"Die Totale Therapie" Psycho-Freakshow auf dem Land

Gabi aus der Großstadt, Eva und Günter aus dem Osten, Doktor Roman Romero - schon die Charaktere lassen ahnen, dass der Filmtitel hält, was er verspricht. "Die Totale Therapie" ist beißend komisch und mutiert dann auch noch zum Splatterkino.

Von Simone Mahrenholz


Gabi (Ursula Ofner) in "Die Totale Therapie"
Foto: VOX

Gabi (Ursula Ofner) in "Die Totale Therapie"

"Du kennst Grenzen - dein Ich kennt sie nicht." Die sanfte, einschmeichelnde Stimme des charismatischen Doktors Roman Romero (Blixa Bargeld von den "Einstürzenden Neubauten") wirbt vom Videoschirm aus für seine Therapiemethode, "Shirvia" genannt. Ausgelegt ist sie, das Ich zu befreien: von jenen Faktoren in der Gesellschaft, die die Menschen daran hindern, sich voll zu entfalten.

Hedwig (Sophie Rois) glaubt an die Gruppentherapiemethode des schillernden Doktor Romero. Sie schickt ihre jüngere Schwester Gabi, seltsam kontaktgestört und still, rigoros auf den zweiwöchigen "Shirvia"-Selbsterfahrungskurs, den Romero und seine beiden Assistenten draußen auf dem Land geben, "in einer der schönsten Naturlandschaften Europas".

Gabi (Ursula Ofner) findet sich widerstrebend in einem entlegenen Haus im österreichischen St. Pölten, inmitten von zehn Therapie-Aspiranten und drei Therapeuten. Da tummeln sich der ehrgeizige junge Fernsehredakteur samt aufgekratzter Gattin (Roland Jaeger und Hemma Clementi), der Vorstandsvorsitzende einer bedeutenden Bank, der einen Herzinfarkt überlebte (Heinz Trixner), Eva und Günter aus der ehemaligen DDR, die "an ihrer Beziehung arbeiten" wollen, der softe, mädchenhafte Johannes, der "schon alles ausprobiert" hat (Sebastian Suba) und der Survivaltraining-besessene Wolfgang (Lars Rudolph). Nicht zu vergessen die Wissenschaftlerin Annegien (Eva van Heijningen), die Schwierigkeiten mit ihrer Rolle als Frau hat.

Gabi (Ursula Ofner) und Hedwig (Sophie Rois, l.).
Foto: VOX

Gabi (Ursula Ofner) und Hedwig (Sophie Rois, l.).

Sie alle legen ihr Geschick in die Hände von Romero und seinen beiden Assistenten Siegfried und Martha (Joey Zimmermann, Claudia Martini), die beide aber selber stark vom Therapeuten abhängig zu sein scheinen. Es folgen Selbsterfahrungssitzungen, deren Komik und eigentümliche Wahrheit zunächst darin liegt, daß sie kein Klischee auslassen. Und während der Zuschauer bei diesen geradezu unheimlich lebensecht gestalteten Ausbrüchen noch meint, in einem äußerst geschickt inszenierten Spielfilm über therapie-immanenten Psychoterror zu sein, mutiert das Werk ganz langsam zu einem Gruselschocker.

Nicht nur zeigt sich, dass Romero selbst seinen eigenen Lehren abschwört und die Kette seiner Institute, geleitet im Stil einer geheimen Weltverschwörung, heimlich instruiert sich aufzulösen. Sondern der Doktor wird urplötzlich ermordet aufgefunden. Panik bricht in der Gruppe aus: Einer von ihnen ist der Mörder, und nur der Zuschauer weiß mehr. Von nun an entsteht eine blutige Kettenreaktion, eine Art "Reise nach Jerusalem" des Überlebens, in deren Verlauf sich die wahren Charaktere aller Beteiligten schonungslos offenbaren.

Regisseur Christian Frosch, Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, treibt mit seinem Spielfilm-Erstling ein virtuos doppelbödiges Spiel mit dem Publikum. Glaubt man zunächst, in einem halb dokumentarischen, halb satirischen Werk über die Abgründe, Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie zu sitzen, kippt das bunte Treiben mit eleganter Farbigkeit plötzlich um, und makaber inszeniert wird Mord um Mord.

Genuss spenden nicht nur die hervorragenden Schauspielerleistungen und ein wahres Regietalent, nicht nur die sauber inszenierten Umschwünge zwischen Psycho-Innerlichkeit und Action, sondern vor allem das strikte Aufrechterhalten der diversen Filmebenen. Der inhaltliche Bogen des Anfangs wird trotz aller Verwicklungen elegant zu Ende geführt. Für den Zuschauern hat dieser Film zudem erheblichen Wiedererkennungswert.

Die Totale Therapie. Regie: Christian Frosch. Darsteller: Blixa Bargeld, Sophie Rois. Verleih: Neue Visionen. Start: 24.8.



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