Kinodrama "Die Wunde" Wie man ein Mann wird

"Kennt Afrika denn keine schwule Liebe?" Der Film "Die Wunde" wirft geschickt Fragen nach dem Verhältnis von Tradition und Moderne, Arm und Reich, Weiß und Schwarz im heutigen Südafrika auf.

Edition Salzgeber

Von Jan Künemund


Sie sehen ein bisschen aus, als seien sie nicht von dieser Welt - die weiß geschminkten jungen Männer der Xhosa, die hinter ihren Betreuern durch den Wald laufen. Sie werden gerade in einem kurzen Prozess zu Männern gemacht, nach Beschneidung und Wundheilung, acht Tagen in einer selbstgebauten Hütte ohne Wasser und Schlaf, von ihren Familien getrennt, von Frauen sowieso, plus zwei Wochen Schulung über die Konsequenzen des Mannseins. Ein kurzer Ausnahmezustand, für den man woanders mehrere Jahre Pubertät einplant.

Über das, was da, "auf dem Berg", genau passiert, darf hinterher nicht mehr geredet werden. Gezeigt werden darf es schon gar nicht. Der südafrikanische Filmemacher John Trengove hat aber nun einen Spielfilm gedreht, der das traditionelle Ritual als Setting verwendet. Und nicht nur das. "Eine Liebe - zwei Tabus", so bringt der deutsche Kinoverleih die Geschichte auf den Punkt, die von schwulem Begehren und Männlichkeitsritualen erzählt, von Erfahrungen also, die man außerhalb der südafrikanischen Großstädte besser für sich behält.

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Schwulendrama "Die Wunde": Zum Begehren auf den Berg

Dort ist "Ulwaluko", das Ritual, um das es hier geht, längst unpopulär. Trotzdem schickt der Vater von Kwanda seinen Sohn von Johannisburg aus auf den Berg, damit dieser zum richtigen Mann wird. Mit ihm stimme etwas nicht, er schließe sich mit anderen Jungs in seinem Zimmer ein, verrät er dem Betreuer Xolani. Ihm werden die "Weicheier" anvertraut, er schafft es auf eine sanfte Art, sie durch die Initiation zu bringen. Dass auch mit ihm "etwas nicht stimmt", merkt man spätestens, wenn er am Rande der Hütten, in denen gerade die Wunden der angehenden Männer verheilen, seinen alten Freund Vija trifft, mit ihm in ein verstecktes Gebäude geht und gewohnheitsmäßigen Sex hat.

Vorkoloniale Tradition, westliche Moderne

Beides, sowohl Homosexualität wie auch das Beschneidungsritual der Xhosa, sind in der Post-Apartheid-Situation Südafrikas symbolisch aufgeladen. An ihnen werden Grenzen markiert, deren Durchlässigkeit dort Vielen Sorge bereitet: zwischen vorkolonialer Tradition und westlich geprägter Moderne, Stadt und Land, Arm und Reich, Weiß und Schwarz.

Die Geschichte der Xhosa ist von Vertreibungen geprägt, von Kriegen gegen europäische Siedler und das britische Kolonialregime, der Einpferchung in Homelands, der dadurch entstandenen Vernachlässigung und Armut. Das Festhalten an lokalen Traditionen ist prekär, viele Chiefs kennen ihre Feindbilder: die reichen Xhosa in den Großstädten mit ihrem dekadenten Lebensstil, ihrer Orientierung am Westen. Homosexualität wird in diesem System oft zum Inbegriff all dessen, was nicht den eigenen Traditionen entspricht.

Gleichzeitig stehen Xhosa wie Nelson Mandela und Desmond Tutu, die beide das Ulwaluko-Ritual absolviert haben, für eine demokratische Erneuerung des Landes. Sie sind und waren für eine außergewöhnlich liberale Einstellung gegenüber Homosexualität bekannt, die sich auch in der Verfassung niedergeschlagen hat: Südafrika war 1996 der erste Staat weltweit, der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung unter Strafe gestellt hat, und die Ehe wurde schon 2006 für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet. Erklärt wird das oft durch die Sensibilität des Landes in Diskriminierungsfragen, aber auch durch das Engagement lesbischer und schwuler schwarzer Bürgerrechtler wie Simon Nkoli und Beverly Palesa Ditsie und ihr Einwirken auf den ANC seit Mitte der Achtzigerjahre.


"Die Wunde"
Deutschland, Frankreich, Niederlande, Südafrika 2017

Regie: John Trengove
Drehbuch: Malusi Bengu, Thando Mgqolozana, John Trengove
Darsteller: Nakhane Touré, Bongile Mantsai, Niza Jay Ncoyini, Thobani Mseleni
Verleih: Salzgeber
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 88 Minuten
Start: 14. September 2017


Jetzt läuft "Die Wunde" mit seiner Erzählung von schwuler Liebe, die nur am Rande eines traditionellen Rituals ausgelebt werden kann, auf internationalen Festivals. Der Widerstand der Xhosa-Chiefs war vorhersehbar, aber auch die Haltung der südafrikanischen Regierung ist ambivalent: Das Wirtschafts- und Industrieministerium unterstützt den Film, möchte aber gleichzeitig mit dessen Inhalten nicht identifiziert werden, wie man im Abspann lesen kann.

"Kennt Afrika denn keine schwule Liebe?", fragt im Film provokant der Initiant Kwanda, der die Liebe der beiden Betreuer beobachtet und nicht versteht, warum sie an den Traditionen festhalten. "Die Wunde" erzählt allerdings nicht aus seiner Perspektive, sondern stellt sich mit großer Sympathie hinter die Zerrissenheit von Xolani, dessen großartiger Darsteller Nakhane Touré sich selbst als Ausdruck südafrikanischer Widersprüche sieht: Er ist offen schwul, bezeichnet sich aber als "praktizierenden Xhosa".

Techno im Gebirge, Küsse unter dem Wasserfall

"Die Wunde" eignet sich nicht für Diskussionen über die vermeintliche Rückständigkeit Afrikas in Homo-Rechten, macht aber schwules Begehren in seinem Setting trotzdem zum Problem. Sein eigentliches ästhetisches Interesse liegt woanders. Er zeichnet das Ritual als exzentrische Auszeit. Die Bilder schwanken, die Moral kommt ins Flirren, ein Clash der Gegensätze: Techno im Gebirge, schwule Küsse unter dem Wasserfall, geschminkte Initianten in grellbunten Sneakers. Kwanda reagiert auf den ritualisierten Einschnitt in seinen Körper mit einem provokanten Nasenpiercing. Die Initiation erschafft einen eigenen Raum, in dem Männer verletzbar sein dürfen und buchstäblich ihren Schwanz in die Hand eines anderen Manns legen.

Die Dramaturgie von Trengoves Film profitiert gekonnt von den explosiven Konstellationen. Gleich drei schwule Männer kreisen umeinander und könnten kaum gegensätzlicher sein: der Macho Vija, der mit seiner Doppelmoral konfrontiert wird, der "dürre Großstadtjunge" Kwanda, der sich blasiert über die Traditionen erhebt, und der Zweifler Xolani, der keinen Raum für sein Begehren findet. Dass das Ganze kein gutes Ende nehmen kann, ist vorhersehbar.

Aber gerade weil der Film es sich in seinen Männerstudien nirgends leicht macht und die Ambivalenz der Situationen jedes seiner Bilder unter Spannung setzt, entwickelt er sich zu einem Thriller, in der eine soziale Ausnahmesituation plötzlich viel über die Welt erzählt, die sie produziert.

Im Video: Der Trailer zu "Die Wunde"

Edition Salzgeber
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