Krimi-Drama "Dogman" Allein gegen die Ein-Mann-Mafia

Der italienische Film "Dogman" erzählt von einem Mistkerl, der eine Kleinstadt terrorisiert - und mündet in einer modernen Version des Kampfs zwischen David und Goliath.


Alamode Film

Der Mensch ist dem Menschen ein Kampfhund in diesem grandios schönen Film, der in einer scheinbar absolut hässlichen Welt spielt. Er fängt damit an, dass man dem Helden, einem Hundefriseur namens Marcello, bei der Arbeit zusieht. Marcellos Friseursalon ist eine heruntergekommene Fabrikhalle, der Klient ist ein riesenhafter, notdürftig angeketteter Mastiff-Rüde, der bellt, geifert und tobsüchtig die Zähne in den Wischmop schlägt, mit dem sein Fell geschrubbt wird.

Der Friseur aber spricht beruhigend auf die Bestie ein, wäscht und striegelt sie mit sachlicher Sorgfalt. Je länger der Blick der Kamera auf dem schmalen Mann und dem grotesk muskulösen Tier ruht, desto mehr gewinnt das vordergründig Widerliche an irritierender Verführungskraft. Offenbart sich nicht sogar im Gekeife des Tieres eine Art von Zärtlichkeit?

Eine zubetonierte Küstenkleinstadt irgendwo bei Neapel ist der Schauplatz des Films "Dogman". Der Regisseur Matteo Garrone ist vor zehn Jahren durch das Mafiadrama "Gomorrha" bekannt geworden, ein auf Roberto Savianos Bestseller beruhender Monumentalfilm über das organisierte Böse. Sein neues Werk lässt er abermals in einer Welt spielen, in der Gesetze nur für die Schwachen zu gelten scheinen.

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"Dogman": Ein Hundeleben

Der Teufel heißt Simone und ist ein Allerweltsschlägertyp

Der mit einem Clownsgesicht gesegnete, sympathisch zerbrechliche Schauspieler Marcello Fonte spielt den Hundefriseur Marcello, die Kinderdarstellerin Dalida Baldari Calabria dessen Tochter Dalida. Sie tritt wie eine Märchenprinzessin auf, wenn ihre längst von Marcello geschiedene Mutter sie zum Vaterbesuch schickt. Und wie ein Märchenfluch ist das Unglück, das Marcello heimsucht. Denn von einem Tag auf den anderen ist es mit seinem Ansehen, seiner guten Nachbarschaft mit den Kneipiers und Kioskbesitzern des Orts vorbei - weil sich ein gewalttätiger, lärmender, koksverrückter Teufel in Marcellos Leben drängt, der die windschiefe Idylle im Hundesalon zu zerstören droht.

Der Teufel heißt Simone und ist ein Allerweltsschlägertyp. Simone kommt frisch aus dem Knast und war früher mal Boxer. Zuerst schnorrt er Marcello, der nebenbei Drogen an die Kleinstadtjugend vertickt, um Kokain an. Dann zwingt Simone den Hundefriseur zu kriminellen Handlangerdiensten, nötigt ihn in eine Komplizenrolle. Der Regisseur Garrone führt vor, wie spielerisch, fast naiv Simone seine Gemeinheit auslebt. Der Gangster wittert die Angst und die Wehrlosigkeit seiner Opfer - und die scheinen zu glauben, wenn sie sich nur klein genug machten, könnten sie den Sturm unbeschadet überstehen.

Im Video: Der Trailer zu "Dogman"

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Ein Film wie der biblische Kampf zwischen David und Goliath

Es ist naheliegend, "Dogman" als Gleichnis auf die Zustände im gegenwärtigen Italien und auf die Korruptheit der ganzen Welt zu begreifen - als Lehrstück über die politische Ohnmacht gegenüber Menschen, die sich an keinerlei Regeln halten. Wie der Philosoph Thomas Hobbes scheint der Regisseur Garrone von der Notwendigkeit kriegerischer Gegenwehr überzeugt zu sein, weil Moral und Rechtsordnung sonst zum Teufel gehen. In einer herzzerreißenden Szene des Films holt Marcello einen kleinen Hund ins Leben zurück, der zuvor von Simone in einen Gefrierschrank geworfen wurde. Das ist ein rührender Akt der Gutherzigkeit. Aber was nützt ein bisschen Herzenswärme, wenn man sich auf eine Kumpanei mit den Mächten der Finsternis eingelassen hat?


"Dogman"
Italien, Frankreich 2018
Regie: Matteo Garrone
Drehbuch: Ugo Chiti, Massimo Gaudioso, Matteo Garrone
Darsteller: Marcello Fonte, Edoardo Pesce, Nunzia Schiano, Alida Baldari Calabria, Adamo Dionisi, Francesco Acquaroli
Produktion: Archimede, Le Pacte
Verleih: Alamode
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 18. Oktober 2018


Im Grunde funktioniert Matteo Garrones Film wie der biblische Kampf zwischen David und Goliath. Er macht den Kinozuschauer zum Zeugen eines ungleichen Duells, in dem die Ein-Mann-Mafia Simone mehr und mehr monströse Züge annimmt. Ob die Lösung, auf die der Hundefriseur am Ende verfällt, die Welt in einen besseren Ort verwandelt, darf man bezweifeln. Aber solange die Menschen nicht das Minimum an Solidarität zeigen, zu dem die Kleinstadtbewohner in "Dogman" nicht imstande sind, bleibt es ein Hundeleben, das wir miteinander zubringen. Und es gilt weiter: fressen oder gefressen werden.

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