Doku über Townes Van Zandt Trauriger Troubadour

Townes Van Zandt ist eine der tragischen Figuren der Rock-Historie: 1997 starb der sensible Sänger, zerfressen von Alkoholismus und Depressionen. Leben und Erbe eines der einflussreichsten Song-Poeten Amerikas würdigt eine rührende Kino-Dokumentation.


Wer Townes Van Zandt im Herbst 1996 auf seiner letzten Deutschland-Tournee erlebte, konnte ahnen, dass sein Ende bald bevorstand. Bei einem Auftritt in Hamburg etwa mussten Helfer den von jahrelangem Alkoholismus ausgezehrten Künstler auf dem Weg zur Bühne stützen, und anschließend erzeugte Van Zandt ein akustisches Gewitter beim zunächst vergeblichen Versuch, mit zittriger Hand das Verstärker-Kabel in die Gitarre zu stöpseln. Anfang Januar 1997 war dann die Nachricht zu lesen, dass der 52-jährige "Texas Troubadour" am Neujahrstag an einem Herzinfarkt gestorben war, nachdem er sich zuvor bei einem Sturz die Hüfte gebrochen hatte.

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"Be Here to Love Me": Die Tragik des texanischen Troubadours
Mit "Townes Van Zandt - Be Here to Love me" kommt nun eine Filmbiografie ins Kino, die das Leben des von einer eingeschworenen Fangemeinde kultisch verehrten Folk-Poeten impressionistisch aufblättert. Auch seine berühmtesten Stücke werden in Erinnerung gerufen: die Outlaw-Ballade "Pancho And Lefty", das eindringliche "If I Needed You" und das fatalistische "Waiting Around To Die", die freilich nie ihrem Schöpfer, sondern als Coverversionen diversen anderen Artisten Chart-Erfolge bescherten.

Zugleich dürfte die angenehm zurückhaltend gestaltete Hommage selbst der einschlägig informierten Gefolgschaft neben nostalgischen Momenten neue Einblicke bieten. Sie habe passend zur Musik Van Zandts einen handgemachten Film vorlegen wollen, "Vinyl, nicht CD, analog, nicht digital", sagt Regisseurin Margaret Brown, Tochter des amerikanischen Musikers Milton Brown, über ihren ersten Film. Es ist ihr auf fesselnde Weise gelungen.

Imposant ist insbesondere, wie viele Originalaufnahmen aus Van Zandts Jugend- und sogar Kindheitsjahren die Autorin aufgetrieben hat. Manche Ausschnitte stammen aus dem 1981 entstandenen Country-Sittengemälde "Heartworn Highways"; die Existenz der vielen anderen erklärt sich durch den Umstand, dass der 1944 in Fort Worth geborene Van Zandt einer begüterten und einflussreichen Ölfamilie entstammte, deren Urahn einst an der texanischen Verfassung mitwirkte und nach der bis heute ein County des US-Bundesstaats benannt ist. In solchen Kreisen wurde eben auch schon in den vierziger Jahren das Familienleben mit der Kamera dokumentiert.

Dem wohlbehüteten Hintergrund zum Trotz entwickelte sich der junge Townes früh zum von Depressionen geplagten Problemkind. Mit 20 stürzte er sich aus dem vierten Stock eines Hauses, nur um zu erfahren, wie sich das anfühlt. In der Folge wurde er in einer Nervenheilanstalt einer Elektroschock-Therapie unterzogen, bei der er einen Teil seiner Kindheitserinnerungen einbüßte. Eine Beziehungslosigkeit und Ungebundenheit, die sich in seinen Songs und seiner später begonnenen rastlosen Wanderschaft widerspiegelt.

Sehr aufschlussreich sind Archivaufnahmen und Konzertmitschnitte, in denen Van Zandt einerseits den mit Gewehr vor seinem Trailer posierenden Outlaw gibt, andererseits aber gesittet in biederen Fernsehshows auftritt. Zahlreiche Weggefährten kommen zu Wort, darunter Willie Nelson, Emmylou Harris, Kris Kristofferson, Steve Earle und Guy Clarke. Beeindruckend: die vorwurfsfreien Kommentare seiner drei Ehefrauen und seiner drei Kinder (darunter die im gleichnamigen Song besungene jüngste Tochter Katie Bell), die die Eskapaden ihres Mannes bzw. Vaters offenbar als unvermeidliche Kehrseite seines Genies zu akzeptieren vermochten.

Van Zandt wird greifbar als Drifter im Stile der Beat-Poeten Jack Kerouac und Allen Ginsberg. Jerry Jeff Walker, Autor des Klassikers "Mr. Bojangels", hatte dem Autodidakten früh erklärt, dass er, wenn er ein richtiger Songwriter sein wolle, nichts anderes nebenbei tun könne - und Van Zandt, notorisch uninteressiert an Geld und Geschäftlichem, setzte die Anweisung eins zu eins um.

Seine Todessehnsucht, sein ständiger Kampf mit den Dämonen Depression und Drogensucht, scheint in vielen seiner eigenen Worte durch: "Mein Leben wird zu Ende gehen, bevor meine Arbeit zu Ende ist. Ich habe es selber darauf angelegt", sagt der vom Blues-Barden Lightnin' Hopkins inspirierte Künstler einmal. Oder: "Ich denke nicht, dass alle meine Songs traurig sind. Ich habe ein paar, die nicht traurig sind - sie sind hoffnungslos." Da blitzt dann neben aller Tragik auch der trockene Humor Van Zandts auf, der ihn auf Konzerten zum gefürchteten Geschichten- und Witzeerzähler werden ließ.

So sehr der Film noch einmal vor Augen führt, dass die besten Werke Van Zandts in seinem ersten Karriere-Jahrzehnt entstanden (bereits seinem sechsten Album gab er 1972 den selbstironischen Titel "The Late Great Townes Van Zandt") und so bitter seine Selbstzerstörung anmuten mag, so tröstlich ist gleichwohl der ungebrochene Einfluss dieses "Songwriter's Songwriter" auf die ihm nachfolgenden Kollegen bis zu den Grunge- und Independent-Bands der neunziger Jahre.

Am Ende bleibt der Zuschauer melancholisch, aber beseelt zurück; eine Wirkung, die jener der Van Zandtschen Musik nicht unähnlich ist: Schließlich gelang es ausgerechnet ihm, dem Unbehausten, auf wunderbare Weise, anderen emotionalen Halt zu vermitteln.



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