Lange vor seiner Doku "Chelsea Hotel", die 2008 im Nebenprogramm des Filmfestivals in Cannes Premiere hatte, galt Regisseur Abel Ferrara mal als das, was dann Quentin Tarantino wurde: ein Film-Maniac mit individueller Handschrift und originellem Gewaltkonzept. Mit seinen Frühwerken "The Driller Killer" (1979) über einen Mörder mit Bohrmaschine und dem feministischen Rächerfilm "Die Frau mit der 45er Magnum" (1981) begeisterte er den Underground. Des Broterwerbs wegen machte er Fernsehen für Michael Mann ("Miami Vice"), das Horror-Remake "Body Snatchers" oder mit "Snake Eyes" den einzigen brauchbaren Madonna-Film, auch wenn Madonna das natürlich anders sieht.
Zu einer Tarantino-Karriere hat es aber nie gereicht, dafür war Ferrara dann doch zu abgedreht. Als sein Meisterwerk, die Gangstersaga "King of New York", im Herbst 1990 rauskam, redeten alle nur von Scorseses "GoodFellas". Zuletzt sorgte er noch mal für eine cineastische Fußnote, als er mit Werner Herzog, einem anderen Besessenen, wegen dessen Remake von Ferraras Schocker "Bad Lieutenant" aneinander geriet.
Nun also Ferraras Hommage an das Chelsea Hotel als DVD, drei Jahre nach Fertigstellung in deutscher Erstaufführung. Aber hier wird nicht die kulturelle Hip-Herberge, in der einst Größen wie Dylan Thomas, Arthur Miller, Bob Dylan, Jimi Hendrix, Madonna, Falco und Leonard Cohen abhingen, durch Namedropping gefeiert. Sondern das Hotel erscheint, wie nicht anders zu erwarten, unter dem eigenwilligen Blickwinkel des Regisseurs als Bohème-Sammelbecken für Außenseiter, ausgeflippte und seltsame Vögel. Zu den Künstlern, die zu Professorentypen ergraut sind, und den Ewig-Rebellen und Drinnen-Sonnenbrillen-Trägern mit Jeansjacke und Tattoos gesellt sich der Nachwuchs, dem ein ähnlicher Lebensweg vorgezeichnet ist. Älteres Fremdmaterial ist nur sekundenweise eingestreut, zum Beispiel Janis Joplin in Jamsession-Runde mit Jerry Garcia oder Andy Warhol mit William S. Burroughs, da sollte man sich von der Aufzählung auf dem DVD-Cover nicht täuschen lassen.
Einstellungen aus einem Gruselfilm
Wer gerade redet, wird nie per Namensschild eingeblendet. Promis wie die Hollywood-Stars Ethan Hawke und der mittlerweile verstorbene Dennis Hopper, Regisseur Milos Forman oder Comiczeichner Robert Crumb wechseln sich ab mit Gestalten vom Schlage "Muss man die kennen?". Ist das nun egalitär oder typische New Yorker Insider-Blasiertheit? Zwischen die plaudernden Hotelinsassen in Räumen, die wie Wohnungen eingerichtet sind und nicht wie anonyme Hotelzimmer, schneidet Ferrara Einstellungen wie aus einem Gruselfilm: leere Korridore, abgründige Treppenhäuser, sich unheilvoll öffnende Türen, erleuchtete Fenster in der Nacht. So als wähnte er sich im Berghotel von Kubricks "Shining" oder im Dakota Building von Polanskis "Rosemary's Baby".
Das berühmteste Verbrechen im Chelsea Hotel hat Ferrara in der Ästhetik eines Studenten-Workshops nachgestellt. Nancy Spungen, Freundin des durchgeknallten Bassisten Sex-Pistols-Bassisten Sid Vicious, kam im Oktober 1978 dramatisch im Hotel zu Tode (Er selbst starb knapp vier Monate später ebenfalls in New York). Eine deutsche Boulevardzeitung titelte damals: "Punk-Mord! Blut im Bad". Auch das ist angemessen schundig inszeniert. Wenn zwei Drogendealer mit Nachschub zum streitenden Paar stoßen und mitkeifen, lärmt dazu nicht etwa Punk, sondern dudelt übles Gitarrengegniedel. Einer der Drogenbeschaffer erinnert sich, als wäre er seitdem dauerbedröhnt. Ferrara taucht kurz selbst auf und schrammelt auf der Klampfe. Für ein paar heitere Momente sorgt dann Milos Forman, der wirkt wie ein zerstreuter Opa, der sich nicht richtig die Jacke anziehen kann.
Einer der Altbesitzer empört sich in der wie eine Kunstgalerie dekorierten Lobby, dass im Erbenstreit durch schnödes Profitstreben lang eingesessene Dauergäste rausgeekelt werden sollen. Viel mehr erfährt man über den Wertewandel des Hotels nicht, aber auch so gehen gut 80 Minuten kurzweilig vorbei, wenn man diese geballten Selbstverwirklicher und die krude Aufbereitung von Ferrara nicht so eng sieht.
Lohnt es sich jetzt, die DVD noch schnell auf den Gabentisch zu legen? Angeboten wird der Film nämlich von Koch Media, oft zu Recht für ihre liebevollen DVD-Ausgaben gelobt, nur in einer teuren Premium-Präsentverpackung. Beigepackt sind das Filmposter und ein eher schmales Buch, das man nicht unbedingt braucht. Die Abbildungen, Screenshots aus dem Film, sind überflüssig. Der Text von Kenner Christoph Huber ist manchmal prätentiös, füllt aber einige Info-Lücken, zum Beispiel über den Verkauf des Hotels an einen Immobilieninvestor in diesem Sommer, und hätte, sinnvoll gekürzt, auch in ein normales Booklet gepasst. Vielleicht gibt's nach der Geschenkesaison die DVD ja solo zu einem etwas freundlicheren Preis. Solange kann man sich damit trösten, vielleicht etwas für die verdiente Altersvorsorge des heute 60-jährigen Abel Ferrara getan zu haben.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels behaupteten wir, Sid Vicious sei ebenfalls im Chelsea Hotel ums Leben gekommen. Tatsächlich starb er rund vier Monate später in der Wohnung seiner neuen Freundin. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
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