Kinodrama "Die Wand": Halb lebt sie im Paradies, halb in der Hölle

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Und plötzlich steht da eine unsichtbare Wand zwischen dir und der Welt: Marlen Haushofers Roman über eine rätselhaft eingesperrte Eremitin gilt als Kultbuch. Nun ist "Die Wand" kongenial verfilmt worden - mit einer beeindruckenden Martina Gedeck in der Hauptrolle.

Studiocanal

Eine Städterin ist zu Besuch auf einer Berghütte. Als ihre Gastgeber am Morgen nicht aus dem Dorf wiedergekehrt sind, geht die Frau (Martina Gedeck) mit dem Hund Luchs los, um sie zu suchen. Sie lässt Luchs von der Leine. Doch plötzlich kommt er winselnd zu ihr zurück, blutiger Speichel tropft aus seinem Maul: Luchs ist gegen eine unsichtbare Wand gestoßen. Die Wand umschließt die Frau, einige wenige Tiere und ein großes Stückchen Natur wie eine gläserne Gefängnismauer. Dahinter ist alles Leben erloschen.

Die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer hat 1963 ein Buch geschrieben, dessen mächtige Bilder von Ohnmacht erzählen. Und davon, wie jemand sich notgedrungen ändert: Für ihn gehe es "um Wandlung und um Verwandlung", sagt der in der Steiermark geborene Regisseur der Adaption, Julian Pölsler, im Interview.

Mehr als sieben leidenschaftliche Jahre Arbeit voller Verhandlungen, Veränderungen und Schachern hat er in die Verfilmung von Haushofers Bestseller gesteckt. Er hat sich, aus Respekt vor Haushofers ruhiger, umsichtiger und fatalistischer Erzählstimme, dabei exakt an die Buchvorlage gehalten: "Es war mir klar, dass der Film niemals besser sein kann als das Buch", sagt Pölsler.

Vor allem wollte er ihm gerecht werden, diesem merkwürdigen Konstrukt aus inneren Konflikten und äußerem Schicksal, das aus einer gehetzten, unglücklichen Städterin eine einsame, aber irgendwann tatsächlich ruhige Überlebende machen. Genau wie in der Buchvorlage wird auch im Film die unsichtbare Wand, die sich wie eine Glocke über den idyllischen Zipfel Bergland zu stülpen scheint, nie erklärt und damit das Phantastische der Situation nie zugunsten von Fantasy aufgelöst. Der Regisseur hat sich zudem von jedwedem Kitsch, ob verzweifeltem Pathos oder emotionalen Tieraufnahmen ferngehalten. Es gibt nur die Wand und dahinter die Frau, die Katze, den Hund, die Kuh, später den Stier. Und den Eindringling, der den dramatischen Höhepunkt markiert und eine endgültige Entscheidung erforderlich macht.

In großen, tiefen, grünen Bildern, die in ihrer oberflächlichen Redundanz von trotziger Arthouse-Radikalität sind, visualisiert der Film die Beziehung, die die namenlose Frau zu ihrer Umwelt, der Natur, und - immer stärker - zu sich selbst aufbaut. Sie entschließt sich - trotz der Isolation - nicht zu sterben, nicht aufzugeben, sondern zu kämpfen. Auch aus Fürsorge für die Tiere. Für den Regisseur, der angeblich lange nach einer weiblichen Co-Autorin gesucht und keine gefunden hat, ist "sich um das Anvertraute ständige Sorgen zu machen" eine "typisch weibliche Eigenschaft". Die wohl genauso in Männern vorhanden ist: Pölsler, der beim Gespräch groß und selbstbewusst aus jedem Sessel einen Chefsessel macht, behauptet, die Auseinandersetzung mit dem Buch und dem Film habe seine Arbeit grundlegend verändert, ein "Raumgeben der weiblichen Seite, auch oder gerade bei der Filmarbeit" veranlasst.

Konsequente Werktreue

Aber vielleicht unterscheidet sich das Verhalten der Frau in dieser Robinsonade gar nicht von dem eines Mannes: Sie ringt mit ihren Ängsten, entwickelt Pragmatismus, und baut Beziehungen zu den Tieren auf, um der Einsamkeit zu entgehen. Martina Gedeck spricht - gemäß ihrer einsamen Rolle - nur wenige Worte im On, stattdessen liest ihre lakonisch-eindringliche Stimme den Buchtext aus dem Off vor. Und die Schauspielerin lässt wortwörtlich tief blicken: Wenn sie Furcht, Verzweiflung und dramatisch sinkenden Lebensmut ausschließlich durch ihren Gesichtsausdruck zeigt, vor allem durch ihre Augen, dann bestaunt man ihr feines und genaues Handwerk.

Er habe anfangs nach einer Schauspielerin gesucht, die auch körperlich extrem zerbrechlich aussieht, sagt Pölsler; einer, der man das Überleben in der Wildnis als Städterin nicht zutraut. Doch Gedecks überragende Qualität sei es, "die innere Zerbrechlichkeit darzustellen". Und wieso soll jemand schwächer sein, nur weil er zarter gebaut ist?

Die große Interpretationsoffenheit macht Buch und Film ebenso brauchbar für Jungfeministinnen wie für Öko-Science-Fiction-Fans und zweifelnde Symbolisten. Ob man nun tatsächlich zu verstehen meint, was die 1970 verstorbene Autorin ausdrücken wollte, ob man die Tiere als kulturell übergreifende Fruchtbarkeitssymbole deutet, die Wand als biochemische Geheimwaffe, oder den Überlebenskampf der Frau als Behauptung in und später Befreiung aus der Männerwelt sieht: Pölsler hat sich in seiner konsequenten Werktreue extrem zurückgenommen. Sein größter Input als Regisseur ist die Auswahl von Bach-Partiten, aber nicht als Untermalung: "Sie sind nicht Filmmusik, sondern eine andere Form des Voice-over. In ihrer mathematischen und schematischen Struktur sind sie eine eigene Sprache", erklärt Pölsler.

Auch die Wand selber, die die Frau und der Hund anfangs noch ab und an versuchen zu zerstören, entsteht bei Pölsler vor allem als akustischer Effekt. Der Wand-Sound sollte dem Geräusch nachempfunden sein, "das die Erdrotation verursacht, und das manche Menschen angeblich zu hören in der Lage sind", eine Art elektromagnetisches Brummen. "Es sollte gleichzeitig Geräusch und Stille sein", sagt Pölsler. So wie die namenlose Frau hinter der Wand im Paradies ist. Aber auch in der Hölle.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. der unterschied
adazaurak 14.10.2012
es gibt halt Applefilme (auch I-Film genannt), wie die unsägliche Kerouacverfilmung und es gibt gute Filme, die zumeist aus deutschsprachigen oder skandinavischen oder osteuropäischen Ländern kommen.
2.
smersh 14.10.2012
Zitat von sysopStudiocanalUnd plötzlich steht da eine unsichtbare Wand zwischen dir und der Welt: Marlen Haushofers Roman über eine rätselhaft eingesperrte Eremitin gilt als Kultbuch. Nun ist "Die Wand" kongenial verfilmt worden - mit einer beeindruckenden Martina Gedeck in der Hauptrolle. http://www.spiegel.de/kultur/kino/die-wand-romanverfilmung-mit-martina-gedeck-nach-marlen-haushofer-a-860463.html
Auch Fantasy erklärt nicht alles - kein Grund also, dieses Werk nicht als Fantasy zu bezeichnen. Oder lese ich hier vielleicht eher den recht verbreiteten Snobismus gegenüber Fantasy und Science-Fiction heraus? Es wäre nicht das erste Werk, bei dem sich Freunde "gehobener Literatur" verzweifelt bemühen, es aus der SF/F-Ecke rauszuhalten, denn sowas ist ja Schmuddelkram für Kinder und Nerds, und sowas darf ein kultivierter Literaturkenner doch nicht mögen. Als Nerd muss ich selber aber auch sagen, dass wenn es zu einem zentralen und mysteriösen Ereignis gar keinen Erklärungsansatz gibt, dann bin ich immer etwas skeptisch, ob dies nun ein ausgefeilter literarischer Kniff ist oder bloss die Unfähigkeit, eine unausgegorene Idee mit einem plausiblem Hintergrund zu versehen.
3. Hut ab!
rauchendes_gnu 14.10.2012
Hut ab, daß sich jemand an den Stoff gewagt hat. Und mit der faszinierenden Gedeck im Zusammenspiel mit der Natur kann es eigentlich nur klappen... Ich wünsche es allen Beteiligten!
4. Ich bin ja mal gespannt
N1ghth4wk 14.10.2012
Zuerst einmal: Ich lese gerne und viel. Zu "Die Wand" wurde ich damals in der Schule gezwungen und bin immer noch erstaunt wie es Leute geben kann die dieses Buch mögen können. Es passiert im ganzen Buch genau GAR NICHTS, die letzte 10 Seiten sind ok, der Rest nur lückenfüller. Bin mal gespannt wie die das als Film bringen wollen. Eine Natur-Landschafts Dokumentation (glaube es lief auf ARD sogar mal eine Dokumentation von einem Mann der sich mit ein paar Tieren in die Wildniss zurückgezogen hatt und einen auf Einsiedler gemacht hatt) kommt der Sache recht nahe.
5. Besser geht's nicht
frH 14.10.2012
Die Rolle ist ein Glücksfall für Martina Gedeck - und den Zuschauer. Auch als eingefleischte Stadtbewohnerin mit geringem Hang zu idyllischer Landschaft, Natur und Tieren hat mich das Buch sehr berührt und der Film macht das Beste daraus, was möglich war.
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Die Wand

AT/D 2011

Regie: Julian Pölsler

Buch: Julian Pölsler nach dem gleichnamigen Roman von Marlen Haushofer

Mit: Martina Gedeck, Ulrike Beimpold, Wolfgang M. Bauer, Julia Gschnitzer, Karlheinz Hackl, Hans-Michael Rehberg

Produktion: Coop99 Filmproduktion, Starhaus Filmproduktion, Bayerischer Rundfunk

Verleih: Studiocanal

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 11. Oktober 2012