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Neue Dok-Leipzig-Chefin: "TV-Sender zu kritisieren ist rückwärtsgewandt"

Ein Interview von

Dok Leipzig: Ein Festival betritt Neuland Fotos
Andreas Voigt/ DOK Leipzig

Das klassische TV-Sendermodell ist hinfällig - und neue Finanzierungs- und Vertriebswege braucht es auch: Mit Leena Pasanen hat Dok Leipzig, das größte deutsche Dokumentarfilmfestival, eine neue Leiterin, die sich dem technischen Wandel der Branche stellt.

Zur Person
  • Susann Jehnichen
    Leena Pasanen, geboren 1965 in Finnland, arbeitete nach ihrem Studium der Geisteswissenschaften und finnischen Literatur zunächst als Reporterin und Moderatorin, bevor sie die Programmleitung des Dokumentarfilmsenders YLE Teema übernahm. Von 2005 bis 2008 war sie Geschäftsführerin des Europäischen Netzwerks für Dokumentationen. Nach einer Station als Kulturattaché in Budapest ist sie seit 1. Januar Geschäftsführerin von Dok.Leipzig.
SPIEGEL ONLINE: Frau Pasanen, durch den Aufstieg der sozialen Medien dokumentieren Menschen ihr Leben so viel wie noch nie. Warum ist der Dokumentarfilm nicht die Kunstform der Stunde?

Pasanen: Meiner Erfahrung im Film- und Fernsehgeschäft zufolge haben Dokumentarfilme an Anerkennung eher gewonnen. Sie werden als ebenso wichtig und interessant erachtet wie Spielfilme. Bei den Geldgebern haben es Spielfilme womöglich noch einfacher, die sind wegen ihrer Stars für sie sexier. Aber man darf die Zuschauer nie unterschätzen, die wissen eine gute Geschichte zu schätzen - egal in welcher Form sie erzählt wird.

SPIEGEL ONLINE: Die Zeit der großen dokumentarischen Publikumserfolge wie "Fahrenheit 9/11" oder "Die Reise der Pinguine" ist aber vorbei. Stattdessen kommen in Deutschland fast doppelt so viele Filme wie noch vor zehn Jahren in die Kinos - und besonders Dokumentarfilme haben es schwer, da noch ein nennenswertes Publikum zu erreichen.

Pasanen: Zu den allgemeinen Zahlen von Dokumentarfilmen in deutschen Kinos kann ich Ihnen nichts sagen, dafür bin ich noch nicht lang genug hier. Ich kann Ihnen aber zur Dok Leipzig sagen: Wir zeigen Filme in zwölf Kinos, und die sind voll. Wir können gar nicht mehr wachsen, weil das Festival so beliebt ist. Und dabei zeigen wir nicht einfache, gut zu konsumierende Mainstream-Ware, sondern künstlerisch anspruchsvolle Filme. Aus meiner Arbeit im finnischen Fernsehen weiß ich aber auch, dass man mit Dokumentarfilmen keine einheitliche Zielgruppe anspricht.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, ein Publikum durch gezielte Programmierung - sei es im Fernsehen oder im Kino - an Dokumentarfilme heranzuführen?

Pasanen: Bis vor einiger Zeit war es vor allem im Fernsehen für den Erfolg eines Films entscheidend, was davor und danach programmiert war. Solche Überlegungen sind aber mittlerweile hinfällig: Die Leute konsumieren Filme und Fernsehen, wann und auf welcher Plattform es ihnen am besten passt. Meine 82-jährige Mutter schaut sich alles auf ihrem Laptop an. Das ist die Realität, der wir uns stellen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rollen spielen dann noch Dokumentarfilmfestivals?

Pasanen: Für den Filmnachwuchs sind sie das wichtigste Forum, um ihre Arbeiten vorzustellen und an Förderung für die nächsten Projekte zu kommen. Viele Filme finden auch erst auf Festivals einen Verleih. Auf Festivals kann man außerdem anspruchsvollere Filme sehen als im Fernsehen. Und die Möglichkeit solche Filme gemeinsam im Kino zu sehen, die gemeinschaftliche Erfahrung und die anschließenden Diskussionen mit den Filmemachern und anderen Zuschauern - das gibt es nur auf Festivals.

SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns über die Situation von Filmemachern sprechen. Von deutschen Dokumentarfilmern hört man, dass sie, wenn sie Förderung von den Fernsehsendern erhalten, dazu gezwungen werden, fürs gleiche Geld bis zu drei Schnittfassungen abzuliefern - eine lange Fassung fürs Kino sowie eine 90- und eine 60-Minuten-Fassung fürs TV. Das sind eigentlich drei verschiedene Filme. Kann man so noch Filme machen?

Pasanen: Seitdem ich in Deutschland bin, werde ich immer wieder dazu aufgefordert, das deutsche Fernsehen für seine Förderpolitik zu kritisieren. Daran habe ich aber kein Interesse. Ich bin in Finnland bewusst aus dem Fernsehgeschäft ausgestiegen, weil ich nicht mehr an das klassische Sendermodell glaube. Wir erleben gerade das, was die Musikbranche vor Jahren schon durchgemacht hat: Die Leute legen nicht mehr Wert auf die Verpackung eines Produkts - ob sie Musik als CD oder Schallplatte präsentiert bekommen, ist für sie nicht entscheidend. Genauso geht es Filminteressierten, denen ist es egal, auf welchem Weg sie an einen Film kommen. Hauptsache, er ist dann verfügbar, wenn es ihnen passt. Fernsehsender zu kritisieren, halte ich deshalb für rückwärtsgewandt. Stattdessen müssen wir sehen, was es für neue, nachhaltige Modelle der Finanzierung und des Vertriebs geben kann.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für die Inhalte, welche Filme werden unter diesen Umständen noch gemacht?

Pasanen: Allgemein lässt sich sagen, dass Geldgeber durch den Wandel der Branche sehr verunsichert sind und eher auf konventionelle Stoffe setzen - zum Beispiel auf Geschichten, die entlang einer einzigen Figur erzählt sind, mit denen sich die Zuschauern ungehindert identifizieren können. Da braucht es mutige Leute, die auch mal Projekte fördern, von denen sie noch nicht hundertprozentig sicher sind, dass sie fürs Publikum funktionieren. Förderprogramme wie Creative Europe von der EU sind deshalb so wichtig. Ohne sie hätten wir nicht die unabhängige Filmszene, wie wir sie in Europa zurzeit haben.

SPIEGEL ONLINE: Im Vergleich zum Spielfilm sind die Budgets beim Dokumentarfilm seit jeher sehr viel geringer. Gleichzeitig sind Filmemacherinnen hier deutlich präsenter. Wie stellt sich für Sie die Situation von Dokumentar-Regisseurinnen dar?

Pasanen: Als ich am Anfang meiner Zeit in Leipzig zum ersten Mal von einem Journalisten zur Situation von Regisseurinnen gefragt wurde, konnte ich gar nicht glauben, dass das überhaupt ein Thema sein könnte. In Finnland gehören Frauen zu den toughsten Produzentinnen, den anerkanntesten Regisseurinnen. Es ist für mich Alltag, dass wir eine Präsidentin, eine Premierministerin, eine Bischöfin haben. Als wir uns aber an die Filmauswahl für das Festival gemacht haben, war ich geschockt: Ich konnte gar nicht glauben, wie wenige Filme von Frauen für den deutschen Langfilm-Wettbewerb eingereicht worden waren. Das wird uns in den nächsten Jahren noch sehr beschäftigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Ihnen die Kolleginnen und Kollegen aus dem Auswahlgremium den Umstand erklärt, dass so wenige Filme von Frauen dabei sind?

Pasanen: Ehrlich gesagt bin ich nicht so sehr daran interessiert herauszufinden, wer an einem Missstand schuld ist - ich will wissen, wie wir ihn beheben können. Wir hätten in diesem Jahr einfach alle eingereichten Filme von Frauen nehmen können, damit ihr Anteil nicht so gering ist. Aber das wäre eher einem Pflaster auf einer blutenden Wunde gleichgekommen. Strukturell geändert hätten wir dadurch nichts. Ich habe deshalb eine Panel-Diskussion zur Lage von Regisseurinnen auf dem Festival angeregt, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Mein Traum wäre es, Fördertöpfe nur für Regisseurinnen und Produzentinnen zu haben. Außerdem sollte es Workshops geben, die speziell auf die Bedürfnisse von Filmemacherinnen zugeschnitten sind.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vorgänger Claas Danielsen hat das Festival zehn Jahre geleitet. Wo sehen wir in diesem Jahr Ihre Handschrift als neue Leiterin am deutlichsten?

Pasanen: Beim Dok-Neuland-Projekt - das ist eine Art transparentes Iglu, das wir auf dem Marktplatz in Leipzig aufgebaut haben und das man kostenlos besuchen kann. Dort zeigen wir interaktive Produktionen, Spiele, Apps, Web-Dokumentarfilme. Die Leute eignen sich Stoffe neu an, und das verändert auch die Art, wie Geschichten erzählt und aufgenommen werden. Man hört und sieht nicht mehr nur das frontal Präsentierte, man fasst an, greift ein, erlebt Geschichten aktiv und emotional mit. Ich hoffe, den Leipzigern wird dieses kleine Geschenk des Festivals gefallen.


Das Festival Dok Leipzig wird am Montag, dem 26.10 um 19 Uhr im Cinestar-Kino eröffnet. Den Eröffnungsfilm "Alles andere zeigt die Zeit" gibt es ab 19:30 Uhr in der Osthalle des Leipziger Hauptbahnhof zu sehen. Dok Leipzig geht bis zum 1. November. Das Programm gibt es hier.

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1. Gute Dokus sind selten
fragel 26.10.2015
Doch muss ich diese Aussage ergänzen. Ich habe bestimmte Vorstellungen über die Inhalte, doch trifft es nur meinen Geschmack. Nur gut, das es inzwischen genug Laien gibt, die Filme drehen und sie bei Yoo Tube reinstellen. Dadurch ist es mir möglich viele Dokus anzusehen, die es so nicht gibt und oft habe ich da Wahlmöglichkeiten , wobei ich noch nach speziellen Filmen bzw Themen schauen kann.
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