Verschwörungs-Doku "Room 237": Der Teufel steckt im Teppich
Stanley Kubrick hat die Mondlandung inszeniert! Das und andere Absurditäten wollen Fans in "The Shining" entdeckt haben. Die Kinodoku "Room 237" versammelt einige der irrsten Theorien zum Horrorklassiker und ist doch gleichzeitig sehr viel mehr als eine Anhäufung versponnender Filmauslegungen.
"Er hat mehr als Filme erschaffen", hat Steven Spielberg einmal über Stanley Kubrick gesagt. "Er hat uns allumfassende Erfahrungen geschenkt, die an Intensität gewannen, nicht verloren, je öfter man sie anschaute." Dieser Aussage wird wohl jeder Filmfan zustimmen, Uneinigkeit dürfte aber in der Auslegung der Nuancen bestehen: Wie viel mehr steckt denn nun in Kubricks Filmen? Wie intensiv ist die Seherfahrung, die sie bieten, wirklich?
Rodney Aschers wunderbarer Dokumentarfilm "Room 237" führt uns genau zu diesen Fragen - und weit darüber hinaus. Die Arbeit über fünf besessene "The Shining"-Fans, die in Kubricks Meilenstein des Horrorfilms wahlweise eine Allegorie auf den Genozid an den Indianern oder eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust sehen, hat eigentlich das Wesen der filmischen Erfahrung zum Thema. Was wollen wir genau, wenn wir uns ins Kino setzen? Was bringen wir an ästhetischen, politischen, privaten Interessen und Prägungen mit? Wie beeinflussen sie das, was wir vom Geschehen auf der Leinwand mitnehmen?
Wenige Regisseure könnten sich für eine solche Untersuchung besser eignen als Kubrick. Der 1999 verstorbene US-Amerikaner trieb die genaue Komposition und symbolische Aufladung der Kinobilder geradezu manisch voran. Indem er darauf bestand, eine Szene aus "The Shining" mit Shelley Duval 127-mal zu drehen, bis der mit dem Ergebnis zufrieden war, schaffte er es sogar ins "Guinness Buch der Rekorde". Wie könnte in diesem Film also etwas auch nur ansatzweise zufällig sein?
Unmögliche Dreiradfahrt
Die Interviewten in "Room 237" machen sich denn auch Kubricks Ruf als Perfektionist zunutze und zeigen anhand von ausgeklügelten 3-D-Modellen mindestens genauso detailversessen, dass es bestimmte Fenster und Räume in der komplizierten Architektur des Overlook Hotels eigentlich nicht geben dürfte - ja, dass sogar die berühmte Dreiradfahrt ein Ding der physischen Unmöglichkeit ist, da sie den kleinen Danny über mehrere Treppen führen müsste, es aber nicht tut.
So weit, so überzeugend. Aber was ist mit den Verweisen auf die Raumfahrt? Die Apollo-Rakete auf Dannys Pullover, das Teppichmuster, das der Apollo-Startrampe verblüffend ähnlich sieht und dann plötzlich um 180 Grad gedreht zu sein scheint? Alles Hinweise darauf, dass Kubrick mitgeholfen hat, die Mondlandung zu inszenieren, und sich jetzt mit "The Shining" verklausuliert für den Betrug entschuldigt, oder?
Der Skifahrer ist doch ein Minotaurus!
Gekonnt zeigt Ascher in der Montage der Interviews das weitläufige Spektrum der möglichen Lesarten eines Films auf, von banal über raffiniert bis vollkommen abseitig. Gleichzeitig legt er damit auch die Mechanismen von Verschwörungstheorien offen - wie sie in der Realität fußen müssen, um uns von dort aus auf wackligeres Terrain locken zu können. Wie sie unsere Sehnsucht nach Parallelwelten jenseits unseres banalen Alltags bedienen. Und nicht zuletzt machen die Interviews klar, wie erhebend das Gefühl sein muss, vom Glauben ergriffen zu werden, als erster eine Täuschung durchschaut und einen Code geknackt zu haben.
Die beste Entscheidung von "Room 237" - benannt übrigens nach dem Raum, in dem Danny die blutverschmierten Zwillinge erscheinen und Jack eine vor seinen Augen verwesende Frau küsst - ist es sicherlich, die Interviewten nicht im Bild zu zeigen. Es werden nur Namen eingeblendet, biografische Daten allenfalls sporadisch genannt. Eine Überprüfung, ob das Äußere Hinweise auf die Glaubwürdigkeit der Sprecher bietet, bleibt uns verwehrt. Klischierte Vorstellungen davon, wie wohl ein Mensch aussieht, der im Film in einem Werbeplakat für Wintersport einen Minotaurus entdeckt haben will und davon auf das Labyrinth vor dem Hotel schließt, kommen auf und finden doch keine Bestätigung.
So sind wir letztlich auf das Wort der Interviewten zurückgeworfen - und natürlich die Filmbilder selbst. Viele sehen wir mehrfach, in einigen entdecken wir auch bei der wiederholten Sichtung noch neues, andere entziehen sich der Umdeutung. Wir, allein mit den Filmbildern, umgeben von den körperlosen Stimmen derjenigen, die denselben Film wie wir gesehen haben und doch etwas ganz anderes erkannt haben: Von etwas Abseitigem wie Verschwörungstheorien zu "The Shining" ausgehend, schafft es Rodney Ascher, Raum für die Reflexion über das Kino an sich zu schaffen.
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