Siebziger-Epos "Die wilde Zeit": High sein, frei sein, alles muss gestylt sein

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Molotow-Cocktails? Ja, aber bitte gepflegt! In seinem Film "Die wilde Zeit" zeigt Olivier Assayas die gesellschaftlichen Kämpfe der frühen Siebziger im Stil einer "Vogue"-Fotostrecke. Die Entscheidung zwischen Bourgeoisie und Terrorismus ist hier eine Frage der Ästhetik.

Sollten irgendwann einmal (vielleicht ja im Rahmen des Jüngsten Gerichtes) die beliebtesten Jahrzehnte der Menschheitsgeschichte gewählt werden, dürften die sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts gute Chancen haben. Damals, das glauben Zeitzeugen ebenso wie der Großteil der ahnungslosen Nachgeborenen, gab es schließlich alles, was eine lebenswerte Zeit ausmacht: groovy Musik, schicke Klamotten und willige Sexualpartner beiderlei Geschlechts.

An der fortschreitenden Mystifizierung dieser Zeit sind Retrowellen in Popkultur und Mode nicht ganz unbeteiligt - selten aber hat eine künstlerische Arbeit jene Jahre so verbrämt wie Olivier Assayas Spielfilm "Die wilde Zeit". Im französischen Original heißt er "Après mai" und gibt so schon im Titel einen Hinweis darauf, um welche wilde Zeit es geht: Die Jahre nach dem Mai '68, dem Höhepunkt der französischen Studentenbewegung.

Mit seinem vorigen Film "Carlos - der Schakal" hatte Assayas es geschafft, die Verbrechen von Ilich Ramírez Sánchez ins Licht eines stilvollen Gangsterfilms zu rücken. Als ob es es sich dabei um eines der mit Grandeur inszenierten Epen des großen französischen Regisseurs Jean-Pierre Melville ("Vier im roten Kreis") handelte und nicht etwa um eine filmische Nacherzählung der Mordaktionen eines real existierenden blutrünstigen Terroristen.

Doch Assayas' Arbeiten mit politischen oder gar moralischen Maßstäben zu messen, entspräche dem Versuch, mit einem Chanel-Flacon über Gott zu diskutieren. Auch dreht "Die wilde Zeit" sich um historisch weniger spektakuläre, von Assayas Jugenderinnerungen (der Regisseur ist 1955 geboren) beeinflusste Geschehnisse im Pariser Umland des Jahres 1971.

Hauptsache, das Etikett sieht gut aus

Der Oberschüler Gilles (gespielt von Clément Métayer) verliebt sich in Laure (Carole Combes). Die verdankt ihr bemüht geheimnisvolles Auftreten weniger ihrer eines Supermodels würdigen Schönheit und kajalgeränderten Augen als vor allem dem Umstand, dass sie unglaublich nuschelt. Zart bricht die Sommersonne durchs Blätterdach eines Laubwaldes, als Gilles von Laure erfährt, dass sie nach London gehen wolle. Später, bei einer Hippieparty auf einem Landsitz, bei der sich zwischen aristokratisch anmutenden Stilmöbeln, Acid Rock und Heroin jene hochherrschaftliche Gammlerlässigkeit einstellt, die man sonst aus "Vogue"-Fotoproduktionen kennt, kreuzen sich die Wege von Gilles und Laure erneut. Das Mädchen ist mittlerweile mit einem Musiker liiert.

Fotostrecke

9  Bilder
"Die wilde Zeit": Zwischen Minikleid und Motoröl
Gilles hingegen schlägt sich herum mit seinem Vater, einem Fernsehmann, dem er vorwirft, sich ästhetisch mit der Verfilmung von Simenon-Romanen zu begnügen, und mit Freunden, die dabei sind, die verbale Militanz von Graffiti, Flugblättern und Schülerzeitungen in Gewalttaten umzusetzen. Für den Film sind die so skizzierten Fronten von Bourgeoisie auf der einen und zunehmender Radikalisierung der jungen französischen Linken auf der anderen Seite letztlich nicht bedeutsamer als für einen unbedarften Partygast die Frage, ob man zu Austern nun einen Muscadet von der Loire oder einen Sancerre trinken sollte. Egal, Hauptsache, das Etikett sieht gut aus.

Darauf allerdings ist in "Die wilde Zeit" Verlass. Hier ist alles durchgestylt: von der schnuckeligen Frisur des jungen Gilles (er trägt seine langen Haare im Stile des frühen Keith Richards) über seine gut sitzenden Batik-T-Shirts bis hin zu dem für Assayas' Retrofilme typischen Augenmerk auf eine ganze Flotte zeittypischer Fahrzeuge von Renault, Simca und Citroën - allesamt in fabrikneuer Anmutung. Analog zum im westdeutschen Nachbarland viel zitierten "Lange Haare ja - aber gepflegt müssen sie sein" gilt bei Assayas unausgesprochen die These: Randalieren ja, aber der Steinwurf muss sitzen.

"Die wilde Zeit" spielt in einer Epoche, die auch als große Ära des französischen Kinos gilt: Godard mochte Anfang der Siebziger schon etwas nachgelassen haben, Truffaut und Chabrol aber standen im Zenit ihres Schaffens. In den vergangenen Jahren hat das französische Kino abermals zu dieser Größe zurückgefunden: Filme wie "Der Name der Leute", "C'est la vie - So ist das Leben" oder "Kleine wahre Lügen" stehen beispielhaft für dessen Fähigkeit, spielerische Elemente mit großem Drama zu verbinden. In "Die wilde Zeit" ist davon nichts zu bemerken.

Nicht fähig, den Konflikten seiner Figuren mehr als oberflächlichen, letztlich banalen Ausdruck zu geben oder gar die Visionen und Utopien der frühen Siebziger einzufangen, gleitet Assayas' Retro-Epos auf zwei Stunden Länge dahin und wirkt dabei wie ein gefälliges Remake von Michelangelo Antonionis Hippieklassiker "Zabriskie Point" mit den Mitteln des modernen Werbefilms, in dem es, anders als in der historischen Realität, keinerlei ästhetische Irritationen gibt. Die Zeit, um die es hier geht, mag wild gewesen sein - umso verklärter ist die Erinnerung heute.

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1. Hervorragender Film
filmforist 02.06.2013
Man fragt sich was, ob der Spon Autor im richtigen Kinosaal war, ausgerechnet diesem Film überzogenes "Styling" vorzuwerfen ist absurd. Die zurückgenommene, einfache, extrem trockene Auf-den-Punkt-Umsetzung lebt von präzisen Beobachtungen. In Deutschland wäre ein Film dieser Art völlig undenkbar, weil er nicht in das kleinbürgerliche Denken der Filmbehörden passt. "Die wilde Zeit" ist in der unendlichen Schwemme von Mickey-Maus-Styling und deutscher Sparkassen-Werbung eine filmgeschichtlich bedeutsame, rühmliche Ausnahme. Unbedingt angucken!
2.
sfb 02.06.2013
Schön geschrieben! "Auch dreht "Die wilde Zeit" sich um historisch weniger spektakuläre, von Assayas Jugenderinnerungen (der Regisseur ist 1955 geboren) beeinflusste Geschehnisse im Pariser Umland des Jahres 1971." Über die Schwemme der Pubertäts- und Jugendgeschichten in der Literatur der jüngeren Zeit hat mal jemand gesagt: Die Leute sehen auf ihr Leben zurück und stellen fest, dass das einzige Abenteuer, das sie erlebt haben, die eigene Pubertät war. Eigentlich eine glückliche Generation, was aber der Kunst nicht unbedingt zugute kommt.
3. Realistischer
Datenscheich 02.06.2013
...ist es, solche Filme mit schon leicht angeschlagenen Autos zu produzieren. Wer von uns hatte damals schon Geld für einen NEUwagen? Und wer war daran interessiert, einen zu haben?! Niemand.
4. Retrostil, aber alles nur Fassade
Frankz 02.06.2013
Wenn es der Regisseur darauf angelegt hat, seine Protagonisten ohne jeden nonverbalen Ausdruck auszustatten, sie sozusagen als Marionetten durch künstlich gestylte Szenbilder tanzen zu lassen, dann ist ihm dies voll gelungen. Zusammen mit den abgelesenen Texten der Synchronsprecher ergibt dies ein selten blutleeres Stück Kino.
5.
sfb 02.06.2013
Zitat von Datenscheich...ist es, solche Filme mit schon leicht angeschlagenen Autos zu produzieren. Wer von uns hatte damals schon Geld für einen NEUwagen? Und wer war daran interessiert, einen zu haben?! Niemand.
Eben! Das war äußerst uncool. Und Marken haben kaum eine Rolle gespielt. Aber natürlich kann es da Unterschiede zu Frankreich gegeben haben.
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