Holocaust-Doku "No Place On Earth": Die Höhlen, die vor Hitler schützten

Die Geschichte klingt unglaublich: Jüdische Familien versteckten sich während des Zweiten Weltkriegs in einem Höhlensystem in der Ukraine. Später glaubte den Überlebenden niemand. Die Kino-Doku "No Place On Earth" erzählt nun endlich, wie diese 38 Menschen Hitlers Häschern entkamen.

Die riesigen Gipshöhlen im Westen der Ukraine sind weltberühmt. Doch als der New Yorker Höhlenforscher Christopher Nicola 1993 bei einer Expedition Überreste von Knöpfen und Schuhen tief unter der Erde fand, stieß er auf eine unbekannte Geschichte, die er erst zehn Jahre später aufklären konnte: In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs fanden mehrere jüdische Familien dort Zuflucht vor den Häschern des Holocaust. Gemeinsam mit den Überlebenden der Familien Stermer und Dodyk erzählen Nicola und die US-Filmemacherin Janet Tobias in dem Dokumentarfilm "No Place On Earth" von kämpferischer Hoffnung in einer Zeit der Grausamkeit.

SPIEGEL ONLINE: Herr Nicola, wie überlebt man 511 Tage unter der Erdoberfläche?

Nicola: Sie sind 1942 in Alltagsklamotten geflohen. Ohne spezielle Ausrüstung und ohne jegliche Erfahrung blieb ihnen nichts anderes übrig, als Schritt für Schritt durch Ausprobieren zu lernen. Ihre Betten zum Beispiel haben sie sich aus Holz gezimmert, um nicht auf dem kalten Boden liegen zu müssen. Dabei sind sie gewaltige Risiken eingegangen: Knöchelverletzungen sind mit das Häufigste, was in einer Höhle passiert. Sie mussten auch mit der Isolation klarkommen, mit dem Mangel an Sinneseindrücken und an Sonnenlicht. Man kann sich sehr leicht in diesen Höhlensystemen verirren. Die Energiezufuhr war gering, Essen gab es nur einmal am Tag. In einer Höhle ohne Luftzug hätte der Rauch vom Kochen tödlich sein können. Nach einigen Wochen hat sich der Biorhythmus so umgestellt, dass man 18, 19 Stunden pro Tag schläft. Außer den beiden Männern, die alle fünf, sechs Wochen gingen, um Nahrungsmittel zu holen, verließ 344 Tage lang niemand den zweiten Unterschlupf. Aber 38 Menschen gingen rein, und 38 kamen auch wieder raus.

SPIEGEL ONLINE: Der Höhle werden von den Einheimischen viele Bedeutungen zugeschrieben. Im Film wirkt sie irgendwann auch fast wie ein lebendiges Wesen.

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Doku "No Place On Earth": Gefangen - und doch frei
Nicola: Die Menschen in der Ukraine haben diese Höhlen in den sechziger Jahren wieder geöffnet. Sie erzählten mir, man würde dort unten etwas Bestimmtes fühlen. Das fand ich erst übertrieben, aber dann fühlte ich es irgendwann auch. Vielleicht war es nur Einbildung, aber später stieß ich auf die Überreste von Schuhen und Knöpfen, von menschlicher Präsenz. Womöglich hatten sie genau das gespürt. An manche Höhlen gewöhnt man sich so gut, dass man sich dort instinktiv fortbewegen kann - sogar viel schneller, als wenn man sich auf sein Sehvermögen verließe. Die Höhle scheint sich dir anzupassen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Tobias, für eine Filmemacherin, deren Beruf sich per definitionem um die Inszenierung von Licht und Schatten dreht, ist so eine Umgebung sicher Herausforderung und Experimentierfeld zugleich.

Tobias: Es war tatsächlich ziemlich leicht, gute Kameraleute wie César Charlone oder Ed Grau für dieses Projekt zu gewinnen. Wir haben uns auf einen Drahtseilakt eingelassen: Der Film sollte natürlich nicht zu dunkel werden, aber dennoch einen Eindruck davon vermitteln, wie es damals gewesen ist. Darum wollten wir ihn auch unbedingt ins Kino bringen, wo die Erfahrung von Dunkelheit noch eindrücklicher ist. Aber am Ende war die Welt praktisch auf den Kopf gestellt: Der dunkle, Furcht einflößende Ort wurde zu einer Zuflucht, während man an der Oberfläche jederzeit von seinem Freund oder Nachbarn verraten werden konnte. Licht und Dunkelheit haben so ihre Bedeutungen vertauscht. Abgesehen davon war der organisatorische Aufwand immens: Ich habe schon am Amazonas gedreht, aber Tausende Kabelmeter, Kameras, betagte Protagonisten und die Schauspieler alle sicher in die Höhle und wieder herauszubringen - das machte den Dreh zum anstrengendsten meines Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Die Geschehnisse in der Höhle haben Sie mit Schauspielern nachgestellt. Gerade in Bezug auf den Holocaust ist das umstritten.

Tobias: Wenn man mit Re-Enactment arbeitet, muss man noch sorgfältiger mit der Faktenlage umgehen. Die grundsätzliche Kritik an dieser Vorgehensweise respektiere ich: Der Mord an sechs Millionen Menschen lässt sich nie vollständig verstehen, aber man sollte es zumindest versuchen. Für mich ist die Kunst immer schon ein möglicher Schlüssel zum Verständnis der großen Fragen.

Nicola: Ich bin vertraut mit dem Argument, dass die Individualisierung des Verbrechens dazu beitrage, ihm seine enorme Dimension zu nehmen. Für mich aber funktionierte es umgekehrt: Als einem Nichtjuden, in dessen Familie es keine solchen Überlieferungen gibt, half mir die Individualisierung dabei, das Ausmaß der Katastrophe nachvollziehen zu können: Der Holocaust ist nicht eine einzelne Geschichte von sechs Millionen Toten, sondern besteht aus sechs Millionen Geschichten von Töchtern, Söhnen, Freunden, Liebhabern, Klassenkameraden und Nachbarn. Wenn man es so sieht, ist die schiere Zahl an Morden noch furchtbarer und überwältigender.

SPIEGEL ONLINE: Im Film sagen die Überlebenden, ihre Geschichte sei ihnen selbst so unglaublich vorgekommen, dass sie schwiegen. Aber Ihnen haben sie alles erzählt.

Nicola: Wir freuen uns sehr, dass uns dieses Vertrauen geschenkt wurde. Ich habe Saul Sterner einmal mit der Frage konfrontiert, die mir immer wieder gestellt wurde: Wenn das alles wirklich geschehen ist, warum hat noch nie jemand davon gehört? Da erwähnte er,was seiner Enkelin Erin passiert war: Sie hat in der Schule damit geprahlt und wurde deshalb von den anderen Kindern gehänselt. Sie bat ihren Großvater dann, vor der Klasse selbst von seinen Erlebnissen zu erzählen - und wurde danach nur noch mehr verspottet wegen ihres verrückten Opas mit seiner lebendigen Phantasie.

Tobias: Darum ist es so wichtig, dass Christopher die Objekte in der Höhle gefunden hat. Als er sie zu den Familien trug, wollten die Überlebenden ihre Geschichte, auf die sie so stolz sind, endlich an die Öffentlichkeit bringen. Saul ist jetzt 92 und immer noch voller Leidenschaft: "Was für eine Geschichte!", sagt er jedes Mal, wenn wir einander begegnen.


"No Place On Earth", jetzt in den Kinos, im Verleih von Senator Film.

Das Interview führte Tim Slagman

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insgesamt 2 Beiträge
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1. kino
shatreng 10.05.2013
Zitat von sysopDie Geschichte klingt unglaublich: Jüdische Familien versteckten sich während des Zweiten Weltkriegs in einem Höhlensystem in der Ukraine. Später glaubte den Überlebenden niemand. Die Kino-Doku "No Place On Earth" erzählt nun endlich, wie diese 38 Menschen Hitlers Häschern entkamen. Doku No Place On Earth: Jüdische Familien überleben in Höhlen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/doku-no-place-on-earth-juedische-familien-ueberleben-in-hoehlen-a-899048.html)
Werde mir den Film auf jeden Fall anschauen. Das making-of war vielversprechend.
2. fantastische Geschichten
Bhigr 10.05.2013
Je länger die Geschichte zurückliegt, desto fantastischer werden die Geschichte. Wer diese Story nicht glaubt, ist das dann ein "Holocaustleugner". Tut mir leid, aber mir kommt das alles sehr sehr unglaubwürdig vor. Ich glaube das nicht. Das heißt nicht, dass der Film nichts taugt. Der kann ganz fantastisch sein. Aber man sollte den vermeintlichen Wahrheitsgehalt nicht für bare Münze nehmen. Es ist in erster Linie ein fiktionales Werk.
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