"District 9"-Regisseur Neill Blomkamp Aliens im Asylantenlager

In dem Erfolgsfilm "District 9" lässt Neill Blomkamp Außerirdische landen und einsperren - und erzählt so von einer neuen Apartheid. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Regisseur über seine düstere Vision, die Regeln des Rassismus - und professionellen Insektensprech.

Sony Pictures

SPIEGEL ONLINE: Herr Blomkamp, Sie machen es dem Zuschauer in Ihrem Film "District 9" nicht leicht, Mitgefühl für die Außerirdischen zu empfinden: Sie sind hässlich, gewalttätig und wollen auch nicht nach Hause telefonieren. Sind die Aliens trotzdem die Helden?

Blomkamp: Der Zuschauer soll mit ihnen bangen. Doch wir wollten sie auf gar keinen Fall niedlich und nett erscheinen lassen. Das wäre zu einfach gewesen. Ganz im Gegenteil, wir wollten die Aliens mit so vielen negativen Attributen versehen wie möglich. Sie sollen abstoßend wirken. Doch das ist nur der Schein. Nach und nach erkennt der Zuschauer, dass sie Gefühle und einen Verstand haben, dass sie eine hochzivilisierte Rasse sind.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb für die Aliens eine eigene Sprache entwickelt?

Blomkamp: Ja, aber das war sehr mühsam! Wir haben lange herumexperimentiert, bis wir wussten, wie die Aliens aussehen sollten, nämlich wie Insekten. Die äußere Gestalt hat dann alles Weitere bestimmt, auch die Sprache. Wir haben uns intensiv mit den Lauten beschäftigt, die Insekten von sich geben, und daraus die Alien-Sprache entwickelt. Sie besteht vor allem aus Klicklauten, doch wer genau hinhört, merkt, dass sie Vokale und Konsonanten hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Dialoge der Aliens untertitelt. Welchen Effekt hat es auf den Zuschauer, wenn er komplexe Sätze liest, während er gutturale Laute hört?

Blomkamp: Er muss seine Vorstellung davon, was primitiv ist, überprüfen. Sehen Sie, ich bin ja in Südafrika aufgewachsen und weiß, wie Rassenhass funktioniert. Es hasst sich einfach leichter, wenn man sich einredet, der Andere sei hässlich oder primitiv.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben große Teile des Films in den Slums von Johannesburg gedreht - war das der perfekte Ort für diese Geschichte?

Blomkamp: Es war umgekehrt, ich habe nicht nach einem Schauplatz gesucht, vielmehr hat sich die Geschichte ganz und gar aus der Stadt entwickelt. Ich hatte schon seit langem den Plan, in Johannesburg einen Science-Fiction-Film zu drehen. Dass sich dieser Film dann um die Angst vor dem Fremden und um Rassenhass dreht, ergab sich fast zwangsläufig. Dass "District 9" zu einer Allegorie auf die Apartheid wurde, ließ sich gar nicht vermeiden. Natürlich erzählt der Film von dem Rassismus, der noch immer in uns steckt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Science-Fiction-Genre besonders geeignet, unsere Gegenwart zu reflektieren?

Blomkamp: Es gibt kein besseres. Und zwar deshalb, weil die Zuschauer in die Zukunft versetzt werden und deshalb lange nicht realisieren, dass der Film tatsächlich von ihnen und ihrem eigenen Leben handelt. Und deshalb kann man viel weiter gehen, viel extremer werden, als wenn man sich direkt mit der Gegenwart beschäftigen würde. Denken Sie nur an Paul Verhoevens Science-Fiction-Film "Starship Troopers" von 1997. Was für eine unglaublich zynische Satire auf die amerikanische Gesellschaft! Doch bei aller Kraft und Schärfe kann auch der beste Science-Fiction-Film nur reflektieren, aber nichts verändern. Nichts.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt pessimistisch.

Blomkamp: Die Menschen gehen ins Kino, um eine schöne Zeit zu haben, um Popcorn zu essen. Die wollen unterhalten, nicht verändert werden. Wer etwas verändern will, soll keine Filme drehen, sondern zur Uno gehen.

SPIEGEL ONLINE: Das Kino kann also gar nichts dazu beitragen, uns zu besseren Menschen zu machen? Mitgefühl kann man doch lernen. Warum nicht im Kino?

Blomkamp: Hm, da bin ich skeptisch. Überfordert man das Kino damit nicht? Klar, wenn uns ein Film Mitgefühl mit einer fremden Rasse empfinden lässt, macht uns das wohl nicht zu schlechteren Menschen.

SPIEGEL ONLINE: In den meisten Ländern der Welt wird "District 9" als düsterer Science-Fiction-Film wahrgenommen. Wie sehen ihn die Menschen in Ihrer Heimat Südafrika?

Blomkamp: Ich hatte den Eindruck, dass der Humor des Films ihnen hilft, die Konfrontation mit ihrer eigenen Wirklichkeit besser zu verkraften.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Jahrzehnten hat Hollywood das asiatische und das lateinamerikanische Kino entdeckt. Afrika blieb der vergessene Kontinent. Wird sich dies nach dem Erfolg von "District 9" ändern?

Blomkamp: Wohl kaum. Es gibt ja schon ein paar südafrikanische Regisseure, die es nach Hollywood geschafft haben, Gavin Hood etwa oder Richard Stanley. Alles weiße Regisseure im Übrigen. Doch geändert hat sich nichts. Vielleicht würde etwas in Bewegung kommen, wenn ein Regisseur aus Nigeria international von sich reden machen könnte. Denn dort gibt es eine richtige Filmindustrie.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben schon seit einigen Jahren in Vancouver. Werden Sie trotzdem versuchen, weitere Filmproduktionen nach Johannesburg zu holen?

Blomkamp: Ich hoffe, dass ich Filmproduktionen nach Vancouver hole! Aber Südafrika ist so ein facettenreicher, aufregender Schauplatz - auch ohne meine Hilfe werden Regisseure dorthin kommen. Ich selbst arbeite gerade an einem neuen Science-Fiction-Projekt, von ich noch nicht genau weiß, wie und wo wir es drehen werden. Aber eine Möglichkeit ist Johannesburg. Die Stadt bietet Ansichten, die Sie sonst nirgendwo auf der Welt finden. Zudem kann man dort tagelang die Straßen sperren - und kein Mensch stört sich dran.

Das Interview führte Lars-Olav Beier


"District 9" läuft ab Donnerstag im Kino

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
RogerT 11.09.2009
1. die Frage kommt etwas zu früh.
---Zitat--- Ihre Meinung ist gefragt Diskutieren Sie über diesen Artikel! ---Zitatende--- Was soll ich dazu sagen? Ich habe den Film noch nicht gesehen... die Frage kommt etwas zu früh.
Websingularität 11.09.2009
2. Naja
Hab mir den Film gestern angeschaut und ist wie so oft bei Filmen eine reine Geschmacksache. Dass heutige Filmemacher versuchen so 'erzwungen innovativ' zu sein, zeigt unter welchem Druck sie stehen. Es hat ja in der Filmgeschichte ja schon fast alles gegeben. Wie auch immer, es waren ein paar witzige Ideen darin und einige hatte man meinen eigenen Geschichten vorweggenommen (z.B.: Menschen die Aliens essen). Nur mit dem Unterschied, dass unbedeutende Autoren wie ich keinen Verlag finden, während diese Hollywoodgrößen alle Mittel nachgeworfen bekommen. Diese Ungleichheit der Möglichkeiten ist auch irgendwo Apartheit, denn diese Leute sind auch nichts Besseres. Ich hab's ja im Film gesehen was diese Zustande bringen. Aber wie gesagt, Geschmacksache. Das ist meine Ansicht.
autocrator 11.09.2009
3. Reflexion
Zitat von RogerTWas soll ich dazu sagen? Ich habe den Film noch nicht gesehen... die Frage kommt etwas zu früh.
Inhaltlich ja, dazu muss man den film erstmal sehen, doch vom interview-thema her: Blomkamp hat ja recht, Kino verändert nichts proaktiv, es unterhält und es reflektiert. Und da ist es inhaltlich schon interessant, was der neue film uns zeigt: soviel zu lesen ist, geht es um rassismus in neuem gewande. und erleben wir das nicht gerade allenthalben? die sklaverei ist abgeschafft - und kommt via lohnsklaverei und leiharbeit durch die hintertür wieder rein. freizügigkeit steht zwar wohlfeil auf dem papier, aber reisense mal mit nem hartz4-monatseinkommen, wenn sie sich davon noch nicht mal ein innerstädtischs busticket leisten können! pochen sie mal auf den habeas corpus act, wen sie langhaarig und rauschebärtig sind und ohne gerichtsprozeß für 4 jahre auf einem insel-gefängnis verrotten - da zuckt der aussenminister und kanzlerkandidat bloß mit den schultern und faselt was von "nichts offizielles bekannt" (inoffiziell schon) und "kann nichts machen". rassismus anhand von aliens zu zeigen ist schon interessant: es zeigt, wie dünn der firnis unserer westlichen "zivilisiertheit" in wirklichkeit ist - an einem unterhaltsamen beispiel.
Galaxia, 11.09.2009
4. Fragen zum Film?
Wie wärs mal mit der Frage nach 2012? (Da soll ja Chistopher zurück kommen). Oder der Umstand das es der Film aus dem Stehgreif geschaft hat in die Top 250 Movies (Davon in die Top 30-40) of all time (imdb).
xtraa, 11.09.2009
5. Mich stört etwas an der Einleitung des Artikels:
Mich stört etwas an der Einleitung des Artikels: Es ist eben keine "neue" Apartheid, kein "neuer" Rassismus, vielmehr werden in District9 nur die Mechanismen des schon immer da gewesenenen Rassismus dargestellt! Der Unterschied ist eben nur, dass es jetzt auf eine Science-Fiction Ebene transportiert wird, die hilft, nicht nur in Kategorien wie Hautfarbe oder Nationalität zu denken. Diesbezüglich ist der Film für manche hoffentlich doch ein Augenöffner mit Aha-Effekt. Er zeigt nämlich, dass die angeblichen Werte, die Rassismus legitimisieren, überhaupt keine sind.
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