Verarbeitung von Mordfällen Blicken Sie dem Täter in die Augen

Ein Mensch wird umgebracht - wie können die Angehörigen, aber auch die Täter das verarbeiten? Können sie gar einen gemeinsamen Weg finden? Die Doku "Beyond Punishment" erzählt von einer vorsichtigen Annäherung.


Stiva hat seine Jugendliebe Ingrid-Elisabeth getötet. Mehrfach hatte sie ihn von einer Party aus angerufen, ausgelacht und angedroht, ihn mit einem Klassenkameraden zu betrügen. Stiva nahm die Pistole seines Vaters, lauerte ihr auf dem Heimweg auf und erschoss die 16-Jährige. Nach einigen Jahren Strafanstalt darf der Norweger erstmals auf Hafturlaub in seinen Heimatort. Für Erik, den Vater des Mordopfers, beginnt ein Spießrutenlauf. Der Gedanke, er könne Stiva begegnen, ist für ihn unerträglich.

Mord verjährt nicht. Weder für die Angehörigen der Mordopfer, denen die Tat einen Schmerz zufügt, der jedes Maß übersteigt; noch für die Täter, die eine Schuld auf sich laden, die sie niemals werden abtragen können. Nominell auch nicht für die Justiz. In einem in seiner Rationalität notwendigen Akt zieht sie den Konflikt an sich und bestraft den Täter im Namen der Gesellschaft. Damit ist die Angelegenheit für sie erledigt. Nicht jedoch für Opfer und Täter, die für immer Gefangene ihres Schicksals bleiben. Kann es einen Ausweg daraus geben? Ist es vielleicht gar möglich, dass sich Opfer und Täter begegnen? Dass sie jenseits von Rechtsprechung und Strafvollzug einen Weg finden?

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"Beyond Punishment": Gemeinsam gefangen
Diesen Fragen geht der Berliner Dokumentarfilmer Hubertus Siegert in seinem Film nach. Ja, sie mutet zunächst ungeheuerlich an. Aber Siegert findet tatsächlich Ansätze für diesen Weg auf seiner Suche in Norwegen, den USA und Deutschland.

Ausgerechnet in den USA, dem Land mit den meisten Gefangenen weltweit, wird Siegert fündig. Janine Geske, eine ehemalige Richterin und Professorin für Restorative Justice, initiierte 1997 im Hochsicherheitsgefängnis Green Bay in Wisconsin ein psychosoziales Fortbildungsprogramm. Als Höhepunkt organisiert sie einmal im Jahr einen Gesprächskreis, bei dem drei Tage lang Tatbetroffene und Tatverantwortliche aufeinandertreffen - allerdings nicht aus dem gleichen Fall, sondern als Stellvertreter.

Täter und Betroffene im Schmerz vereint

Die Szenen, die Siegert hier filmt, gehören zu den emotionalen Höhepunkten seines Films. Mörder und Angehörige von Mordopfern sitzen in einem großen Kreis zusammen, sie rücken im Wortsinn eng zusammen und wirken plötzlich in ihrem Schmerz vereint. Überraschend, wie reflektiert beide Seiten über ihre Gefühle sprechen können. "Ich leide jeden Tag unter dem Wissen, dass ich meine Tat nicht rückgängig machen kann", sagt ein in Tränen aufgelöster Hüne. "Ich weiß, dass ich meine Ehre auf immer verloren habe." Ob man will oder nicht: In diesem Moment tritt hinter dem Mörder der Mensch hervor.

In New York begleitet Siegert Lisa und ihre Tochter Leola. Vor elf Jahren wurde Lisas Sohn in einem Supermarkt erschossen. Noch immer behauptet der zu 40 Jahren Gefängnis verurteilte Täter, unschuldig zu sein. Die beiden Frauen wissen nicht, ob sie ihm jemals vergeben können. Aber sie lassen sich auf das Gespräch mit einem anderen Mörder ein, um einen Blick auf die andere Seite zu werfen.

In Norwegen begegnet der Regisseur zwei Menschen, die in ihren Schicksalen gleichsam eingefroren sind. Zwar ist das norwegische Rechtssystem eines der liberalsten der Welt. Stiva kommt nach wenigen Jahren ganz aus dem Jugendarrest frei. Aber danach sind er und Erik mit ihren Gefühlen allein. Die Gespräche mit ihnen wirken so intensiv, weil sie tief blicken lassen in die Hölle der Einsamkeit und des Schmerzes, in die sie trotz allem Trennenden gemeinsam eingeschlossen sind. Immer wieder ist Erik kurz davor, auf Stivas Gesprächsangebot einzugehen, zieht sich aber kurz zuvor wieder zurück.

Ein kleiner Schritt Richtung Freiheit

Schon mit seiner Doku "Klassenleben" von 2004 war Hubertus Siegert seiner Zeit voraus. Als der Begriff Inklusion noch lange nicht in aller Munde war, porträtierte er eine Schule, an der behinderte und hochbegabte Kinder gemeinsam lernen. Mit "Beyond Punishment" hinterfragt der Regisseur ein Strafsystem, das bisher keinen Weg gefunden hat, Opfern und Tätern von Gewaltverbrechen echten Frieden zu verschaffen.

Dabei behauptet er nicht, eine Antwort zu kennen, im Gegenteil: "Beyond Punishment" ist gerade deshalb so bewegend, weil er nachvollziehbar macht, wie groß das Leid ist, das ein Mord hinterlässt. "Wir betrachten das Verbrechen selten so, wie es tatsächlich erlitten wird: als eine tiefe Verletzung von realen Menschen durch reale Menschen", formuliert Siegel es selbst im Presseheft.

Er zeigt aber auch das aufrichtige Ringen von beiden Seiten, das Geschehene zu verarbeiten und deutet an, dass dabei tatsächlich eine vorsichtige Annäherung helfen kann. Sein dritter Erzählstrang begleitet den Sohn des RAF-Opfers Gero von Braunmühl zu einem Treffen mit einem ehemaligen RAF-Terroristen, der zum Mörder an einem Polizisten wurde. Es wird keine völlige Erlösung bringen. Aber es ist ein kleiner Schritt Richtung Freiheit.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Beyond Punishment":

Beyond Punishment

    Deutschland 2014

    Buch und Regie: Hubertus Siegert

    Produktion: S.U.M.O. Film Hubertus Siegert

    Verleih: Piffl Medien

    Länge:114 Minuten

    Start: 11. Juni 2015

    FSK: 12 Jahre

  • Offizielle Website

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