November 2004 gab es "viel Applaus und eine heftige Diskussion", erinnert sich Riklis, "erwachsene Männer haben geweint." Zu der Vorführung beim Marakesch Film Festival kamen über 500 Besucher, meistens junge Marokkaner, die hinterher ein Autogramm von Riklis, dem Israeli, haben wollten. Sogar im Beiruter "Daily Star" ist eine wohlwollende Rezension erschienen. "Es sind die Frauen, die dem Film die Kraft geben", sagt Riklis, drusische Frauen, die aus der Enge ihrer Tradition herausbrechen wollen, sehr zum Missfallen der Männer, die vor lauter Kraft kaum laufen können, aber ohnmächtig umfallen, wenn sie zu lange in der Sonne stehen. Und so macht sich auch Mona, die syrische Braut, am Ende allein auf den Weg, und man weiß nicht, ob sie zu ihrem unbekannten Verlobten will oder in die Freiheit hinter dem Zaun.

Es ist kein Happy End, nur das vorläufige Ende einer leisen Kömödie mit einem dicken Trauerrand.


Die syrische Braut

Israel/Deutschland/Frankreich 2004. Regie: Eran Riklis. Buch: Eran Riklis, Suha Arraf. Darsteller: Hiam Abbas, Makhram Khoury, Clara Khoury, Ashraf Barhoum, Eyad Sheety. Produktion: Neue Impuls, Eran Riklis Prod. (Israel), MACT Prod. (Frankreich). Verleih: timebandits films. Länge: 97 Minuten. Start: 17. März 2005



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