Von Hannah Pilarczyk
Die vielleicht schönste Szene aus "Django Unchained" können Sie bereits im Trailer sehen. Dort setzt Django (Jamie Foxx) seine Pistole an, zielt auf einen durch ein Baumwollfeld reitenden weißen Mann und tötet ihn mit einem einzigen Schuss. Was die Kugel anrichtet, wird nicht gezeigt. Wir sehen nur, wie das Blut auf die weißen Blüten der Baumwolle sprüht. Wo sonst das Blut der schwarzen Sklaven vergossen wird, lässt nun also ein weißer Bösewicht sein Leben.
So dezent geht es natürlich selten in "Django Unchained" zu, schließlich ist dies ein Film von Quentin Tarantino. Und wenn es einen Regisseur gibt, der verlässlich die Erwartungen seiner Fans erfüllt, dann ihn. Deshalb spritzt das Blut hier meist mehrere Meter hoch, werden Menschen von Hunden zerfetzt, Kniescheiben in Nahaufnahme gleich mehrfach zerschossen und Schädel mit der bloßen Hand zu Brei gestoßen. Schwarz metzelt Weiß nieder, Weiß schießt Weiß über den Haufen, Schwarz macht Schwarz den Garaus. Ob das alles seinen Sinn hat? Darüber kann man in aller Ruhe nachdenken - mit einer Laufzeit von fast drei Stunden ist "Django Unchained" der längste Film, den Tarantino je gedreht hat.
Tatsächlich treibt aber weder Schultz noch Django die Profitgier an. Beide wollen Rache für die Verbrechen an Schwarzen - Schultz eher abstrakt, Django sehr konkret. Seine Ehefrau Broomhilda (Kerry Washington) wurde an den legendär brutalen Plantagenbesitzer Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) verkauft. Django will sie nun befreien, und die Hilfe von Schultz erkauft er sich, indem er einen blutigen Winter lang mit ihm auf Menschenjagd geht. Dann erst geht es endlich nach Candyland, auf die Plantage von Candie, wo ein, nein, zwei spektakuläre Showdowns auf Django, Schultz und das Publikum warten.
Hundert Mal "nigger"
"Intellektuell sind wir alle mit der Brutalität und Unmenschlichkeit der Sklaverei 'vertraut'", hat Tarantino nach einer Filmvorführung in London gesagt. "Aber wenn du mehr recherchierst, dann verliert sich das Intellektuelle, dann ist das nicht nur mehr Archivzeugs - es fährt dir in die Knochen. Es macht dich wütend, und du willst was tun. Ich kann Ihnen sagen: So schlimm es im Film auch zugeht, in Wirklichkeit ist noch viel Schlimmeres passiert."
Dass "Django Unchained" mit einem persönlichen - und ehrbaren - Anliegen verknüpft ist, merkt man dem Film an. Noch imposanter als sonst inszeniert Tarantino die Auftritte der Helden, noch fieser fallen die Bösewichte aus, noch gebrochener die Opfer. Das heißt aber leider nicht, dass der Film einen Fokus hat. Ausgerechnet für seine Titelfigur interessiert sich "Django Unchained" in der ersten Stunde erstaunlich wenig, da gehört die Show ganz Christoph Waltz. Er lässt sich Tarantinos Dialoge wieder mit einem herrlichen Gusto auf der Zunge zergehen - da geht es schon in Ordnung, dass er soeben als einziger Schauspieler aus dem Star-Ensemble für den Oscar nominiert worden ist.
Und so ist eben auch der weiße Schultz die Erlöserfigur in dem Film. An ihm liegt es, den ahnungslosen Django darüber aufzuklären, was es mit dem Namen seiner Frau - eine Pidginversion von Brunhilde - und ihrer Liebesgeschichte auf sich hat. Die beiden leben nämlich die Siegfried-Legende aus den Nibelungen nach! Und als Schultz dann ansetzt, um das alles noch einmal genauer zu erklären, läuft "Django Unchained" leider endgültig aus dem Ruder.
Das Paar Tarantino und Wagner
Die Redundanzen häufen sich, aber es tun sich auch gravierende Lücken auf. Die Geschichte, wie Broomhilda in die Hände von Plantagen-Bösewicht Calvin Candie geraten ist, ist zum Beispiel gedreht worden, aber im Schnitt rausgeflogen. In der jetzigen Fassung ist Broomhilda daher nur ein zitterndes Nervenbündel; man weiß nicht, was es so zugerichtet hat - mithin eine der schwächsten, weil eindimensionalsten Frauenfiguren im gesamten Werk von Tarantino.
Dennoch ist Tarantino mit "Django Unchained" in der Mitte Hollywoods angekommen. Bei den Oscars wurde er zwar in der Kategorie Beste Regie übergangen, dafür ist er in den Rubriken Bester Film und Bestes Originaldrehbuch nominiert. Die Academy ist mit ihm und seinen Filmen, seinem abseitigen Humor und der Vorliebe fürs Rachemotiv, seiner Lust am Zitat und am Splatter älter geworden. Wie sein Stammpublikum weiß und schätzt sie, was für dichte, temporeiche Filme Tarantino gemacht hat - und vor dieser Folie mögen die Mängel von "Django Unchained" sogar vernachlässigenswert sein. Nicht zuletzt gibt es ja gelungene Pointen und brillante Dialogzeilen, wie sie nur Tarantino schreiben kann. Dass er das alles aber je wieder auf eine Form wird bringen können, die mehr dem Stoff als seinem Ego dient, erscheint fraglich.
In seinem Blog für den "New Yorker" hat der Kritiker Richard Brody Tarantino mit Wagner selbst verglichen. So wie der Komponist aus den nordischen Legenden geschöpft habe, so bediene sich Tarantino bei der Mythologie des Kinos und der Pop-Kultur. Dabei erschaffe er Pomp, der - genau wie Wagners Opern - keinen Kommentar zur modernen Komplexität böte, sondern nur einen Ausweg aus ihr suche.
Damit könnte Brody leider Recht haben. Wahrscheinlich müssen wir uns darauf einstellen, dass von Tarantino nur noch "Götterdämmerung" zu erwarten ist. Die dann aber immerhin mit Christoph Waltz in einer Nebenrolle.
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