Film über Anti-Psychiatrie-Bewegung Irre wird man erst im Irrenhaus

Mit seiner Doku "SPK Komplex" schlägt Gerd Kroske ein vergessenes Kapitel von '68 neu auf: Die radikale Kritik an der Psychiatrie, die mitunter in Gewalt bis hin zum RAF-Terror umschlug.

Edition Salzgeber

Fragen, Fakten, Namen und Akten - Am Anfang von Gerd Kroskes Dokumentarfilm über das Sozialistische Patientenkollektiv (kurz: SPK) ist alles noch unsortiert. Zusammen mit einem Archivar der Uni Heidelberg steigen wir in einen Keller hinab. Eiserne Regale mit den hellbraunen Pappordnern stehen hier so dicht aneinander, dass man sie, will man an eines der Dokumente gelangen, auseinanderkurbeln muss. Der Archivar zieht eine Mappe aus dem Aktenschrank; sie enthält die Immatrikulationsunterlagen von Wolfgang Huber an der Universität Heidelberg. Zwischen 1955 und 1965 studierte er hier Medizin. Im Nebenfach: Philosophie.

An manchen Punkten, sagt der Archivar, könne man durchaus nachvollziehen, was das Sozialistische Patientenkollektiv (kurz: SPK) damals durchsetzen wollte. Es sei eine schwierige Zeit gewesen: Der Universitätsdirektor sei zwischen die Fronten geraten, der Fall Huber habe dabei eine ganz wichtige Rolle gespielt. Die Frage, wo genau Gewalt einsetze, sei außerdem eine schwierige.

Wer sich zuvor nie mit dem SPK auseinandergesetzt hat, dem wird in dieser ersten Szene bereits die führende Hand entzogen. Die Regalwände werden aufgekurbelt, der Film öffnet sich, die Arbeit kann beginnen: Was hatte es auf sich mit dem SPK, dem Vorreiter der Antipsychiatrie-Bewegung im Umfeld der 68er und der RAF?

Rudi Maehrlaender mit einem Foto von Wolfgang Huber
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Rudi Maehrlaender mit einem Foto von Wolfgang Huber

Unter der Leitung Hubers formierte sich 1970 in Heidelberg eine Gruppe von Ärzten und Psychiatriepatienten mit dem Ziel, bestehende anstaltspsychiatrische Behandlungsweisen und -kontexte zu revolutionieren. "Krankheit als Waffe", so hieß die Losung, unter der sich das Kollektiv zu hierarchielosen Gruppentherapiesitzungen zusammenfand. Angeleitet von marxistischen Theoremen vertraten sie die These, dass die Krankheit des Einzelnen - speziell die psychiatrische Erkrankung - auf die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse zurückzuführen seien.

Solidarisch eingesperrt

Der antipsychiatrische Impuls der Gruppe ging deshalb weit über die Reformierung therapeutischer Praktiken hinaus und hatte vordergründig eine grundlegende Neubestimmung des Begriffs Krankheit im Visier. Man hört es immer wieder im Verlauf von "SPK Komplex": "Alle sind krank" - und weil Krankheit ein kollektiver Zustand ist, lässt sie sich auch nur kollektiv behandeln und zwar immer mit Blick auf das erkrankte Kollektiv selbst.

Dass Kroske mit den Ideen der Gruppe mehr als sympathisiert, sieht man am Ende, wenn sich die Kamera in einer Gefängniszelle einsperren lässt. 1972 kam es zu einer Reihe von Prozessen gegen Mitglieder des sogenannten inneren Kreises des SPK. Es wurden Waffen sichergestellt, einige Aktivisten wechselten zu dieser Zeit außerdem in die RAF. Auch Huber und seine Ehefrau wurden 1971 wegen der Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung verhaftet.


"SPK Komplex"'
Deutschland 2018
Regie und Drehbuch: Gerd Kroske
Produktion: Realistfilm, Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB)
Verleih: Edition Salzgeber
Länge: 111 Minuten
Start: 19. April 2018


Kroske betreibt mit diesem Film nicht nur eine Historiografie der Entstehung, der Entwicklung des SPK. Vielmehr lässt sich sein Film auch als eine Problematisierung der Frage verstehen, wie sich Geschichte darstellt, wenn man auf sie drauf schaut.

Als auf Polizisten geschossen wurde

Dass die Personen, die im Laufe von "SPK Komplex" vor der Kamera zu Wort kommen - ehemalige Patienten, Ärzte, Anwälte, Richter oder Polizisten - nicht durch Bauchbinden identifiziert werden, zeigt, dass Kroske mit diesem Film keine Montage der Experteneinschätzungen im Sinn hat, kein Kontrastieren von Position und Gegenposition. Es geht ihm sehr darum, eine Art Perspektivendiagramm zu entwerfen, das von unterschiedlichen Philosophien des Schauens getragen wird.

Carmen Roll
Edition Salzgeber

Carmen Roll

Die ehemalige SPK- und RAF-Anhängerin Carmen Roll bringt diese Perspektivenfrage auf den Punkt: Dass Psychiatrien Menschen weniger aus der Krankheit führten, sondern sie im Gegenteil erst ins System der Krankheit integrierten. Irre ist nicht der, der irre ist, sondern der, der im Irrenhaus ist - um es in der so derben wie überlegten Sprache Rolls zu sagen.

Einmal führt uns Kroske das Problem des Schauens ganz besonders vor Augen. Wir sehen einen Ausstellungsschrank mit Waffen im Stuttgarter Polizeimuseum. Ein Mann steht davor und erklärt mit Verweis auf die betäfelten, historisch sortierten Exponate den Übergang von der Pistolentasche zum Pistolenholster: Zur Baader-Meinhof-Zeit, sagt er, zu einer Zeit also, in der auf Polizisten geschossen wurde, mussten Beamte schneller als früher zugreifen können. Die Tasche mit dem Druckknopf wurde impraktikabel, sie musste ersetzt werden. Den Pistolenholster nutzt man bis heute. Auch das ist eine Weise, auf die deutsche Nachkriegsgeschichte zu blicken: In der Vitrine stillgestellt, anschaubar, unschädlich gemacht.

Diese Szene steht in schönem und denkbar größtem Kontrast zum Beginn des Films: Denn es ist eben ein Unterschied, ob man auf eine vitrinierte, mit Infotafeln versehene, oder eine aus unzähligen Ordnern quellende Geschichte schaut. Und es ist gerade die spannende Leistung von "SPK Komplex", dass er nicht nur eine filmische Chronik des sozialistischen Patientenkollektivs abspult, sondern dass er immer auch die Frage stellt, wer eigentlich was genau sieht, wenn er von wo aus schaut.

Im Video: Der Trailer zu "SPK Komplex"

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oalos 21.04.2018
1. Kontra.
In Italien wurden seinerzeit - ganz im Geiste des SPK -- die Irrenanstalten geöffnet, die über Jahre Eingesperrten nach Hause gelassen: (anscheinend paradoxerweise) dorthin wo sie krank geworden sind -- in eine kranke Gesellschaft. Den meisten ging es da besser. Weniger ausgegrenzt und ambulant versorgt.
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