Kino-Doku "Schnee von gestern" Eine zerrissene Familie

In der zutiefst berührenden Doku "Schnee von gestern" spürt eine junge Israelin ihrer schmerzhaften Familiengeschichte nach. Ihre Oma und deren Bruder überlebten den Nazi-Terror. Doch die Leben, für die sie sich entschieden, hätten kaum unterschiedlicher sein können.

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"Die Klaue der Geschichte." So nennt Yael Reuveny die Kraft, die an einem Morgen im Jahr 1945 im polnischen Lodz gewirkt haben muss. An diesem Morgen hätte Reuvenys Großmutter Michla Schwarz, eine litauische Jüdin, ihren geliebten Bruder Feiv'ke wiedertreffen können. Warum es nicht zu diesem Treffen kommt, das kann Yael knapp 70 Jahre später nicht mehr klären, längst sind ihre Großmutter und deren Bruder gestorben. Doch wie das fehlgeschlagene Treffen zwei Familien über drei Generationen hinweg prägt, das zeigt die israelische Regisseurin mit "Schnee von gestern" aufs Eindringlichste. Zu Recht wurde das Debüt sowohl auf dem Haifa Film Festival als auch beim Dok Leipzig Festival als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Ein haarfeiner Riss geht durch das einzige Foto, das Reuvenys Großmutter aus der Zeit vor dem Krieg geblieben ist. Er verläuft zwischen ihr und ihrem Bruder, dabei zeigen sie sich auf dem Bild noch innig verbunden. Doch der Krieg zerreißt die Familie. Feiv'ke wird als Angehöriger der polnischen Armee kurz nach Beginn des Krieges festgenommen und in das ostdeutsche KZ Schlieben-Berga gebracht. Michla wird mit dem Rest der Familie zum Umzug ins Ghetto von Vilnius gezwungen, wo alle bis auf die junge Frau sterben.

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"Schnee von gestern": Zwei Leben, zwei Länder, eine Geschichte

Was trennt, was verbindet

Als Michla nach Kriegsende in Lodz auf einen Bekannten trifft, der ihr sagt, dass sie am nächsten Morgen ihren Bruder auf dem Bahnhof treffen könnte, flammt ein letztes Mal die Hoffnung auf, doch nicht allein zu sein. Aber Michla wartet vergebens. Später hört sie, dass die Flüchtlingsunterkunft, in der Feiv'ke die Nacht schlief, von polnischen Nationalisten angezündet worden war. Eine schlimme Nachricht, die Michla mit ins neu gegründete Israel nimmt, wo sie sich niederlässt und eine Familie gründet. Doch was ihre Enkelin Yael zwei Generationen später erfährt, ist fast noch schlimmer: Feiv'ke ist in dieser Nacht nicht gestorben, er ist nach Schlieben zurückgekehrt, hat den Namen Peter angenommen und mit der Schwester eines Wehrmachtssoldaten eine Familie gegründet.

Zwei Länder, zwei Familien, zwei Arten, mit den Folgen des Krieges umzugehen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zunächst erscheint es, als würde "Schnee von gestern" von allem erzählen, was trennt. In einer sehr behutsamen Montage von Interviews mit deutschen und israelischen Freunden und Familienmitgliedern zeigt Reuveny aber auch, was die Geschwister gemeinsam hatten: Beide hüllten sich gegenüber ihren Kindern in Schweigen, was ihre Erlebnisse im Krieg betraf. Und beide versuchten bis zu ihrem Tod nie, den anderen wiederzufinden.

Doch Geschichte kann man nicht enden lassen, so sehr man sich auch anstrengt. Auf deutscher Seite ist es Peters Sohn Uwe, der eines Tages Kontakt mit den Verwandten in Israel aufnimmt. Auf israelischer Seite ist es Yael, die die Aufarbeitung der Familiengeschichte vorantreibt. Gemeinsam spüren sie nach, was Michla und Feiv'ke einst zu ihren Entscheidungen gebracht haben könnte, und gemeinsam suchen sie nach Möglichkeiten, wie mit diesen Entscheidungen umzugehen ist. Schnell stellen sich Fragen nach Schuld und Verrat noch einmal neu. Denn dieses gemeinsame Suchen und Nachspüren, diese Art der Familienzusammenführung - ist es nicht genau das, was die Geschwister nie wollten?

Zum Schluss, so zeigt es Reuveny, findet sowohl die Generation ihrer Eltern als auch ihre eigene einen Weg, um die Geschichte der Familie anzunehmen und sie gleichzeitig zu verändern. Es ist ein versöhnlicher Schluss, aber auch einer, der deutlich macht, wie viel Kraft die Versöhnung gekostet hat - und wahrscheinlich noch lange kosten wird.


"Schnee von gestern", ab 10.4. im Kino (Verleih: Film Kino Text). Von: Yael Reuveny.



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lilsue66 10.04.2014
1. Familiengeschichte
so eng verwoben sind familiäre Tragödien mit zeitgeschichtlichen Katastrophen. ich komme selber aus einer großen Familie, die durch die Geschichte wie auch privaten Tragödien auseinander gerissen ist. bis heute. und es liegt an dem nichtmiteinanderreden. was man nicht laut ausspricht, existiert auch nicht. so erträgt meine Familie bis heute, was passiert ist. ich finde es immer wieder super, wenn sich Menschen aktiv damit auseinander setzen, um sich dann wieder zusammen zu raufen. und es ist toll, wenn sie mit einer Dokumentation anderen zeigen, wie es geht. auch, wenn es meiner Familie nicht hilft: Danke an diese Menschen.
wolkenduett 14.04.2014
2. danke
für diese Empfehlung. Ich werde mir diese Dokumentation ansehen. Aus eigenen Erfahrungen kann ich sagen, dass man die Vergangenheit ruhen lassen muss, um weiter zu machen.
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