Film über Yilmaz Güney Tyrann und Freiheitskämpfer

Galionsfigur der kurdischen Bewegung, charismatischer Choleriker, James-Bond-Lookalike: Yilmaz Güney wird bis heute verehrt. Ein Dokumentarfilm lässt nun Filmszenen mit der Realität verschmelzen.

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Yilmaz Güney - ich, die Rezensentin, hatte ehrlich gesagt noch nie von ihm gehört. Die türkischen Einwanderer auf der Straße einer französischen Kleinstadt bekommen hingegen glänzende Augen, wenn sie auf Güney angesprochen werden: "Für uns war er ein Idol, ein Held. Wir wollten wie er sein", erzählt ein älterer Mann strahlend, und ein anderer, der hinter einer Theke stehend Kebab zubereitet, sagt: "Das erste, was mir zu Güney einfällt, ist, dass er ein mutiger Mann war." Diese Szene aus dem Dokumentarfilm "Die Legende vom hässlichen König" macht deutlich, dass die Erinnerung an den türkisch-kurdischen Schauspieler und Filmemacher Yilmaz Güney bis heute nicht verblasst ist.

In seiner Heimat war Güney, der an mehr als 100 Filmen als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur mitgewirkt hat, ein Star, geliebt und verehrt. Im Westen wurde er bekannt, als er 1982 die Goldene Palme in Cannes gewann, für "Yol", einen Film, der nach seinen Anweisungen aus dem Gefängnis heraus gedreht wurde. Denn Güney, 1937 im türkischen Adana geboren, gestorben 1984 im französischen Exil, hat viel Zeit in türkischen Gefängnissen verbracht.

Er war eine Gallionsfigur derkurdischen und sozialistischen Freiheitskämpfe und hat an die Revolution geglaubt; die Goldene Palme nahm er mit erhobener Faust entgegen, und mit erhobener Faust folgten Tausende seinem Sarg, als er in Paris begraben wurde.

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Dokumentarfilm "Die Legende vom hässlichen König": Ein Superstar voller Widersprüche

"Die Legende vom hässlichen König" ist eine filmische Annäherung an diesen ebenso populären wie politischen Filmemacher, eine Annäherung, die die Form einer Reise annimmt. Sie beginnt in Westeuropa mit Stationen in Cannes, Wien und Paris, passiert Istanbul und Adana und endet schließlich in Diyarbakir, dem Zentrum der türkischen Kurden im äußersten Südosten des Landes. Gedreht hat sie Hüseyin Tabak, ein junger, deutsch-kurdischer Filmemacher, der von sich selbst sagt, nur wegen Güney Filmemacher geworden zu sein, und sein Güney-Porträt dementsprechend als persönliche Recherche angelegt hat.

Bei den Interviews mit Zeitzeugen, Freunden und Weggefährtinnen von Güney ist Tabak oft mit im Bild. Zwischendurch sieht man ihn im Zug über Notizen gebeugt oder zu Hause vor einer Wand voller krakeliger Zettel mit Jahreszahlen, Namen und Filmtiteln stehen. Trotz dieser subjektiven Markierungen vertraut "Die Legende vom hässlichen König" letztlich doch einer Art Mosaik-Technik, die objektivierend wirkt: Stück für Stück setzt sich über die Interviews ein vielstimmiges Porträt zusammen, während die Frage, was genau Güney und seine Filme für Tabak persönlich bedeuten, zusehends aus dem Blick gerät.

Keine filmästhetische Betrachtung

Dafür gibt "Die Legende vom hässlichen König" Einblicke in eine Filmkultur und Schauspieltradition, die wahrscheinlich vielen im Westen fremd ist. Das Spektrum reicht vom arachaischen Pathos strenger Schwarzweißbilder, die das Leben unter quasi-feudalen Strukturen in aller Härte zeigen, bis hin zu stylishen Gangsterfilmen, in denen Güney als eine Art James Bond auftritt, in weißem Smoking und schwarzer Fliege, untermalt von Surf-Gitarren-Sound: der Mann, der die Pistole unters Kopfkissen schiebt, bevor er sich der schönen Nackten in seinem Bett zuwendet. Das elektrisierende Charisma von Güney - der wegen seiner virilen Schönheit, die sich von der anderer türkischer Filmstars der Zeit unterschied, "hässlicher König" genannt wurde - transportiert sich sofort.

Gerade weil das gezeigte Filmmaterial so umstandslos in Bann zieht, ist es schade, dass eine genauere filmästhetische Betrachtung nicht stattfindet; es fehlt eine Filmhistorikerin oder ein Kritiker, die die Form und Bildsprache von Güneys Filmen zum Thema macht. Dass es dazu viel zu sagen gäbe, zeigt ein Essay des Filmkritikers Bert Rebhandl, der gerade in der aktuellen Ausgabe der Filmzeitschrift "Cargo" erschienen ist. Von der "kaleidoskopischen mise-en-scène" liest man dort, mit der Güney einzelne Szenen in viele, kaum variierte Einstellungen aufzulösen pflegte.


"Die Legende vom hässlichen König"

Deutschland, Österreich 2017
Regie: Hüseyin Tabak
Drehbuch: Hüseyin Tabak, Mehmet Aktas
Verleih: Mitosfilm
Länge: 122 Minuten
FSK: k.A.
Start: 11. Oktober


"Die Legende vom hässlichen König" unternimmt stattdessen eine biografische Lektüre und begreift Güneys Leben und Werk als untrennbar und schicksalhaft verwoben. Die Ausschnitte aus Filmen werden so mit den Aussagen seiner Weggefährten montiert, dass Film und Leben einander ständig kommentieren und Fiktion und Realität restlos ineinander aufzugehen scheinen.

Szenen aus Güneys Film "Seyyit Han" ("Bride of the Earth") von 1968, in denen ein Mann (gespielt von Güney selbst) seine Geliebte (gespielt von Nebahat Çehre, Güneys Ehefrau) erschießt, stehen etwa neben Çehres Erinnerungen daran, wie Güney sie in einem gewaltsamen Wutausbruch mit dem Auto umgefahren und ihr das Schlüsselbein gebrochen hat. Immer wieder produzieren Tabaks Montagen solche Spiegelverhältnisse und ziehen Güneys Filme heran, um sein Leben zu bebildern.

Überhaupt, Güneys Wutanfälle. Schon zu Beginn des Films sieht man ihn bei Dreharbeiten in Frankreich einen Dolmetscher verprügeln, weil der angeblich falsch übersetzt hat. Der sozialistische Freiheitskämpfer gegen Diktatur und Faschismus erweist sich (nicht nur) am Set als handgreiflicher Tyrann. Dabei hat Güney in seinen Filmen, nicht nur in "Seyyit Han", paternale und patriarchale Gewalt immer wieder radikal bloßgestellt, wie etwa eine schwer erträgliche Filmszene zeigt, in der ein Vater seinen erwachsenen Sohn minutenlang verprügelt und den am Boden liegenden mit Füßen tritt.

So bleibt Güney eine widersprüchliche Figur, deren Konflikte Tabaks Film nicht auflösen kann oder will. Eine Fachzeitschrift mit dem etwas altertümlichen Namen "Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes" hat übrigens 2012 den Aufsatz eines deutschen Turkologen über Güney veröffentlicht. Überschrift: "Wer war Yilmaz Güney? Schlaglichter auf eine linke Macho-Ikone."

Im Video: Der Trailer zu "Die Legende vom hässlichen König"

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