Von Daniel Haas
Eine Typenreihe schwarzer Kino-Stars? Ist das nicht positive Diskriminierung? Im Sinne von: Die sehen sich alle so ähnlich - wir zeigen Ihnen mal, wer wer ist und wer was drauf hat? Man würde ja auch nicht eine Galerie von Schauspielern zusammenstellen, nur weil sie weiß sind. Oder eine mit rothaarigen Leinwandstars. Aber wenn eine bestimmte Ethnie oder Hautfarbe notorisch unterrepräsentiert ist in einem Medium, dann folgt so eine Zusammenstellung einer anderen Idee.
Sie lautet: Es gibt zahlreiche exzellente nichtweiße Darsteller, man kriegt sie allerdings zu selten zu sehen. Und wenn, dann oft in tatsächlich rassistisch oder sexistisch angelegten Rollen. Jedem Kino- oder Fernsehfreund muss das missfallen.
Im Folgenden deshalb ein Panorama von Künstlern, die aufgrund ihrer Hautfarbe für bestimmte Parts prädestiniert sind - Brad Pitt kann nun mal keinen Sklaven in Steven Spielbergs "Amistad" spielen und George Clooney keinen Ghetto-Dealer in der Serie "The Wire". Die schwarzen Stars müssen aber vor allem als Darsteller mit ihren je eigenen Schwerpunkten gewürdigt werden.
Die Gangster
...Verbrecher. Der Boss der Bosse, das ist Denzel Washington. Er gab in Ridley Scotts Kriminalepos "American Gangster" den ersten prominenten Mafia-Don afroamerikanischer Herkunft, und man konnte zahlreiche weitere schwarze Darsteller an seiner Seite (wieder-)entdecken: Malcolm Goodwin, Roger Guenveur Smith, Ruben Santiago-Hudson.
Washington spielt manchmal auch den Helden der Working Class, und er muss ein Faible für die Folklore des öffentlichen Transportmittels haben, siehe seine Rolle als Bahningenieur in "Unstoppable" oder als U-Bahn-Schaffner in "Pelham 123". Aber in seinen erfolgreichsten Filmen spielt er den Gesetzesbrecher: "Man on Fire" (Personenschützer übt Selbstjustiz), "Training Day" (Dirty Cop läuft aus dem Ruder), "Safe House" (Ex-Agent legt sich mit allen an).
Was Prominenz und Leinwandverdienste angeht, steht Washington gleich neben Clint Eastwood, aber anders als der ehemalige Dirty Harry hat man den schwarzen Star noch nie als romantic lead, als Hauptfigur in einem Liebesfilm, gesehen. Das ist fragwürdig, und wenn da nicht Idris Elba wäre, müsste man sagen: Das Mainstream-Hollywood traut schwarzen Männern keine anspruchsvollen Romanzen zu.
Die Gangster Teil II
In "The Wire" wurde das Bild des schwarzen, auf schnelle Dollars spekulierenden Gauners konterkariert: Elba spielte den Ghetto-Entrepreneur, der Wirtschaftskurse belegt und seiner Armee von Kleindealern die Gesetze des Marktes beibiegt. In "Luther" geht er gegen Kriminelle mit kriminellen Methoden vor - Ambivalenz gehört eben zu den Stilgesten der anspruchsvollen Moderne.
Man hat ihm aber auch romantische Facetten gestattet: in der Serie "The Big C" ist er der Hausmeister, der eine krebskranke Lehrerin sehr, sehr glücklich macht.
Wer jetzt sagt, Moment, diese tollen differenzierten Parts, das sind ja alles TV-Rollen, hat recht: Elba ist ein Star des neueren Serienfernsehens, das für komplexe Erzählungen steht und seine Akteure entsprechend fördert. Und die Sache mit dem Hausmeister und der Lehrerin und dem Sex - ja, das war mit glücklichmachen gemeint! -, da kann man sagen: Ist doch ein übles Klischee vom Schwarzen als sexuelles Talent. Womit wir bei den Erotikern wären.
Die Erotiker
Blair Underwood zum Beispiel gab in den Serien "Sex and the City", "Dirty Sexy Money" und "New Adventures of Old Christine" grundsätzlich den begehrenswerten Schönling. Michael Ealy taucht meistens dann auf, wenn ein Schwarzer einen Weißen erotisch einschüchtern soll ("Californication").
Taye Diggs ist derart asyliert in der Rolle des Frauenverstehers, dass man ihm eine Rolle als Superschurke in einem Bond-Film wünscht. Ist das empirisch überhaupt haltbar, dass der männliche Empathieprotz immer auch gleich aussieht wie ein Model? Und wenn man schon bei der Ästhetisierung bestimmter moralischer Ideen ist: War Obama eine Idee aus Hollywood?
Die Gesetzeshüter
Konkret, weil er höchst integre Polizisten und Ermittler spielt, zum Beispiel den altersweisen Cop aus dem Serienkillerfilm "Sieben" oder das kriminologische Mastermind in "Denn zum Küssen sind sie da". Afroamerikanische Darsteller haben die Rolle des moralisch hochstehenden, tief in den Hierarchien des Staatsdienstes buckelnden Helden öfter übernommen als Iren, Hispanics oder weiße Angelsachsen zusammen. Delroy Lindo, Frankie Faison, Bill Nunn, Wood Harris, Anthony Mackie: nur ein paar Namen zum Nachschauen.
Die Idee des Gesetzeshüters kann man noch erweitern, dann wird es metaphysisch. Womit man wieder bei Morgan Freeman wäre.
Die Metaphysiker
In "The Family Man" spielt Don Cheadle einen Schutzengel. "The Legend of Bagger Vance" zeigt Will Smith in der Rolle des Cherub, der einem spirituell gehandicapten Golfprofi den Weg weist, im Todeszellen-Drama "The Green Mile" gibt Michael Clarke Duncan den Heiler, der noch auf dem Weg zur Hinrichtung seine Peiniger mit magischen Kräften erlöst.
Nicht zu vergessen Laurence Fishburne als guter Geist der Maschine in "The Matrix": Wer einem das Internet erklären kann, der muss schon überirdisch schlau sein, oder?
Und dann ist da noch Heimdall aus der Marvel-Verfilmung "Thor". Gespielt von Idris Elba. Weil der Gott Heimdall eigentlich so weiß ist wie eine Schneewehe aus dem Norden, hatte sich der Council of Conservative Citizens, eine rassistische Vereinigung im Geiste des Ku-Klux-Klans, gegen diese Besetzung ausgesprochen. Ein richtig schlechter Witz.
Die Komiker
Auch Chris Rock ist Komiker - und ein überzeugender Charakterdarsteller, siehe seinen Part als gestresster Kulturbürger in "2 Tage New York", wo er die ordinäre französische Sippe seiner Freundin ertragen muss.
Oder Eddie Murphy, der Stand-up-Superstar der achtziger Jahre (das Soloprogramm "Raw" ist ein Klassiker des Genres und auch eine scharfe Auseinandersetzung mit afroamerikanischen Kultur der Zeit). Murphy kann ebenfalls Drama, man muss ihn nur in der Rolle des süchtigen Soulmusikers im Fillmmusical "Dream Girls" sehen.
Sind schwarze Komiker also flexibler als ihre weißen Kollegen? Gegenfrage: Wenn der Markt eh schon eng ist für dich, wirst du dann nicht diversifizieren?
Die Rapper
Oder man trägt die eigene Haut zu Markte und dehnt die eigene Rollenidee auf andere Medien aus. Snoop Dogg spielt in Filmen den Gauner, 50 Cent hat es mit dem Image des kapitalistischen Großkriminellen immerhin schon an die Seite von Robert De Niro gebracht ("Righteous Kill", schrecklicher Film).
Rapper, die Gangster spielen, spielen also wiederum Gangster. Wenn das kein postmoderner Zeichenmix ist! Es geht aber auch weniger kompliziert: LL Cool J war ein ordentlicher Rapper und ist nun ein ordentlicher Darsteller ("Navy CIS"). Will Smith war ein ordentlicher Rapper (und auch Fernsehkomiker, "Der Prinz von Bel-Air") und ist nun ein schwarzer Blockbuster-Star, der jedes Genre beherrscht und auch in jedem mitwirken darf, ob Horror ("I am Legend"), Romanze ("Hitch") oder Drama ("The Pursuit of Happiness").
Common ist nach wie vor ein exzellenter Rapper und bleibt, so scheint es, ein mäßiger Darsteller im Krimi-Fach. Der HipHop-Newcomer Childish Gambino macht rhetorisch vertrackten Spaß-Rap und spielt in der tollen Serie "Community" einen vertrackt-dämlichen Schüler, der beim Reimen und Beatboxen über sich hinauswächst. Das ist auf sehr smarte Weise exzentrisch.
Die Exzentriker
Auch Ving Rhames gehört in diese Welt: In "Pulp Fiction" spielte er den Boxmanager, der Bruce Willis ernsthafte Probleme bereitet. Zuletzt sah man ihn in "Piranha 3D" als Cop, der im Fun-Bad mit der Kettensäge Mörderfische häckselt. Im noch ausstehenden zweiten Teil, "Piranha 3DD", wird er konsequenterweise ohne Beine antreten. Das ist dann die Dekonstruktion des Method Actings mit den Mitteln der Prothese.
Die Allrounder
Und sie brauchen dafür noch nicht mal Weiße als Kontrast (die Nobelpreisträgerin Toni Morrison hat im Essay "Im Dunkeln spielen" beschrieben, wie sich die Idee des Weißseins in der amerikanischen Kultur immer wieder durch die Abgrenzung und Abwertung des Schwarzen herstellt).
Bestes Beispiel ist wieder Idris Elba. Der britische Darsteller spielt die Hauptrolle im dieses Jahr anlaufenden amerikanischen Thriller "They Die by Dawn", begleitet von so tollen Darstellern wie Giancarlo Esposito (der kalte Drogen-Don aus "Breaking Bad"), Isaiah Washington ("Grey's Anatomy") und Harry Lennix (u.a. in der ultrasmarten Crime-Serie "Dollhouse").
Die Kanoniker
Deshalb greifen wir einen Zeitzeugen, Aktivisten, und multitalentierten Künstler heraus, zumal er gerade beim Filmfest Locarno im Rahmen einer Otto-Preminger-Retrospektive gewürdigt wurde: Harry Belafonte. Er spielte die Hauptrolle in "Carmen Jones", der Filmadaption des Opernstoffes aus dem Jahre 1954 - des ersten erfolgreichen Kinodramas mit einem schwarzen Helden.
"Bis zu diesem Werk hatten uns die meisten Filme als Untermenschen und lachhafte Chargen dargestellt", sagte Belafonte im Interview. Wenn du Geld verlieren willst, mach einen schwarzen Film, habe es damals geheißen.
Nun, die Zeit der schlechten Witze geht zu Ende - großer Darsteller sei Dank.
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