Erotischer Thriller "Die Taschendiebin" Das Stöhnen hallt nach

In seinem Thriller "Die Taschendiebin" entfesselt der koreanische Meisterregisseur Park Chan-wook ein brillantes Spiel um Verführung und Verbrechen, in dem auch die Zuschauer wunderbar getäuscht werden.

Von Karsten Munt


Es ist ein gewaltiges Anwesen, in das die junge Sookee (Kim Min-hee) als Hausmädchen einzieht. Ein Anwesen, das sich in elegante Speisesäle, winzige Schlafkammern und eine düstere Bibliothek verästelt. Halb viktorianisch, halb traditionell japanisch erscheint es wie Kintsugi-Porzellan, zusammengekittet aus den Scherben zweier Kulturen.

So wie das Haus mehrere Epochen der Architektur in sich vereint, so führt auch "Die Taschendiebin" verschiedene Fragmente zusammen: Die Geschichte des virtuosen Thrillers entstammt Sarah Waters im viktorianischen England angesiedelten Roman "Solange du lügst", doch Park Chan-wook verlegt sie in das japanisch besetzte Korea der Dreißigerjahre den 20. Jahrhunderts, das er in opulentem Szenenbild und nicht minder akribisch gearbeiteten Kostümen präsentiert.

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"Die Taschendiebin": Umworben von zwei Schwindlern

Im Zentrum der Erzählung stehen, wie bereits in Parks letztem Film "Stoker" (2012), zwei barocke Schönheiten: das Dienstmädchen Sookee und Lady Hideko (Kim Min-hee). Im japanischen Flügel des Anwesens erleben sie die sexuelle Repression, die Park bereits als Sujet für den Vampirfilm "Durst" (2009) diente. Doch im Gegensatz zum Protagonisten von "Durst", einem jungen Priester, der sich mit seiner Verwandlung zum Vampir in einem lyrischen Gewaltexzess aus der Unterdrückung befreien wird, bleiben die Frauen in "Die "Taschendiebin" Gefangene in den Räumen des Herrenhauses.

Hinter dem Gatter, das die Bibliothek im Nebenflügel vom Gebäude abtrennt, inszeniert Park diesmal keine bluttriefende Geschichte von Schuld und Sühne, sondern ein streng komponiertes und symbolisch üppig ausgefülltes Spiel des Betrugs, dessen Gewalt mit Blicken statt mit Morden ausgeübt wird.

Im Mittelpunkt dieses Spiels steht Lady Hideko. Sie lebt seit ihrer frühen Kindheit unter dem Diktat ihres Onkels Kouzuki (Jo Jin-woong). In seiner Bibliothek zwingt er sie zu "erotischen" Lesungen, die er für wohlhabende japanische Gäste veranstaltet. Einst war es ihre Mutter, die diese Demütigung erdulden musste - bis sie sich ihr durch Suizid entzog. Nun rezitiert Hideko pornografische Literatur für die geifernden Aristokraten, die sich von ihren Rängen aus schwitzend am Schauspiel ergötzen.

Einer dieser Aristokraten ist der Betrüger Fujiwara (Ha Jung-woo), der sich als japanischer Graf ausgibt. Sein Blick ist sowohl auf Hidekos in einen Seidenkimono gehüllten Körper als auch ihr Vermögen gerichtet: Er will das Erbe ihrer Mutter, das allein Hideko und ihrem künftigen Ehemann zusteht. Um die Lady zu verführen und nach der Heirat über ihr Erbe zu verfügen, schleust Fujiwara Sookee ein, die als Dienstmädchen seinem Plan den Weg ebnen soll.

Wer begehrt wen? Wer betrügt wen?

Doch Sookee beginnt selbst ein Verhältnis mit Lady Hideko - die nun von zwei Schwindlern umworben wird. Sukzessive verschmelzen dabei Verbrechen und Verführung. Die anfängliche Konstellation der Figuren formt sich zu einem Beziehungsdreieck, das Park aus ständig wechselnden Perspektiven inszeniert. Die damit einhergehenden Wendungen der Geschichte sind dabei so präzise gesetzt, dass der Zuschauer selbst dem Betrug aufsitzt: Nie ist klar, wer wen begehrt, wer wen betrügt oder wer wen beobachtet.

Als einzige Konstante erweist sich im doppelbödigen Spiel der Voyeurismus, der als zentrales Element des Films alle Abzweigungen der Geschichte mitgeht. Dabei interessiert sich Park weniger für die Erregung des Beobachters, als das Gefühl, beobachtet zu werden. Eine andauernde Beklemmung liegt über dem Anwesen. Stets spürt man den Blick eines Fremden auf sich.


"Die Taschendiebin"

Südkorea 2016
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Park Chan-wook, Chung Seo-kyung nach dem Roman von Sarah Waters
Darsteller: Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Cho Jin-woong
Produktion: Moho Film
Verleih: Koch Films

Länge: 145 Minuten
FSK: 16 Jahre
Start: 5. Januar 2017


Entsprechend befreiend wirken die Szenen, in denen sich die Liebesbetrüger unbeobachtet fühlen. Etwa wenn Sookee und Hidekos heimliche Liebe erzählt wird: vom ersten zaghaften Versuch der Annäherung bis zur deliranten Leidenschaft zweier Frischverliebter, die Park reichlich explizit inszeniert.

Es beginnt mit einem Finger, der über einen Ellenbogen streicht; einem Blick, der verharrt; einem Atemzug, der für einen Moment stockt. Und schließlich: ein erster Kuss, ein Finger, der in einen Mund fährt und Sookees Gesicht, das zwischen Hidekos Schenkeln verschwindet, um im nächsten Bild wieder aufzutauchen. Diesmal blickt die Kamera allerdings nicht, wie in anderen Szenen, durch ein Schlüsselloch in Sookees Gesicht, sie schaut aus der Perspektive einer Vagina. Ein Blick, der den Voyeurismus wunderschön ad Absurdum führt und gleichzeitig eine Intimität jenseits der Augen etabliert, die lieber zwischen Hidekos Beine geschaut hätten.

Im Video: Der Trailer zu "Die Taschendiebin"

Sicherlich ist Parks Inszenierung alles andere als subtil, wirkt aber in ihrer Zügellosigkeit angemessen. Die erotische Energie, die das Liebesspiel freisetzt, hallt mit Hidekos Stöhnen bis in die nächsten Szenen nach, in denen die Räume des Anwesens samt historischem Dekor ebenso zertrümmert werden wie die Phallussymbole, die Kouzukis Bibliothek zieren.

Die Eruption der Lust sprengt die Kontrollmechanismen, die bis dahin das Herrenhaus beherrschten, und führt dorthin, wo Parks filmische Exzesse erneut ihre kathartische Qualität beweisen: vor den Scherbenhaufen eines Liebesspiels.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
c.o. 04.01.2017
1. Fingersmith
so heißt der Roman von Sarah Waters, auf dem dieser Film augenscheinlich beruht. Vor Jahren von der BBC verfilmt.
DerZauberer 04.01.2017
2.
Und wieder so eine verschwurbelte urdeutsche Kultur-Rezension. Wo bitte ist da das "Review" versteckt, das mir sagt, ob der Film als gut und sehenswert erachtet wird? Ob er für mich was sein könnte oder nur was für Kultur-Freaks ist?
bimat 05.01.2017
3. @DerZauberer
Sie erwarten dass jemand Ihnen mundgerecht sagt, ob ein Film gut und sehenswert ist? Und die Bewertung soll natürlich für alle SPON-Leser gelten, oder? Wenn Sie aus dem Artikel nicht die nötigen Informationen für sich ziehen können, dann lassen Sie's lieber.
frida1209 05.01.2017
4. Fingersmith
Ja, der Film beruht auf Sarah Waters Roman "Fingersmith". Hatte die BBC schon Ende der 90iger sehr gut verfilmt, mit u.a. Sally Hawkins als Taschendiebin. Und man muss nicht andere Filme des Regisseurs bemühen, um die Handlung zu erläutern. Nach dem, was ich bisher über den Film gelesen habe, folgt der Film dem Buch ganz gut. Ein Grund mehr, auch mal den Roman zur Hand zu nehmen. Das nur für den Kritiker.
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