Politikerporträt "Dil Leyla" Das Mädchen, das sich an Panzer erinnert

Der Vater wird in der Türkei ermordet, die Tochter wächst in Deutschland auf - und kehrt in die Heimat zurück, um Politikerin zu werden. "Dil Leyla" ist ein aufwühlendes Porträt über Liebe und Berufung im Schatten des Todes.


"Dil Leyla" bedeutet "Leyla, mein Herz". So nannte der Vater einst die Tochter, seine Erstgeborene. Als das Kind fünf Jahre alt war, wurde der Vater in der Türkei als prokurdischer Aktivist bei einem Gefecht erschossen. Die Mutter schickte Leyla nach Deutschland, in die Nähe von Bremen, wo ihr Mann Familie hatte. "So kam Leyla zu uns, ein Geschenk meines Bruders", erzählt Leylas Tante von dem kleinen Mädchen, das sich an Panzer erinnerte, die ins Dorf einfielen, an den Geruch von Blut, an den Anblick von Leichen.

Der Dokumentarfilm "Dil Leyla" der Berliner Regisseurin Asli Özarslan ist hochbrisant und politisch aktuell: Mit 26 kehrt Leyla Imret in ihre Heimat Cizre zurück, eine Kurdenhochburg an der türkischen Grenze zu Irak und Syrien, zieht für die kurdenfreundliche, linksgerichtete HDP ins kommunale Parlament ein und wird zur jüngsten Bürgermeisterin des Landes.

Ängste um die Kinder

Özarslan hat ein anrührendes und bezauberndes Familienporträt geschaffen. Die Familie in Deutschland fängt die fünfjährige Leyla auf, unterstützt, bestärkt. Die gleichaltrige Cousine erinnert sich an die erste Begegnung, an merkwürdig "ernste Gespräche" zwischen kleinen Mädchen. Leylas Mutter, die in Cizre lebt, erzählt von ihren Ängsten um die Kinder. Und Leyla selbst erklärt, wie sie in Deutschland langsam erkannte, wer ihr Vater war und wofür er starb.

Politikerporträts haben es schwer, die tatsächlichen Beweggründe und Motive ihrer Protagonisten aufzudecken, denn diese sind qua Beruf geschult darin, ebenjene nicht zu verraten.

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"Dil Leyla": Ein Film als Deeskalationspolitik

Andreas Dresens zweiteilige "Herr Wichmann"-Saga über einen CDU-Mann aus der dritten Reihe lebt von den vielen absurden und komischen Szenen, in denen der junge Abgeordnete mit den Tücken der Politik und ihren Lügengebilden kämpft. Auch Spielfilme über Politiker gehen oft in die Parodie, die klassische Variante, Kritik an etwas zu üben.

Özarslans Film, ihre Diplomarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg, dagegen braucht den Humor nicht, um ihre Geschichte mundgerecht zu machen. Ihre Hauptperson nimmt die Sache ernst: "Dil Leyla" trägt das Herz auf der Zunge und will aus rein humanistischen Gründen Verantwortung übernehmen. Das Drama ihrer persönlichen Verluste und das ihres Volks haben sie nicht abgestumpft, sondern bestärkt. Özarslan begleitet sie vor den Wahlen 2015, im Straßenwahlkampf, bei dem es um zu bauende Spielplätze, anzupflanzende Bäume, Renovierungen geht - übliche Themen für eine Provinzpolitikerin.


"Dil Leyla"

Deutschland 2016
Drehbuch und Regie:
Asli Özarslan
Verleih: Essence Film
Länge: 71 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 29. Juni 2017


Aber in Cizre geht es um mehr: "Wir wollen nicht, dass wieder Panzer kommen", sagt ein kleiner Junge zu Leyla, und unterstreicht mit dem erschütternden Satz die Relevanz einer hingebungsvollen Volksvertreterin. Später sitzt Leyla im prachtvollen Bürgermeistersessel, schlägt sich mit der Tagespolitik herum, behauptet selbstbewusst sich, ihr Alter, ihr Geschlecht. "Die Vorgesetzten sagen, es ginge nicht", nörgelt ein Angestellter über einen Bauauftrag. "Ich bin deine Vorgesetzte, und ich sage es geht", erklärt Leyla.

Der Film betreibt Deeskalationspolitik, ohne tendenziös zu sein

Doch während eines weiteren Schlags der türkischen Regierung gegen angebliche kurdische Terroristen wird die Lage in Cizre immer gefährlicher, ein regierungsnaher Sender behauptet, Leyla habe sich für die Kampfbereitschaft der Kurden ausgesprochen. Ein Haftbefehl wird gegen sie ausgestellt. Die Menschen in Cizre, die permanent von der Armee beschossen werden, stoßen nicht mehr zur Außenwelt durch, auch der Kontakt der Regisseurin zu ihrer Protagonistin bricht ab. Erst fast drei Monate später kann sich Leyla melden und erzählt von einem Massaker.

Özarlans größte Stärke ist es, der emotional aufgeladenen und politisch lebensgefährlichen Stimmung ruhige Einstellungen, zurückhaltende Texttafeln, vor allem jedoch liebenswerte, traurige, aber nie hysterische Menschen entgegenzusetzen. Ihr Film betreibt Deeskalationspolitik, ohne tendenziös zu sein.

Und obwohl er von Verbrechen berichtet, die im Auftrag einer offiziellen Regierung geschehen, kann er Hoffnung geben: Einer Politikerin, die abends im Schlafsack über den Wert von Freundschaft sinniert, die sich weder vom Militär, noch von Drohungen der Regierung davon abhalten lässt, für die Gerechtigkeit zu kämpfen, steht hoffentlich noch eine lange Karriere bevor.

Im Video: Der Trailer zu "Dil Leyla"

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Seite 1
mariposalinda 04.07.2017
1. Mehr Leylas wünsche ich der Türkei,
und mehr Asli Özarlans und Fatih Akins wünsche ich der türkischen Gemeinde in Deutschland.
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