"Die Verführten" von Sofia Coppola Ihr letzter Rückzugsort

In dem Südstaaten-Thriller "Die Verführten" mischt ein Soldat ein Mädcheninternat erotisch auf. Regisseurin Sofia Coppola inszeniert mit Vergnügen und Feingefühl - zeigt aber auch eine große Schwäche.

ocus Features/ Universal Pictures/ Ben Rothstein

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Die Sklaven sind weg. Mit dieser einfachen Setzung schafft Sofia Coppola in "Die Verführten" so schnell und effektiv wie noch nie das, was sie berühmt gemacht hat, was sie am besten inszenieren kann: Frauen in nahezu hermetisch abgeriegelten Räumen, unter sich, mit sich und dabei keineswegs unglücklich.

Erst waren es die Lisbon-Schwestern aus "The Virgin Suicides", die nach und nach Gefallen daran fanden, in ihr elterliches Heim eingesperrt zu sein, und der Außenwelt und dem Leben an sich schließlich im kollektiven Suizid den Rücken zuwandten. Dann fing "Marie Antoinette" an, sich ihren goldenen Käfig Versailles mit edlen Kostümen, feinster Patisserie und einem Liebhaber auszuschmücken.

In "Die Verführten" leben nun die Schülerinnen und Lehrerinnen von Miss Farnsworth Seminary for Young Ladies auf ihrem prächtigen Südstaatenanwesen zwar ohne Sklaven, aber doch mit einigem Komfort und genügend intellektuellen Anreizen.

Bis sich der schwer verwundete Nordstaaten-Soldat John McBurney auf ihr Grundstück schleppt.

Der ansehnliche Corporal (Colin Farrell) weckt in der Schülerin Alicia (Elle Fanning) und der jungen Lehrerin Edwina (Kirsten Dunst) etwas, von dem sie noch nicht wussten, dass sie es in sich tragen, und in der Schulleiterin Miss Martha (Nicole Kidman) etwas, von dem sie vergessen hatte, dass sie es in sich trägt: Begehren. Die Frauen nehmen den Soldaten auf, obwohl sie ihn eigentlich den konföderierten Streitkräften übergeben müssten, und pflegen ihn mit einem Eifer, der ihren Französisch-Aufgaben so noch nicht zuteil geworden ist.

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"Die Verführten": Perspektivenwechsel

Was die Präsenz des Mannes in der abgeriegelten Frauenwelt auslöst, deutet sich zunächst nur durch gerötete Wangen und kokett platzierte Broschen an. Erst als bei den Kleidern ihrer Schülerinnen plötzlich die Schultern frei liegen, erkennt Miss Martha, was für ein Spiel in ihrem Heim begonnen hat - und dass sie bei Weitem nicht die Einzige ist, die von McBurney in dieses Spiel hineingezogen worden ist.

Mit ebenso viel Vergnügen wie Feingefühl inszeniert Coppola die verschiedenen Dynamiken unter den Frauen. Erst die vornehme Stasis, dann das erotische Chaos und schließlich... Im Gegensatz zu Don Siegels Film "Betrogen" (1971), auf den sich "Die Verführten" bezieht, weil er dieselbe Buchvorlage hat, aber als dessen Remake Coppola ihren Film nicht verstanden wissen will, bedient sie sich bei "Die Verführten" keiner einfachen Eskalationslogik, sondern entlädt die erotisch und machtstrategisch verwobenen Spannungen auf ganz anderer Ebene.

In der Cannes-Blase

Auf Anraten ihrer Ausstatterin Anne Ross habe sie sich Siegels Film angesehen, sagte Coppola bei der Premiere des Films in Cannes im Mai. Sie sei verblüfft gewesen, wie wenig er die Sichtweisen der Frauen einbezogen habe. Diesen Perspektivwechsel habe sie mit ihrer Version des Stoffes vollziehen wollen. Auf einem Festival, bei dem weibliche Figuren und Filmemacherinnen stark unterrepräsentiert sind, kam sie damit sehr gut an (auch bei dieser Kritikerin): "Die Verführten" wurde bejubelt und Coppola mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet - als erst zweite Frau in der 70-jährigen Geschichte des Festivals.

Doch Cannes, das ist selbst eine abgeschottete, selbstgenügsame Welt, weshalb sich "Die Verführten" jenseits davon und im Abgleich mit dem Roman und der ersten Verfilmung sehr anders ausnimmt. Die Sklaven sind weg, das prägt Coppolas Film auch in anderer Hinsicht.


"Die Verführten"
Originaltitel: "The Beguiled"
USA 2017
Regie: Sofia Coppola
Buch: Sofia Coppola nach dem Roman von Thomas Cullinan
Darsteller: Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Colin Farrell, Elle Fanning, Oona Laurence
Produktion: American Zoetrope, FR Productions
Verleih: Universal Pictures
Länge: 93 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 29. Juni 2017


In Thomas Cullinans Romanvorlage "The Beguiled" von 1966 musste noch eine Sklavin für den Haushalt sorgen, außerdem war die Figur der Edwina als mixed race angelegt. Fünf Jahre später deutete Don Siegel in seiner Verfilmung Edwina bereits als weiß um, beließ aber Sklavin Hattie (Mae Mercer) in seinem Figurenensemble. 2017 sind bei Coppola nur noch weiße Frauen übrig geblieben.

"Für mich ist 'Die Verführten' kein Film über den Bürgerkrieg, also bilde ich die Realitäten und den Horror auch nicht ab", hat Coppola im Interview mit SPIEGEL ONLINE zu den Vorwürfen des whitewashing, die ihr in USA gemacht werden, gesagt. "Gerade die Sklaverei zu jener Zeit ist eine zu große Sache, um sie auf eine eher leichtfertige Weise mit einer stereotypen Nebenfigur abzuhandeln."

Sehen Sie hier Sofia Coppola im Video-Interview

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Warum sich Coppola an die Figurenzeichnung aus dem Roman oder aus Siegels Film gebunden gefühlt haben sollte, ist nicht ersichtlich. Schließlich hat sie sowohl McBurney als auch Edwina, Alicia und Miss Martha maßgeblich umgedeutet und ihnen allen - einschließlich des Mannes - erheblich mehr psychologische Raffinesse verliehen. Wer hier wen verführt, ist bei Coppola viel komplexer und feinsinniger erzählt als in Siegels fiebriger Exploitation-Fantasie.

Außerdem ist die Figurenzeichnung der Hattie in Siegels Film auch nicht ausnahmslos stereotyp. Vielmehr verändert sich die Machtdynamik auf vielsagende Weise, sobald der bettlägerige McBurney (damals gespielt von Clint Eastwood) auf die schwarze Frau trifft. Ob sie nicht wie er eine Gefangene sei, versucht er Hattie zu umgarnen. Es ist ein weiterer Manipulationsversuch von McBurney - und Hattie die Einzige, die ihn als solchen erkennt und zurückweist. Als McBurney später zu Kräften gekommen ist und sich gegen die Frauen wendet, ist es zudem allein Hattie, der er mit Vergewaltigung droht. Bei den weißen Frauen hat er sich zuvor ganz auf seine Verführungskünste verlassen, nur bei der Schwarzen ist ihm Gewalt recht.

Rassismus stört Soft-Porno-Ästhetik

Diese Momente "stören" auf ihre Art auch in Siegels Films. Sie unterlaufen seine lineare Eskalation und brechen die Softporno-Ästhetik auf. Aber so ist das halt mit Rassismus, er ist die maßgebliche, immerwährende Störung: Er greift das Fundament weißer Selbstbilder an und macht die Stilisierung als vornehme Gesellschaft unmöglich. "Die Geschichte des Schwarzen in Amerika ist die Geschichte von Amerika", hat James Baldwin gesagt. "Es ist keine hübsche Geschichte."

Coppola versucht trotzdem, eine hübsche Geschichte zu erzählen, in ihrem Film soll Miss Farnsworth' Schule das Refugium einer vornehmen Gesellschaft sein, die es nie gegeben hat. Auf Coppola mag das zunächst wie eine sichere Wahl gewirkt haben: Mit dem Internat hat sie einen hyperfemininen, weißen Raum geschaffen, dessen Codes sie wie keine zweite Regisseurin filmisch zu erschließen versteht.

"Mein Fokus lag auf der Geschlechter- und Machtdynamik zwischen Männern und Frauen", hat Coppola im Interview gesagt. Tatsächlich legt sie damit aber offen, wie limitiert ihr Vorstellungsvermögen als Autorin und Regisseurin ist - als wäre Sklavin Hattie keine Frau, als ließe sich an ihrer Figur keine andere, aber ebenso bedeutsame Dynamik erzählen und als gäbe es keinen besseren Ort, über weiße Befindlichkeiten zu erzählen als die Südstaaten zu Zeiten des Bürgerkrieges.

Womöglich muss man in Coppola selbst das Opfer einer Verführung sehen. Sie dachte, sie hätte einen Stoff gefunden, der ihre größten Stärken hervorhebt. Dabei zeigt "Die Verführten" mindestens genauso sehr auf, wo ihre Grenzen als Filmemacherin liegen.

Im Video: Der Trailer zu "Die Verführten"

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