Pixar-Action "Die Unglaublichen 2" Dies ist kein Kinderfilm!

Zumindest nichts für die ganz Kleinen: Das Animations-Abenteuer "Die Unglaublichen 2" kritisiert faule Konsumenten - und ist selbst perfektes Popcorn-Kino. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch.

imago/ ZUMA Press

"Superhelden sind Teil eurer hirnlosen Begierde, echte Erfahrungen durch Simulationen zu ersetzen", schnarrt in Pixars "Die Unglaublichen 2" die verzerrte Stimme des Bösewichts Screenslaver. "Jede bedeutungsvolle Erfahrung wird euch hübsch verpackt angeliefert, damit ihr sie aus sicherer Distanz begutachten könnt und behütete, heißhungrige Konsumenten bleibt."

Publikumsbeschimpfung mitten in einem bunten Spektakel, das doch nichts weiter sein soll als Familienunterhaltung. Frechheit! Aber wo wir schon mal dabei sind: Nirgendwo steht geschrieben, dass Kinderfilme nicht herausfordern dürfen und süßlich, naiv und harmlos zu sein haben. Abgesehen davon waren Pixar-Filme noch nie für kleinere Kinder geeignet. Auch wenn viele Eltern noch immer ihre Kleinen im Kindergartenalter in die Kinos schleppen: Zuschauer unter acht Jahren haben in den wenigsten Pixar-Abenteuern etwas verloren.

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"Die Unglaublichen 2": Konsumkritischer Eskapismus-Trip

Um jetzt schnell die Kirche wieder ins Dorf zu holen: Natürlich ist "Die Unglaublichen 2" kein konsumkritischer Thesenfilm. Sondern allerbestes Popcorn-Kino, das ein klassisches Finale einfach mal gleich an den Anfang setzt und den Zuschauer mit seiner puren Kinetik schon in den ersten fünf atemlosen Minuten in den Sitz presst.

Medienoffensive für Weltretter

In den USA regierten "Die Unglaublichen 2" im Sommer die Kinocharts, bescherten der Pixar-Mutter Disney ein weltweites Einspielergebnis von jetzt schon mehr als 1,1 Milliarden Dollar und stiegen zum erfolgreichsten Animationsfilm der Geschichte auf. Offensichtlich eine ziemlich perfekte Erfahrungs-Simulation für heißhungrige Konsumenten.

Was nicht bedeutet, dass Regisseur und Drehbuchautor Brad Bird seine Konsumkritik nicht ernst meinen würde: Im Verlauf der Geschichte werden etwa die Erwachsenen von Fernseh- und Computerschirmen in Trance versetzt und manipuliert. Screenslavers Superhelden-Suada dient Bird abgesehen davon auch dazu, dem Film einen aktuellen thematischen Anstrich zu geben. Das war nötig, denn als der erste Teil im Jahr 2004 in den Kinos startete, hatte das Marvel Cinematic Universe noch nicht einmal seinen Urknall erlebt.


"Die Unglaublichen 2"
USA 2018
Drehbuch und Regie:
Brad Bird
Produktion: Pixar, Walt Disney
Verleih: Walt Disney Germany
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 27. September 2018


Erzählerisch schließt die Fortsetzung allerdings nahtlos an das Ende des ersten Teils an. Ein geldgieriger Maulwurf bedroht die Stadt und muss von Elastigirl, Mr. Incredible, Violet, Flash und Jack-Jack unschädlich gemacht werden. Die Öffentlichkeit dankt es der Superhelden-Familie allerdings nicht. Immer noch sind die Kämpfer mit den übermenschlichen Kräften unerwünscht und sollen sich inkognito anpassen. Der reiche Geschäftsmann Winston Deavor will das ändern: Mit Elastigirl als Sympathieträgerin plant er eine Medienoffensive für die Weltretter.

Während Elastigirl live im Fernsehen einen Zug vor dem Entgleisen rettet, lernt Mr. Incredible an der häuslichen Front mit den Kindern seine Grenzen kennen. Zumal Baby Jack-Jack über viele verschiedene Superkräfte verfügt, mit denen es seine Umgebung in Schutt und Asche zu legen droht. Als der Screenslaver auf den Plan tritt, ist die ganze Familie gefragt, ihm Einhalt zu gebieten.

Es geht nur miteinander

So wird auch die "Unglaublichen 2" wieder zu einem Familienfilm: Es geht um ein Kollektiv, in dem die Rollen immer wieder neu verhandelt werden müssen. Probleme lösen - hier: die Welt retten - können die Unglaublichen nur, wenn sie sich aufeinander ein- und verlassen. Dafür findet auch die Fortsetzung wieder eingängige Bilder.

Wobei schnell deutlich wird, was für ein schweres Erbe dieser Film antritt. Der erste Teil gehört zu den besten und beliebtesten Pixar-Filmen (und nebenbei war es die schönste James-Bond-Persiflage und Hommage überhaupt). Mit diesem Pfund kann die Fortsetzung nicht wuchern.

An seine Stelle tritt ein Straßenkampf, der stellenweise etwas verbissen wirkt. Die Leichtigkeit des Vorgängers erreichen "Die Unglaublichen 2" nicht, zumal Bösewicht Screenslaver tatsächlich eine nicht unbeträchtliche Düsternis verbreitet. Dazu kommt, dass Brad Bird und sein Team nicht die vereinbarte Produktionszeit hatten, um den Film perfekt auszutarieren. Ursprünglich sollte er erst 2019 starten, bis Pixar kurzfristig beschloss, ihn um ein Jahr vorzuziehen.

Dennoch bietet diese Superhelden-Sause Thrill, Spaß und irrsinnige Schnittfolgen, bei denen dem Zuschauer schon mal schwindelig werden kann. Ein perfekter Eskapismus-Trip eigentlich - bis ihn der Screenslaver wieder an die Wirklichkeit andockt.

Im Video: Der Trailer zu "Die Unglaublichen 2"

imago/ ZUMA Press
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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
hileute 25.09.2018
1. Das sie selbst im artikel feststellen das kein pixarfilm für jüngere Kinder geeignet ist
wiederspricht der Überschrift und ist auch allgemein bekannt. Allerdings ist es aus Erwachsenenperspektive schwer zu beurteilen wie der Film auf Kinder wirkt. Vielmehr denkt man das eher, da pixarfilme vom Anspruch an den Zuschauer Erwachsenenfilmen meilenweit voraus sind. Immerhin darf man bei diesem Film vermutlich die Packung Taschentücher zu Hause lassen, was für pixarfilme nicht selbstverständlich ist, da sehen sie deutlich mehr erwachsene heulen als kinder
K:F 25.09.2018
2. Ernie und Bert werden für Schwul erklärt.
Haben Kinder dadurch irgendeinen Schaden erlitten? Mitnichten! Jetzt ein Comic Film. Aus Sicht der "Erwachsenen" nichts für Kinder. Was sagen die Kinder dazu?
3daniel 25.09.2018
3. @hileute
Zitat von hileutewiederspricht der Überschrift und ist auch allgemein bekannt. Allerdings ist es aus Erwachsenenperspektive schwer zu beurteilen wie der Film auf Kinder wirkt. Vielmehr denkt man das eher, da pixarfilme vom Anspruch an den Zuschauer Erwachsenenfilmen meilenweit voraus sind. Immerhin darf man bei diesem Film vermutlich die Packung Taschentücher zu Hause lassen, was für pixarfilme nicht selbstverständlich ist, da sehen sie deutlich mehr erwachsene heulen als kinder
Der Kommentar über das Heulen bei Pixarfilmen war gut, hat mich an Coco erinnert, drei Erwachsene im Kino alle drei geheult. War nur bei "Oben" schlimmer :)
NewYork76 25.09.2018
4. Verschiedene Ebenen
Diese Filme funktionieren auf verschiedenen Ebenen (und werden ganz bewusst so produziert). Die 5-Jaehrigen finden ganz andere Szenen lustig oder unterhaltsam als die 12-Jaehrigen. Und die 12-Jaehrigen finden ganz andere Szenen cool als die Erwachsenen. Ich finde es unpassend hier zu schreiben, dass der Film eigentlich nichts fuer Kinder ist. Will sich der Autor hier dafuer rechtfertigen, dass er einen Familienfilm rezensiert?
nordwestdeutscher 25.09.2018
5.
Der einzige Animationsfilm, der meines Wissens nach nicht für Kinder geeignet ist, ist Watership Down. Als 10-Jähriger hat mich dieser Film traumatisiert.
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