Politisches Kino bei Dok.Leipzig Gegenwartsbewältigung

So wild und gegenwärtig kann das Kino sein: Bei Dok.Leipzig erklärt Werner Herzog Michail Gorbatschow seine Liebe, zweifelt Andreas Goldstein seinen Funktionärsvater an und bringen rechte YouTuber das Festival in Bedrängnis.

Werner Herzog (links) und Michail Gorbatschow in "Meeting Gorbachev"
DOK Leipzig

Werner Herzog (links) und Michail Gorbatschow in "Meeting Gorbachev"

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Wann hört diese Gegenwart bloß auf? Wann können wir endlich auf die Jetztzeit als Phase zurückblicken, in der vieles in Bewegung war, aber das meiste sich wieder geordnet hat? Eine nostalgische Sehnsucht nach der Zukunft hat weite Teile der liberal denkenden Gesellschaft ergriffen. Allen voran die CDU, die plötzlich hofft, sich mit Friedrich Merz als Parteivorsitzenden in eine Zeit vorkatapultieren zu können, in der neoliberale Wirtschaftspolitik wieder auf einem ganz anderen Bierdeckel als soziale Spaltung steht.

Doch die Gegenwart wird uns noch lange verfolgen. Durch die Filme, die zurzeit entstehen, und die Filme, die aus der Vergangenheit zu uns durchdringen und uns daran erinnern, dass Geschichte nicht in einem Moment, sondern immerzu gemacht wird - in den Bildern, die wir uns von ihr machen, und den Worten, die wir für sie finden. "Der Funktionär" ist so ein Film, der Gegenwart und Vergangenheit aufeinander los und sich ineinander verbeißen lässt.

"Der Funktionär"
DOK Leipzig

"Der Funktionär"

In Weltpremiere bei Dok.Leipzig gezeigt, skizziert Andreas Goldstein darin das Leben seines Vaters Klaus Gysi, langjähriger Kulturstaatsminister, dann Staatssekretär für Kirchenfragen in der DDR. Private Fotografien, manchmal gestochen scharf, manchmal verwischt, illustrieren ein Land und eine Biografie, die wie die Fotos sind: manchmal schmerzhaft greifbar, manchmal sich jeder Erklärung entziehend.

Goldstein fällt es schwer, dem Vater, der sich immer wieder auf einen getöteten Arbeiter als Urszene seiner Politisierung beruft, Idealismus abzunehmen. Zu fragwürdig ist die Lücke im Lebenslauf während des Zweiten Weltkriegs, zu groß der Schmerz über die verschiedenen Beziehungen und Familien, denen sich Gysi fortwährend verschrieb (Gregor Gysi ist ein Halbbruder Goldsteins), zu banal die Sätze, die er als Parteifunktionär den Großteil seines Lebens von sich gibt.

Gleichzeitig misstraut Goldstein denen, die die DDR nur über Fragen von Idealismus definieren. "Heute werde die Konflikte der DDR dramatisiert und durchweg auf den Gegensatz von Freiheitswillen und Repression reduziert", schreibt Goldstein zu seinem Film. "Sie bilden dabei weniger die DDR ab als vielmehr eine Gegenwart, die sich selbst legitimieren muss und nun in diesen Erzählungen als Erlösung erscheinen kann."

Wie das großmaßstäblich aussieht, dieses fraglose Legitimieren der Gegenwart durch das Insistieren auf der einen Geschichte, führt Werner Herzog vor. Mit "Meeting Gorbachev", dem diesjährigen Eröffnungsfilm der Leipziger Dokfilmwoche, hat Herzog einen Interviewfilm mit dem ehemaligen Staats- und Parteichef der UdSSR für den History Channel gedreht und statt ekstatischer Wahrheit öden Revisionismus fabriziert.

Moralische Bewunderung, politisches Mitleid

Das eindrücklichste Zitat stammt vom Interviewer: "I love you", sagt Herzog, als das Gespräch auf Gorbatschows Verdienste um die deutsche Wiedervereinigung kommt. Ansonsten lässt sich Herzog zu der doppelten Herablassung hinreißen, Gorbatschow einerseits für Glasnost und Perestroika zu bewundern, ihn andererseits aber durch den Zusammenbruch der UdSSR als tragische Figur darzustellen.

Zu einer Haltung dazu oder zumindest einer Spekulation darüber, was die Sowjetunion im Inneren zusammengehalten hat, fühlt sich Herzog nicht bemüßigt. Fast verständlich, denn es würde ihm den Abgleich abnötigen, ob Gorbatschow mit Glasnost und Perestroika das Wesen der UdSSR verkannt und ihren Untergang durch Unvermögen herbeigeführt hat. In seinem Film bleibt die Bewunderung für Gorbatschow moralisch und das Mitleid politisch. Zusammengedacht wird das nicht, nur zusammenabgebrochen mit dem Jahr 1991, das "Meeting Gorbachev" als Schlusspunkt hinter Gorbatschows politischem Wirken sieht und setzt.

Auch in einem anderen Umfeld hätte der neue Dokumentarfilm von Sergei Loznitsa kathartische Wirkung: Die intellektuelle Rigorosität des Wahlberliners treibt beständig den Großteil anderer Filmschaffender vor sich her. Doch wie "The Trial", entstanden allein aus Archivmaterial, "Meeting Gorbachev" in Bedrängnis bringt, ist schon bemerkenswert.

"The Trial"
DOK Leipzig

"The Trial"

Geschnitten aus Filmmaterial, das das Sowjetregime von einem Schauprozess gegen sechs Gosplan-Funktionäre 1931 drehen ließ, wird in "The Trial" immer wieder die symbolische Ordnung erkennbar, die den Stalinismus im Verbund mit dem Terror gestützt hat. In einer Szene befragt der Richter einen der Angeklagten zu einer Bestechungszahlung. Mehr als die Bestechung interessiert und empört den Richter allerdings der Umstand, dass der Angeklagte die Summe in Goldmünzen aus der Zarenzeit und nicht in sowjetischen Geldscheinen angenommen haben soll.

Der Einblick in autoritäre Herrschaftsstrukturen, den diese Szene ermöglicht, ist kaum zu unterschätzen. Wenn die symbolische Ausformung eines Verbrechens als so schlimm gilt wie das Verbrechen selbst, wo können dann Reformen ansetzen? Sind dann nicht schon Transparenz- und Demokratisierungsimpulse gleichbedeutend mit einem Todesstoß fürs gesamte Regime?

Ausstieg aus dem "fake game"

Die Klammer, die Dok.Leipzig für solche Gedanken bietet, ist in der deutschsprachigen Festivallandschaft einmalig. Parallel zu klug ausgewählten Retrospektiven und Hommagen setzt sich das Festival unter der Leitung von Leena Pasanen in unbedingten Dialog mit der Gegenwart.

Am besten gelingt das auf der institutionell-strukturellen Ebene. Mit Initiativen für größere Barrierefreiheit sowie der Einführung einer temporären Frauenquote für den deutschen Wettbewerb, der als einzige Sektion Regisseurinnen unterrepräsentierte, hat Dok.Leipzig bereits vorgemacht, wie sich Festivals in Bewegung bringen können. Im vierten Amtsjahr hat Pasanen nun angekündigt, sich schrittweise vom Druck befreien zu wollen, möglichst viele Premieren zu präsentieren. Das sei ein "fake game", das auf Kosten sehenswerter Filme gehe, die schon auf anderen Festivals gelaufen sind.

"Lord of the Toys"
DOK Leipzig

"Lord of the Toys"

Inhaltlich funktioniert die Beschwörung von Zeitgemäßheit hingegen weniger. 2017 versuchte sich das Festival mit dem Pegida-Film "Montags in Dresden" an atemloser Aktualität und musste sich nach hitzigen Publikumsdiskussionen für die Präsentation der vergleichsweise unkritischen Arbeit rechtfertigen. Gleiches 2018 mit "Lord of the Toys": Das Porträt einer Gruppe von Dresdner YouTubern, die sich offen rassistisch, sexistisch und antisemitisch äußern, hat wieder Vorwürfe der Distanzlosigkeit gezeitigt und das Festival zu einer Stellungnahme genötigt.

Für Freitagmittag hat das Festival nun eine Sonderdiskussion zum Film angesetzt, gleich in Anschluss an die Masterclass von Ruth Beckermann, der eine Hommage gewidmet ist. Die österreichische Regisseurin, die gerade Erfolg um Erfolg mit"Waldheims Walzer" feiert, hat ihrer Masterclass einen wunderbaren Titel gegeben: Gegenwartsbewältigung.

Dass die - wie die Vergangenheitsbewältigung - nie abgeschlossen sein kann, erschließt sich nicht zuletzt aus Beckermanns filmischem Wirken, das immer wieder das kollektiv Verdrängte ins Bewusstsein zurückholt. Dok.Leipzig macht jedoch klar: Ohne Dokumentarfilme wird sie sich erst gar nicht bewerkstelligen lassen.

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