Doku "Sportsfreund Lötzsch" Der Rebell, der unters Rad kam

Wolfgang Lötzsch galt als das größte Radsporttalent der DDR. Doch weil er sich der Diktatur nicht beugen wollte, drangsalierte sie den Sportler - und erklärte ihn zum Staatsfeind. Der Film "Sportsfreund Lötzsch" erzählt anrührend die Geschichte eines zerstörten Glücks.

Von Steffen Gerth


Nur noch die kleine Fahrradlampe leuchtet, als Wolfgang Lötzsch in die Nacht hineinradelt. Und irgendwann wird auch dieses Blinken verschluckt von der Dunkelheit. Gewiss ist dieses Schlussbild gewählt worden in der Absicht, eine starke Symbolik zu erzielen. Ein Mann, ein Fahrrad, der Kampf gegen die Einsamkeit. Lötzsch war und ist zwar kein einsamer Mensch, aber ein großer Teil seines Lebens steht für den Kampf gegen einen Staat, der eine außergewöhnliche Begabung nur unter Bedingungen anerkennen will.

"Es ist schön, wenn man dahinfliegt, und alle anderen fliegen weg", sagt Wolfgang Lötzsch und schwärmt von der Faszination, bei großer Hitze einen Berg hinaufzufahren. Steil muss dieser Berg sein, so steil, dass nur er als erster auf dem Gipfel ankommt, weil der Rest des Feldes ihm niemals folgen kann. Und es waren wenige, die diesem Lötzsch folgen konnten in den siebziger und achtziger Jahren, als sich der Mann aus Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, den Radsport der DDR untertan machte.

Lötzsch wurde als Rebell vergöttert und von den Frauen geliebt. Vielleicht war der Sachse mit dem schönen Fahrstil ja wirklich das größte Talent auf zwei Rädern, das je in Ostdeutschland aufgewachsen ist, viel größer und viel wahrhaftiger als Jan Ullrich. Ganz gewiss ist die Geschichte von Lötzsch eine sehr traurige.

Sandra Prechtel und Sascha Hilpert erzählen diese Geschichte in "Sportsfreund Lötzsch", einem Dokumentarfilm, der wahrscheinlich nur von einem Spartenpublikum entdeckt wird. Was ein Jammer ist. Denn dem Regieduo ist ein starker Film gelungen. Prechtel und Hilpert gelingt es nämlich, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit der DDR zu beschreiben – ohne jedoch das Land zu dämonisieren.

Lötzsch darf nie ein großer Rennradfahrer werden mit Starts bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen. Denn er will nicht in die SED eintreten, so wie es Pflicht war unter den Spitzensportlern der DDR. Die meisten taten es, beugten sich der Heuchelei – und holten internationale Medaillen. Lötzsch wolle nur Rad fahren, nicht heucheln.

Sportsfreund Lötzsch
(Deutschland 2007)
Regie: Sandra Prechtel und Sascha Hilpert
Verleih: MFA
Laufzeit: 86 Minuten
Start: 17. Juli 2008


offizielle Website

"Politik war ihm egal", sagt sein alter Trainer Werner Marschner. Also bekommt der schnelle Sachse Schwierigkeiten mit der Obrigkeit. Er wird aus dem staatlichen Fördersystem ausgeschlossen, darf nur noch bei bestimmten nationalen Rennen antreten, wird von der Staatssicherheit überwacht und muss 1977 wegen angeblicher "Staatsverleumdung" für zehn Monate ins Gefängnis. Als er freikommt, setzt er sich aufs Rad – und deklassiert gleich in seinem ersten Rennen die DDR-Kadersportler.

Prechtel und Hilpert erzählen diese Geschichte, indem sie ausnahmslos die Protagonisten sprechen lassen, ohne Anklage und ohne Dokutainment-Firlefanz wie etwa bei Guido Knopp. Es ist ein stiller Film mit melancholischer Musik von Jan Tilman Schade, ruhiger Kameraführung von Marcus Winterbauer und einem ruhigen Schnitt von Katja Dringenberg. Der balanciert den Film gut aus mit großartigen Radsportbildern aus alten DDR-Zeiten und zurückhaltend fotografierten Momenten der Gegenwart in der Biederkeit des heutigen Chemnitzer Kleine-Leute-Lebens: Lötzsch beim Rasenmähen, beim Flirten mit einem jungen Mädchen in der Provinzdisco, bei der meditativen Bastelei im Radkeller – und bei einsamen Radfahrten durch Sachsen.

Staatsräson über alles

Wolfgang Lötzsch hat mit der Zeit viel Hass auf die DDR aufgebaut – doch wenn er heute, als immer noch athletischer 55-Jähriger, davon erzählt, nein, berichtet, dann klingt das beinahe lakonisch. In "Sportsfreund Lötzsch" fallen keine emotionalen Nullsätze, die in den heute oftmals so aufgescheuchten TV-Dokus für Dramatik sorgen sollen.

Prechtel und Hilpert steuern ihre Spannung durch pure Faktenauflistung. Dazu gehört auch das ruhige Verlesen der Bespitzelungsprotokolle über Lötzsch, in denen festgehalten wird, dass das Elternhaus keine Dachantenne besitzt und die Familie in der Nachbarschaft unbeliebt sei. Für den speziellen Sound dieses Films sorgt der harte sächsische Dialekt, den alle sprechen: der Trainer, die Verehrerinnen - und der Stasi-Major. Gerade dieser Geheimdienstmann Heinz Engelhardt steht für die Hybris der DDR. Auch er schwärmt für Lötzsch' Begabung, doch ihm ging die Staatsräson über alles - und das, obwohl Lötzsch lange kein Feind des Systems war – er wurde dazu gemacht.

Nur ganz wenige Szenen lassen Lötzsch' Trauer über sein gestohlenes Glück erahnen: wenn er als späterer Mechaniker in der Juniormannschaft des Profiteams Milram von einem Jungprofi wie ein Laufbursche behandelt wird, wenn er im Materialwagen einem Radrennen folgt, wenn er aus der Distanz die Siegerehrung verfolgt. Dann sieht Lötzsch deprimiert aus - und einsam.



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