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Dokumentarfilm: Die Taube in aller Munde

Von Elke Schmitter

Warum eigentlich ist das Lied "La Paloma" ein so zeitloser Welterfolg? Die Filmemacherin Sigrid Faltin ist um den Globus gereist, um diese Frage zu beantworten - und kam mit einer einzigartigen Dokumentation im Gepäck zurück.

Globalisierung? Eine gute Idee, wenn sie so swingt wie hier. Quasi einmal um die Welt führt der Dokumentarfilm von Sigrid Faltin, durch die Tiefe des Raums und der Zeit: Ursprünglich vor etwa 150 Jahren von einem Basken komponiert, der auf Kuba weilte und sich offenbar ungern und aus unklaren Gründen von der karibischen Insel trennte ("Als ich Havanna verließ, oh mein Gott / sah keiner mich gehen außer mir" heißt es im Original), ist das melancholische Lied von der Taube inzwischen der wohl meistgespielte Song der Welt und in unzähligen Kulturen nicht nur gern gesehener Gast, sondern einheimisches Liedgut geworden.

CD-Cover zu "La Paloma: Der wohl meist gespielte Song der Welt
Realfiction

CD-Cover zu "La Paloma: Der wohl meist gespielte Song der Welt

Aber warum ist dieser Song ein solcher Erfolg? Dieser Frage geht die Filmemacherin Sigrid Faltin in ihrer unterhaltsamen Dokumentation "La Paloma" nach, die heute im Kino anläuft.

Im rumänischen Banat spielt es die Blaskapelle rituell am offenen Grab ("Draußen am Friedhof, dort steht ein großes Kreuz…"), auf Hawaii schläfert Harry Koizumi damit sein Strandpublikum ein ("No more do I see the starlight caress your hair…"), in Afghanistan ist es – in der Version des Volkshelden Ahmed Zahir – ein Underground-Hit ("Von dir, du Blume, wünsche ich…"), und auf Sansibar rockt es die Festgesellschaft als Rausschmeißer ("Meine Damen und Herren, wir sagen auf Wiedersehen…").

Die sprichwörtliche Taube taucht in vielen Versionen nicht mehr auf – hin und wieder ist sie aber doch noch weiß und bringt den Frieden; andernorts wird davor gewarnt, sie mit einem Geier zu verwechseln. Für den Hamburger Peter Fläschner, der mit seinem Akkordeon Ausflugsschiffe begleitet, ist es der Song, der die Leute mit Gewissheit zum Tanzen bringt, und für die Unterhaltungsindustrie gilt die Erfahrung: "La Paloma kann man praktisch alle zehn Jahre zum Hit machen."

Faltins Film erzählt vom Musikgeschäft, von Brauchtum und Politik in wechselnden Tonfällen, die allen Szenen gerecht werden – selbst der Erinnerung an Theresienstadt, wo Coco Schumann, der berühmte Berliner Jazzer, als 19-Jähriger der SS damit aufspielen musste. Warum gerade "La Paloma"? "Ich weiß es nicht. Ich stelle mir vor, das war damals ein Hit, und den wollten sie immer wieder hören."

Bewegender Abschluss der gewitzten Weltreise: das Ding als Fanal gegen den Imperialismus, interpretiert von der wunderbaren Eugenia León unter freiem Himmel vor einer Million Menschen auf dem Zócalo, dem zentralen Platz von Mexico City. Wie es gelingt, aus 39 Takten Musik Trauer und Glück, Sehnsucht und Hitze, Weltschmerz und politischen Protest zu gestalten, bleibt ein globales Rätsel, dem dieser einzigartige Film so innig wie kurzweilig nachgeht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
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1. Die Taube
bico 26.06.2008
Ich habe zufälligerweise gestern einen Drehorgelspieler in Paris auf der Strasse gehört, der La Paloma abdudelte und war total erstaunt, da ich das für urdeutsches Liedgut gehalten habe (Hans Albers...). Nun bin ich eines Besseren belehrt, habe aber die Melodie immer noch im Kopf.
2. ...
taffy-61 26.06.2008
Manchmal sind es die größten Belanglosigkeiten, die einem auf seltsame Art und Weise das Herz erwärmen können... und wer um alles in der Welt kommt schon auf die Idee, einen Film über La Paloma zu drehen... da bin ich ja mal gespannt! Mir fällt zum Lied immer der Sprücheklassiker ein: "Keine Zähne im Maul, aber La Paloma pfeifen..."
3. Dass...
juf 26.06.2008
...Tauben ganz besondere Vögel sind und besseres verdient haben, als dahin gemetzelt zu werden, ich ja schon immer gesagt: http://www.benefitz.de/?p=336
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